Von wegen, besinnliche Weihnachtszeit: Vor allem jüngere Anleger, die zum ersten Mal mit fallenden Kursen konfrontiert sind, werden in diesen vorweihnachtlichen Tagen ungläubig auf den Depotauszug blicken. Wo sind nur all die schönen Kursgewinne hingekommen, von denen man sich schon eine Weltreise, eine Luxuswohnung oder ein neues Auto erträumt hatte??

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Klare Antwort: Diese Wünsche sind jetzt dabei, sich in Luft aufzulösen. Und das ist auch ein Grund, warum vor allem unerfahrene Anleger Phasen fallender Kurse meist bis zum bitteren Ende „mitmachen“:

Die Greenhorns wollen einfach nicht wahrhaben, dass die Gewinne futsch sind und hoffen jetzt inständig, dass die Börsen ihre alten Höhen erklimmen und der Alptraum von selbst wieder aufhören möge.

Solche Gedankenmuster sind typisch für beginnende Baissen. Sie führen dazu, dass viele Anleger die Verluste einfach „aussitzen“. Denn „langfristig steigen die Börsen ja immer“, so lautet dann ein beliebtes Trostpflaster.

Auf Sicht vieler Jahrzehnte trifft das tatsächlich zu. Dabei kann es freilich vorkommen, dass die Kurse auch einmal zehn oder 20 Jahre lang auf der Stelle treten. In solchen Phasen verrichten die Bären ihr Werk und bereinigen all die enormen Fehlentwicklungen, die zuvor durch das Bullenlager aufgetürmt wurden.

Diesbezüglich herrscht derzeit ja kein Mangel:

Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte wurden die Zinsen über einen so langen Zeitraum so tief nach unten manipuliert wie seit März 2009. Die folgende „Weihnachtsgrafik“ zeigt die Zinsentwicklung seit dem Jahr 3000 vor Christi Geburt.

Und wer ehrlich zu sich selbst ist, der wird sich eingestehen müssen, dass eine auf diese Weise künstlich erzeugte und historisch einzigartige „Hausse“ nur in einer Baisse enden kann, die ebenfalls ohne Beispiel ist….

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Nun haben sich ausgerechnet im Oktober und November 2018 die schon ausgestorben geglaubten Bären mit überraschendem Elan zurückgemeldet – zu einer Zeit also, da „alle Welt“ mit einer Jahrendrallye kalkulierte.

Damit sind wir bei einem wichtigen Aspekt:

In den vergangenen zehn Jahren wurden Abschwünge in Konjunktur und Wirtschaft, wie auch an den Börsen, mit Unmengen an billigem Geld regelrecht ertränkt. Dadurch ist ein enormer Scheinwohlstand entstanden, der mit der Realität rein gar nichts zu tun hat. Wir alle leben derzeit in einer Vermögensillusion bei Aktien, Anleihen und Immobilien, die eines schönen Tages wie eine Seifenblase zerplatzen wird.

Bildlich gesprochen wurden die Bären, jene Sinnbilder für fallende Aktienkurse, mit dicken Geldsäcken immer wieder aus den Börsensälen vertrieben, sobald sie auch nur ein leises Grummeln von sich gegeben hatten. Man gab ihnen nichts zu fressen, entsprechend groß ist jetzt der Bärenhunger der Pelztiere….

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Dabei wäre ihr konstruktiver Vernichtungsfeldzug so wichtig gewesen: Erst wenn Fehlallokationen beseitigt wurden und unrentable Firmen pleite gegangen sind, ist in einem völlig normalen Konjunkturzyklus der Boden bereitet für den nächsten Aufschwung.

Genau das aber haben die Zauberkünstler in den Elfenbeintürmen der Zentralbanken mit ihrer Geldflut geradezu zwanghaft verhindert.

Die Kardinalfrage lautet natürlich, ob die Bären nach zehn Jahren Diät jetzt schon zum allumfassenden Vernichtungsschlag ausholen.

Kurzfristig wohl eher nicht, denn den Anlegern zittern die Knie bereits wie Espenlaub. Der Angstindikator des Börsensenders CNN in der folgenden Grafik zeigt das: Mit aktuell 8,00 Zählern ist das Barometer nur noch einen Wimpernschlag von einer echten Panik entfernt. Doch bitte keine voreiligen Schlüsse: Natürlich kann der Indikator auch auf null fallen, bevor die Börsen zu einer schnellen Gegenbewegung ansetzen.

