Ich bin „ein Kind volatiler Märkte“. Ist das vielleicht der Grund, warum ich der Entwicklung im DAX und damit in vielen deutschen Aktien kritisch gegenüber stehe? Sehne ich den Crash herbei, obwohl der Markt eine andere Richtung einschlagen möchte? Ist meine Indoktrinierung der letzten Jahre vielleicht daran schuld?

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    Diese Gedanken gingen mir gestern Abend durch den Kopf, als ich für den täglich erscheinenden Markt vor Neun der Citigroup den DAX-Ausblick schrieb. Dabei durfte ich wieder einmal zusehen, wie die Märkte, respektive Charttechnik, seitens der Zentralbanken ausgehebelt wurden. Der DAX machte sich in den vergangenen Tagen im Rahmen einer Erholung auf zum Widerstand bei 9.705/20 Punkten. Dabei ließ das Momentum der kleinen Kaufwelle zuletzt nach, was mir in mein Szenario, dass wir a) im übergeordneten Bild bärisch unterwegs sind und b) der Widerstandsbereich für eine auch kurzfristige Topbildung genutzt werden könnte, gut ins Bild passte. Dumm nur, dass sich nachbörslich die Zentralbanken zu Wort meldeten und verbal den Markt stützten – wieder einmal. Der Index sprang deutlich über den 9.705er Preisbereich an und kletterte in der Spitze bis auf 9.795 Punkte.

    Wieder einmal „pushte“ man zur richtigen Zeit. Nicht das erste Mal in den vergangenen Monaten/Jahren und immer wieder drängte sich mir die Frage auf, ob dies alles gesund sei. Was ist die Rally der letzten Jahre wert? Ist sie nicht größtenteils das Ergebnis einer Geldschwemme? Gibt es nicht genug Krisen in Europa, um für Zündstoff auf der Unterseite zu sorgen?

    In meiner bisherigen Antwort stimmte ich diesen Argumenten zu und war dem DAX seit letztem Jahr zunehmend kritisch gegenübergetreten. Vor allem auch, was das längerfristige Bild anbelangte. Musste nicht mal ein ordentlicher Crash her? Eine „lächerliche“ Bereinigung von knapp 30 % seit dem Allzeithoch letzten Jahres und gerade einmal 10 Monate „Schwierigkeiten“, dass konnte doch noch nicht alles sein. Dies jedenfalls sagte mir meine „Erfahrung“.

    Ich fing 1999 mit der Börse an und musste in dieser Zeit zwei große Bärenmärkte und einen ordentlichen Kurseinbruch hinnehmen. Abbildung 1 zeigt den DAX-Verlauf seit meinen ersten Börsenerfahrungen. Dies prägt die eigene Meinung und Vorstellung von der Börse. Hinzu kommt, dass ich mit „Allzeithochs“ nur eine Erfahrung gemacht habe: sie haben in der Regel nicht lange Bestand und werden im Anschluss ordentlich bereinigt. Was anderes kenne ich quasi nicht und mit mir wahrscheinlich auch viele Leser hier nicht.

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    Problematisch ist nur, dass die Kurse bisher nicht wirklich fielen. Selbst das Ergebnis des Brexit-Referendums scheint die Bullen nur kurz aus der Bahn geworfen zu haben und so muss ich mich zunehmend fragen, ob meine Argumentationen und Erfahrungen wirklich korrekt sind.

    Ohne Zweifel, Krisen haben wir in Europa ausreichend und aus diesen heraus existieren Risiken, die uns schneller einholen können, als uns lieb ist. Dass sie uns einholen werden, steht jedoch nicht fest. Bis dato scheint, zumindest mit Blick auf die Kursverläufe, Optimismus zu herrschen. Und warum soll sich dieser nicht genauso gut durchsetzen können. Der DAX hat seit seinem letzten Allzeithoch bereits 30 % korrigiert und scheint sich charttechnisch stabilisieren zu wollen (siehe Abb. 1 oben). Die Maßnahmen der Zentralbanken & Co. scheinen bis dato zu funktionieren und stützen den Markt. Ist dies vielleicht schon ausreichend?

    Gehen wir der Sache auf den Grund

    Diese konkrete Frage führte mich zu einer ersten, über meinen praktischen Erfahrungshorizont hinausgehenden Analyse. Ich schaute mir den Ultra-Langfristchart des S&P500 an. Gerne hätte ich den DAX genommen, jedoch ist meine Historie mit Kursen ab 1991 zu kurz. Also muss der marktbreite US-Index herhalten, um der Frage nachzugehen, wie „Krisen“ verlaufen.

    Dazu waren zunächst „Krisen“ zu definieren. Hierfür griff ich auf eine einfach Sache zurück. Fällt der Monatschart per Schlusskurs unter den Supertrend-Indikator zurück, herrscht eine Krise. Der Supertrend ist ein Volatilitätsindikator. Um eine Krise anzuzeigen, müssen die Kurse ein über die aktuelle Volatilität hinausgehendes Maß fallen. Die Nutzung des Monatscharts sollte dabei den mittelfristigen Aspekt aufgreifen. Abbildung 2 zeigt den Verlauf des S&P seit 1950. (Anm: der Supertrend gibt im Rahmen dieser Analyse kein Signal, er dient rein zur Visualisierung)

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    Was folgte, war Handarbeit. Ab in den Chart und die Krisen auszählen und die Verluste notieren. Das Ergebnis dessen können Sie Abbildung 3 entnehmen.

