Wenn ich arbeite, dann sitze ich gerne am offenen Fenster, jedenfalls jetzt im Sommer. Der Blick in die Berge und in die sattgrüne Landschaft Oberbayerns hat so etwas Erhabenes. Die Gedanken fliegen einem da meist ganz von alleine zu.

Doch manchmal kommen nicht nur ein paar Ideen hereingeflogen. Heute war so ein Tag: Als ich gerade darüber nachdenke, welches Thema in dieser Woche so herausragend war, dass man es in einem Wochenkommentar „verarbeiten“ könnte, da kommt ein kleiner Sperling durch das weit geöffnete Fenster in mein Arbeitszimmer geflattert, setzt sich neben mich auf den Schreibtisch und schaut ganz verwundert zu mir herauf.

So etwas passiert nun wirklich nicht alle Tage. Genau wie die Dinge, die gerade um uns herum und an den Börsen geschehen: Da wird Griechenland, ein kleiner Piepmatz im internationalen Konzert der Industrienationen, nach langem Hin und Her endlich vor dem Staatsbankrott „gerettet“ – und der DAX feiert das Ereignis mit einem Ausbruch über eine wichtige charttechnische Hürde:

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In den vergangenen Wochen hatten wir an dieser Stelle mehrfach auf diese Möglichkeit hingewiesen. Wegen der anhaltenden Diskussion um einen drohenden Staatsbankrott Griechenlands war die Stimmung grottenschlecht gewesen. Ein solches Umfeld ist wie geschaffen für eine Börsenrally.

Ein Wochenschlusskurs oberhalb von 7.400 Punkten, das kann sich in der Tat sehen lassen. In die Handelswoche war der DAX bei rund 7.100 Punkten gestartet. Dann sorgte die Erleichterung über die Zustimmung Griechenlands zum Sparpaket für allgemeine Erleichterung.

Zusätzliche Kurstreiber für die Freitagsgewinne waren, wie es hieß, „überzeugende Konjunkturdaten“ aus den USA gewesen. Dort war der vielbeachtete Index der US-Einkaufsmanager auf 55,3 Punkte geklettert – nach 53,5 Punkten im Vormonat. Experten hatten im Schnitt mit einem Rückgang auf 51,8 Punkte gerechnet.

Die Kommentatoren beeilten sich auch sogleich, darauf hinzuweisen, dass die Konjunktursorgen jetzt nachlassen werden. Einige Marktteilnehmer hatten befürchtet, der Index könnte unter die Expansionsschwelle von 50 Punkten rutschen.

Wenn sie sich da mal nicht zu früh freuen.

Denn es gibt in dieser Staatsschuldenkrise leider nicht nur Griechen und Amerikaner. Athen ist jetzt zwar erst einmal vom Eis – dafür warten bereits einige Kandidaten, um in die Fußstapfen der Griechen zu treten. Ausgerechnet der gerade erwähnte Einkaufsmanagerindex ist nämlich in Italien und Spanien unter die erwähnte Expansionsschwelle von 50 Punkten gerutscht.

Das heißt, in diesen beiden Euroländern, die ähnlich schlecht dastehen wie Griechenland, dürfte sich die Konjunktur jetzt abkühlen. Was das vor dem Hintergrund der exponentiell wachsenden Schulden und allfälliger Sparpakete bedeutet, das müssen wir unseren Stammlesern nicht mehr erklären.

Für unsere neuen Leser sagen wir es trotzdem noch einmal: Gehen Sie davon aus, dass das Finanzsystem, so wie wir es heute kennen, nicht mehr allzu lange durchhalten wird. Das ist nicht so, weil wir uns das wünschen würden oder weil wir den Untergang herbeischreiben wollten, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Es sind schlicht die Tatsachen einer auf Schulden gebauten Weltwirtschaft, einer Kreditexpansion die jeder Beschreibung spottet, die wegen des Zinseszinseffekts zu diesem Ergebnis führen muss. Eine bestenfalls moderat wachsende Wirtschaft und exponentiell wachsende Schulden passen nun einmal nicht zusammen. Da können die Politiker so viele Steuergelder ins Feuer werfen wie sie möchten, am Ergebnis wird das nichts mehr ändern.

Machen Sie sich deshalb rechtzeitig Gedanken darüber, wie Sie mit den Turbulenzen umgehen werden, die da noch auf uns zukommen. Rechnen Sie damit, dass Lebensversicherungen abgewertet oder völlig wertlos werden, dass Staaten um uns herum pleite gehen und dass Deutschland diesen Wahnsinn bis zum bitteren Ende finanzieren wird. Und überlegen Sie sich, was das für Sie als Steuerzahler, als Kunde einer Sozial- oder Krankenkasse, als Rentenbezieher oder als Empfänger von anderen staatlichen Leistungen bedeuten wird.

Es ist kein Zufall, dass in Griechenland im Vorfeld der Abstimmung über das Sparpaket das öffentliche Leben per Generalstreik lahmgelegt wurde: All jene, die auf staatliche Leistungen angewiesen sind, bekommen die Härte eines drohenden Staatsbankrotts als erste zu spüren. Und sie gehen als Erste auf die Barrikaden. Das wird in Deutschland nicht anders sein.

Wir gut hat es doch da so ein kleiner Piepmatz:

In einem ersten Impuls wollte ich meinem kleinen Besucher Futter und Wasser hinstellen, ihn mit ein paar Körnern "retten", so wie jetzt die Griechen gerettet wurden. Was für eine dumme Idee. Völlig verängstigt hat der kleine Kerl eine Runde unter der Zimmerdecke gedreht, ist auf einem Schrank gelandet und an der Rückwand hinuntergepurzelt.

Erst als ich ihn mit einem langen Besenstil daran erinnert habe, dass Vögel nicht unter Schränken sitzen, ist er mit lautem Geschimpfe unter dem Schrank hervorgeflattert und mit einer wilden Kurve hinaus in die Freiheit. Aus der Ferne schien er noch einmal zurückzurufen. Diesmal vielleicht vor Freude.

An den Börsen jubeln sie jetzt auch, weil ein kleiner Piepmatz gerettet wurde. Doch der große Pleitegeier sitzt schon vor der Tür...

Wie wir die Börsenlage einschätzen und was wir unseren Lesern raten, das lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Antizyklischen Börsenbriefs, die vor wenigen Tagen erschienen ist.

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Zum Autor:

Andreas Hoose ist Chefredakteur des Antizyklischen Börsenbriefs, einem Service der BörseGo AG, und Geschäftsführer des Antizyklischen Aktienclubs. Börsenbrief und Aktienclub, das komplette Servicepaket für die Freunde antizyklischer Anlagestrategien! Informationen finden Sie unter www.antizyklischer-boersenbrief.de und [Link "www.antizyklischer-aktienclub.de" auf www.antizyklischer-aktienclub.de%20/... nicht mehr verfügbar]