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Update vom 22. Dezember: Am gestrigen Freitag ist der Indikator auf 3 Punkte eingebrochen. Die Angst erreicht einen neuen Dreijahres-Rekordwert. Damit wäre eigentlich mit einer schnellen Gegenbewegung zu rechnen. Auf der anderen Seite sind bei den großen Indizes noch keine Trendwendemuster zu erkennen. Womöglich könnte das Barometer tatsächlich auf null Punkte fallen und dort auch einige Zeit verharren. Das wäre ein Novum in der jüngeren Geschichte...

Wie sich die längerfristige Perspektive darstellt, das steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt. Bemerkenswert ist etwa die jüngste Entwicklung bei den Aktienkrediten in den USA.

Wie die folgende Abbildung zeigt, wurde hier zuletzt ein wichtiges Verkaufssignal generiert: Die seit sechs Jahren gültige Aufwärtstrendlinie wurde vor wenigen Tagen nach unten durchbrochen. Achten Sie auf die schwarze Linie in der folgenden Abbildung.

Das Ereignis ist keineswegs so harmlos, wie es in der Grafik vielleicht daherkommt: Einbrechende Aktienkredite waren in der Vergangenheit schon mehrfach ein hochbrisantes Warnsignal. Trendbrüche wie zuletzt, waren davor etwa in den Jahren 2001 und 2007 zu sehen. Verkaufslawinen, ausgelöst durch Zwangsliquidierungen von Aktiendepots, waren jeweils die Folge.

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Bemerkenswert ist auch das Verhalten des so genannten „Smart Money“. Wie die folgende Grafik zeigt, scheint die Flucht der kapitalstarken Adressen aus den Börsensälen gar nicht mehr enden zu wollen. Der Absturz, der Anfang des Jahres begonnen hatte, hat sich zuletzt weiter fortgesetzt. Das weckt Erinnerungen an das Jahr 1929, als die großen Adressen das sinkende Schiff ebenfalls rechtzeitig verlassen haben, um sich schließend bei fallenden Kursen eine goldene Nase zu verdienen...

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In Zeiten anhaltender Geldexperimente ist außerdem der Blick auf den Bankensektor von zentraler Bedeutung. Dort beginnt gerade auf allen Ebenen ein massiver Bärenmarkt. Die Aktie von Goldman Sachs etwa hat seit dem Hoch zu Jahresbeginn in der Spitze rund 40 Prozent abgegeben. Dazu die folgende Grafik:

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Anders als S&P 500 und Dow Jones befindet sich auch der vorauslaufende US-amerikanische Transportindex mit Verlusten seit dem Jahreshoch von rund 22 Prozent bereits in einem Bärenmarkt. Und nachdem sich die US-Notenbank mit ihrem Zinsentscheid von dieser Woche geweigert hat, die Aktienmärkte ein weiteres Mal zu "retten", dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich auch die großen US-amerikanischen Leitindizes in der Hand der Bären befinden...

Dass vom S&P 500 mittelfristig nicht mehr viel zu erwarten ist, erkennt beim Blick auf die folgende Grafik auch ein Börsenanfänger:

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Komplettiert wird das düstere Bild durch den Russell 2000, in dem kleine und mittlere US-Unternehmen zusammengefasst werden. In diesen Tagen schickt sich das Marktbarometer an, die schwächste Quartalskerze seit 30 Jahren (!) zu vollenden. Dazu der folgende Kursverlauf, der zurückreicht bis in das Jahr 1988. Der MACD auf Quartalsbasis steht jetzt unmittelbar vor einem ungewöhnlich starken Verkaufssignal. Achten Sie auf die rote Markierung.

Die Beobachtung ist ein weiteres Alarmsignal, denn wäre da nicht etwas Größeres im Anflug, würde dieser sehr breit aufgestellte Index nicht eine derart schwache Quartalskerze ausbilden. Selbst das Desaster der Jahre 2008 und 2009 verblasst im Vergleich mit der aktuellen Entwicklung.