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    Wie Sie unschwer erkennen können, wurden in knapp 66 Jahren 30 größere und kleinere „Krisen“ ausgemacht. Interessanter ist jedoch, dass nur wenige davon zu Verlusten von mehr als 30 % geführt haben. Gerade einmal ca. 20 % aller Krisen überschritten diese Schwelle. Was zudem auffällt, ist die Tatsache, dass sich die größten Rückschläge in meiner praktischen Börsenzeit abspielten. Was ich und mit mir viele andere Börsianer seit dem Jahr 2000 erlebten, ist historisch eher eine Ausnahmesituation denn die Regel.

    Werfen wir noch einen Blick auf die Dauer der Krisen (Abb. 4). Auch hier ist unschwer zu erkennen, dass zeitlich ausgedehnte bärische Phasen eher die Minderheit darstellen. Lediglich eine ist länger als 21 Monate. Nur 3 kommen über 20 Monate hinaus. Insgesamt gab es nur 7 Phasen von Korrekturen, die länger als ein Jahr dauerten.

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    Ein erstes Fazit

    Meine Prägung, was eine Krise ist und wie diese abzulaufen hat, scheint zu kurz zu sein. Ich denke, 16 Jahre Börse und Trading sind nicht wenig, aber sie reichen anscheinend immer noch nicht aus, um sie als Maßstab für alles nehmen zu wollen. Werfen wir bestätigend nur einmal einen Blick auf den ganz großen Bullenmarkt ab den 80iger Jahren. Wer weiß, ob wir nicht gerade erst im Jahr 1991 angekommen sind (siehe markierter Bereich in Abb. 5). Nach einer mehrjährigen volatilen Phase konsolidiert der S&P über Monate auf einem Allzeithoch. Die große Sause ging gerade erst los und der S&P legte in den folgenden Jahren um fast 300 % zu.

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    Ehrlich? 300 %? Aktien sind doch jetzt schon teuer!

    Skeptiker werden an dieser Stelle, wahrscheinlich auch nicht völlig unbegründet, mit dem Kopf schütteln. Schließlich ist der Vergleich mit 1991 relativ willkürlich. Die politische Lage (Rolle der Zentralbanken, EU, …) war damals eine gänzlich andere. Oder doch nicht? Eine Antwort auf diese Frage überlasse ich anderen, nicht zuletzt, weil der Arbeitsaufwand für solche Vergleiche immens ist. Stattdessen fokussiere ich mich auf mein zweites Standbein meiner ursprünglichen Crashstimmung: die Aktienbewertungen. Eine Rally von hunderten Prozent dürfte kaum möglich sein, wenn Aktien bereits jetzt massiv überteuert sind.

    Werfen wir also einen Blick auf die aktuellen Kurs-Buchwert-Verhältnisse und deren Durchschnittswerte. Die beiden folgenden Abbildungen zeigen diese Kennzahlen für die im DAX befindlichen Aktien.

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    Auffällig sind die extremen Unterbewertungen bei den Banken. Diese sollten derzeit nicht zu ernst genommen werden. In diesen Unternehmen stecken potentielle Risiken, die über das KBV nicht erfasst werden können, weshalb es Stimmen gibt, die die starke Unterbewertung eher als Warnsignal sehen.

    Aber um Einzelwerte soll es an dieser Stelle gar nicht gehen. Mich interessiert ein grober Gesamteindruck und auch hier gibt es eine kleine Überraschung. Vorausgesetzt die Daten stimmen (wovon ich ausgehe), liegt bei 17 Aktien das aktuelle KBV unterhalb des Durchschnitts. Die Aktie sind folglich relativ günstig – zumindest formal. Bei den 13 über dem Durchschnitt liegenden Aktien gibt es bspw. mit Pro7 oder Adidas ordentlich „überbewertete“ Unternehmen, aber auch viele, die nur leicht über den Durchschnittswerten liegen. Von einer DAX-globalen massiven Überbewertung kann derzeit nicht gesprochen werden, so mein grundlegendes Fazit aus diesen Daten. In die gleiche Kerbe haut das DAX-Index-KGV. Hier liegt der Schwerpunkt dessen um ca. 16, was über dem aktuellen Wert von 12,39 liegt. Der DAX scheint damit deutlich unterbewertet (Quelle: boerse.de).

    Es ist nicht alles so schwarz, wie es scheint

    Mir mag die Entwicklung im Markt und auf politischer Ebene gefallen oder nicht, aber mein kleiner Ausflug in die Geschichte zeigt mir, eventuell zu einseitig zu denken. Für mich persönlich bleiben Risiken bestehen und gewisse Aktionen der Zentralbanken kann ich nur mit einem Kopfschütteln beantworten, aber dies zieht nicht zwangsläufig einen neuen Weltuntergang nach sich. Natürlich sind die hier gemachten „Analysen“ alles andere als allumfassend und extrem tiefgründig, aber dies war auch nicht das Ziel. Meine eingangs gestellte Frage, ob ich als „Kind volatiler und ausgeprägter Bärenmärkte“ eine zu bärisch gefärbte Brille aufhaben könnte, konnte ich mir jedenfalls beantworten. Das heißt nicht, dass ich jetzt gleich den großen Bullenmarkt ausrufen muss, aber die Option, mit den Tiefs im Juli im DAX durchaus schon die Korrekturtiefs gesehen zu haben, hat an Chance gewonnen.

    Viel Erfolg

    Ihr Rene Berteit