Nazila Jafari kennt die Gesetzmäßigkeiten der Börse seit vielen Jahren. Die Spezialistin für Daytrading ist eine der bekanntesten Frauen im Börsengeschäft. Es ist ihr besonderes Anliegen, Frauen Mut zu machen auf dem Weg zum privaten Traden. Ihre Einschätzung: Frauen sind als Trader genauso geeignet wie Männer. Warum das so ist, erläutert sie im Gespräch mit GodmodeTrader.de.

ANZEIGE

Frage: Frau Jafari, warum gibt es Ihrer Meinung nach so wenige weibliche Trader?

Das hängt von ein paar Faktoren ab, die in der Natur der Frau liegen. Über eine kurze Erörterung dieser Faktoren möchte ich Ihre Frage beantworten.

Das Konzept "Frau" vertritt das Sammlerprinzip. Das hängt mit ihrer biologischen Funktion zusammen. Sie hat das Bedürfnis, die Familie sicher um sich zu sammeln und zusammen zu halten. Das Thema Sicherheit steht bei ihr – oft – an erster Stelle.

Das bedeutet natürlich nicht, dass sie generell keine Risiken eingeht.

Oft ist die Frau sogar wesentlich mutiger als der Mann, aber erst dann, wenn sie zum einen sowohl intuitiv als auch intellektuell, ­– aufgrund eines einstudierten Weges - weiß, was sie tun muss, um aus einer gefährlichen, riskanten Situation herauszukommen. Und zum anderen wenn sie weiß, wie groß die Chancen auf Erfolg sind, d.h. wenn sie weiß, in welchem Verhältnis Chance und Risiko stehen müssen, um erfolgreich zu sein.

Oft wird fälschlicherweise Wahrscheinlichkeit mit Sicherheit verwechselt, was an der Börse generell der falsche Ansatz ist. Sicherheit ist ein von Menschen erfundenes Wort. Es ist ein Ideal, es ist nur ein Gefühl. Was wirklich existiert sind reale Gefahren, Risiken und Wahrscheinlichkeiten.

Damit stehen wir vor einem der wesentlichsten Probleme an der Börse. Bei den meisten Handelsansätzen sind nämlich die Faktoren Risiko und Wahrscheinlichkeit nicht auf Anhieb sichtbar. Dadurch wird das Unsicherheitsempfinden bei der Frau geweckt.

Frage: Könnten Sie hierzu ein Beispiel nennen?

Der Mensch ist sehr individuell und hat ebenso individuelle Interessen. Meistens hat er ein brennendes Ziel vor Augen, auf das er völlig fixiert ist und diesem folgt er natürlich mit großem Enthusiasmus ohne sich zu fragen, ob es Sinn macht, oder ob es vielleicht sogar höchst wahrscheinlich ist zu scheitern. Aber durch die ununterbrochene Beschäftigung, das gesteckte Ziel auch zu erreichen, kennt man schließlich jedes Detail des Vorhabens so genau, dass man sich ganz "sicher" glaubt. Und in diesem Glauben wird aus Wahrscheinlichkeit eine irrtümliche Sicherheit, dass das anvisierte Vorhaben auch wirklich gelingt. Im Glauben fühlt man sich eben "sicher"!

Frage: Sicherheit scheint Ihnen ein ganz wichtiger Punkt zu sein…

Ja, Sie merken schon, ich rede nach wie vor von einem Gefühl der Sicherheit. Für das Realitätsbewusstsein aber gibt es keine Sicherheit, sondern der jeweiligen Situation entsprechend, gewisse Risiken und diese können auf Nachfrage sofort aufgezählt werden. Durch Professionalität werden die Risiken aber so weit minimiert, dass wir ihnen dann nur wenig Aufmerksamkeit schenken müssen.

Aber es gibt noch einen weiteren Punkt: Es ist doch kein Geheimnis, dass der Mann von Natur aus ein ausgeprägtes Denkzentrum und die Frau ein ausgeprägtes Intuitionszentrum besitzt. Das Konzept "Mann" ist daher experimentier-, sprich risikofreudiger und sucht nach Herausforderungen. Die Frau hingegen setzt ihre Intuition ein und sucht nach einem funktionierenden System, in dem sie sicher ist, wenn sie sich systemkonform verhält.

Leider wird sehr oft die weibliche Intuition mit „Bauchgefühl“ verwechselt, obwohl das Bauchgefühl nichts mit Intuition zu tun hat. Das Bauchgefühl beruht nämlich auf drängenden Emotionen, nicht auf Gewissheit, das Richtige zu tun.

Frage: Was ist ein Gefühl und was bedeutet Intuition genau?

Gefühle sind die wortlosen Begleiter individueller Lernerfahrungen und aktivieren in uns Emotionen, die automatisch an exakt diese Lernerfahrungen gekoppelt sind. Deswegen sorgen Gefühle in der Regel für Missverständnisse, Komplikationen und Unsicherheit.

Intuition dagegen basiert auf Gewissheit, einem Wissen, das auf in Zahlen ausdrückbaren Wahrscheinlichkeiten beruht. Je höher die Wahrscheinlichkeit ist, desto sicherer kann man sich wissen. Auf das Trading übersetzt heißt das: Je öfter ein Trader einen Treffer erzielt, je höher der Gewinn pro Treffer ausfällt und je öfter er reproduzierbare Erfolge erzielt, desto mehr können wir von Wissen sprechen.

Um die weibliche Intuition als Gabe in Perfektion zum Einsatz zu bringen, braucht die Frau klare Strukturen, d.h. feste Vorgehensweisen, in denen sie sich sicher bewegen kann. Sie ist dann in der Lage im passenden Moment intuitiv die regelkonforme, einstudierte Strategie bzw. Taktik zu wissen, anzuwenden und für schnelle, erfolgreiche Ergebnisse zu sorgen.

Aber wo sehen Sie die Unterschiede zwischen dem Verhalten von Mann und Frau an der Börse?

Im Börsensektor kursieren die verschiedensten Techniken, mit auf den ersten Blick erkennbar oder nicht erkennbar geringer Wahrscheinlichkeit auf Erfolg, schlechtem Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) und schlechtem Money-Management-Ansatz. Dies löst in der Frau fast regelmäßig ein so starkes Gefühl der Unsicherheit aus, dass sie von ihren Gefühlen überwältigt, emotional handelt. Emotional gesteuertes Handeln führt aber selten zu erhofften und reproduzierbaren Ergebnissen und bewirkt schlussendlich, dass die Frau sich vom Trading zurückzieht, - was in diesem Fall nicht von Nachteil ist.

Ein Misserfolg bringt den Mann dagegen nicht so leicht aus der Ruhe. Er versucht sein weiteres Vorgehen rational zu erklären, er optimiert, er probiert Neues aus und spricht sich auf seinem Weg solange Mut zu, bis er entweder Erfolg hat oder durch die Realität des falschen Weges zum Aufhören gezwungen wird.

Vielen Dank für das Aufschlussreiche Interview Frau Jafari!

Die Fragen stellte Helge Rehbein.