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Der Russell 2000 bildet gerade die schwächste Quartalskerze seit 30 Jahren…

Interessant ist außerdem, dass sich der Edelmetall-Sektor jetzt völlig konträr zu allen anderen Marktsegmenten entwickelt. Das folgende Bild zeigt eine Momentaufnahme von dieser Woche: Während "alles" fällt, sind die Edelmetall-Aktien aus dem Dow Jones Gold Mining-Index der Fels in der Brandung. Das gilt sowohl in der Wochenperspektive, als auch auf Sicht der vergangenen drei Monate. Achten Sie auf die grün eingefasste Zeile ganz unten.

Die Entwicklung wirft ein Schlaglicht auf die kommenden Jahre. Denn je stärker die seit 2008 im Hintergrund schwelende Krise auf das Finanzsystem durchschlägt, desto besser dürften sich Gold, Silber und die Minenaktien entwickeln.

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Faszinierend ist an dieser Stelle, dass viele Vermögensberater, Finanzmarktanalysten und sonstigen Anlageprofis die Tragweite der aktuellen Entwicklungen nicht einmal ansatzweise erfasst haben:

Was wir gerade erleben ist ohne historische Vorbilder. Deshalb wird der nächste Bärenmarkt nach menschlichem Ermessen auch kein „normaler Abschwung“. Tatsächlich könnte der größte Bärenmarkt der Finanzgeschichte jetzt unmittelbar vor der Tür stehen.

Das historisch einzigartige Finanzexperiment in der Menschheitsgeschichte, dessen Zeugen wir seit dem Jahr 2009 werden, wird nach heutigem Kenntnisstand jedoch nicht in einem Crash enden, wie man ihn sich normalerweise vorstellt.

Was uns in den kommenden Jahren erwartet, dürfte eher einer „Höllenfahrt“ gleichen, bei der gigantische Scheinvermögen, die im Zuge der Geldflut seit 2009 bei Aktien, Anleihen und Immobilien entstanden sind, einfach verschwinden.

Man sollte daher mit nie gekannter Volatilität rechnen - und insbesondere mit Ereignissen, die heute niemand auf der Rechnung hat. Namentlich ist dabei etwa an den absurden und jeder Realität entrückten weltweiten Derivateberg zu denken, der heute auf den Kapitalmärkten lastet. Rechnen Sie damit, dass Banken und Versicherer pleitegehen und dass Derivate dann reihenweise ausfallen werden.

Der Brexit, der 2019 nun wohl ansteht, könnte sich dabei als Fanal erweisen, denn wie wir jüngst an dieser Stelle festgehalten hatten, schwebt in diesem Zusammenhang das Damoklesschwert einer 50-Billionen-Euro-Bombe über dem Finanzsektor. Insbesondere bei einem ungeordneten Ausstieg Großbritanniens aus der EU, den der frühere Chef des ifo-Intituts, Professor Hans-Werner Sinn im folgenden Beitrag skizziert, könnte dies schon im ersten Quartal 2019 einigen Wirbel verursachen...

Und das soll eine Weihnachtsbotschaft sein?

Nein, denn die kommt erst zu guter Letzt: Lassen Sie sich von fallenden Aktienkursen bloß nicht die Laune verderben. Denn wie heißt es so schön:

Wir kommen auf diese Welt ohne irgendetwas zu besitzen – und wir verlassen sie wieder ohne irgendeinen Besitz.

Bloß dazwischen glauben viele Menschen, möglichst viel von dem anhäufen zu müssen, was eigentlich vollkommen überflüssig und letzten Endes, also ganz am Ende unserer aller Tage, tatsächlich nutzlos ist.

Das mag vielen im hektischen Börsenalltag gar nicht auffallen. Doch vielleicht lohnt es sich, in einer stillen Stunde einmal darüber nachzudenken, was im Leben wirklich wichtig ist...

In diesem Sinne wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest…

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Zum Autor:

Andreas Hoose ist Chefredakteur des Antizyklischen Börsenbriefs, einem Service der BörseGo AG. Weitere Informationen finden Sie unter www.antizyklischer-boersenbrief.de


Andreas Hoose vertritt mit diesem Artikel seine eigene Meinung. Diese muss sich nicht zwangsläufig mit der Meinung von GodmodeTrader decken. Es erfolgt keine Prüfung durch eine Schlussredaktion.