Alles steigt, nur einer fällt: Der Dollar liegt auf der Opferbank für immer höhere Kurse bei Anleihen, Aktien und Rohstoffen. Die enorme, aus der US-Währung stammende Liquidität setzt normale Marktgegebenheiten außer Kraft. Unruhe macht sich breit. Die lockere Geldpolitik der US-Notenbank „motiviert spekulative Investments in Aktien und Immobilien und wird sich zu einer neuen, echten und unüberwindbaren Gefahr für die globale Wirtschaftserholung“ entwickeln, warnt Liu Mingkang, Vorsitzender der chinesischen Bankenaufsichtsbehörde.

    Normalerweise, wenn Aktien steigen, fallen Anleihen, aber wir leben in einer Welt in der beides steigt. „Was bedeutet das?“, fragt Chris Martenson, Analyst aus den USA. „Ganz einfach, das deutet auf eine Flut von Geld hin, das an den Papiermärkten zirkuliert.“ Die Kurse der zweijährigen und fünfjährigen Anleihen steigen seit August kräftig an, was im Gegenzug bedeutet, dass die Zinsen kräftig fallen.
    Strafe für kein Risiko

    Wer in den USA heute auf Nummer sicher gehen will und sein Geld in einen Geldmarktfonds einzahlt, wird bestraft. Die Rendite bei den meisten Geldmarktfonds liegt bei homöopathischen 0,01%. Das Sparen wird von der Notenbank bestraft, die ihre Referenzzinsen niedrig hält und durch quantitative Lockerung dafür sorgt, dass die Zinsen auch am realen Markt nahe Null bleiben. Sparer und defensive Investoren werden durch Niedrigzinsen gezwungen, Risiken bei Aktien, Immobilien oder Rohstoffen einzugehen. In Geldmarktfonds sind heute noch rund 4000 Mrd. Dollar geparkt.

    „Es würde rund 6.932 Jahre dauern, bis ich mein Geld mit dieser Rendite verdoppeln könnte“, schreibt Bill Gross, der Manager des weltgrößten Anleihenfonds PIMCO in seinem Dezemberkommentar. Den Leuten reißt irgendwann der Geduldsfaden und sie schichten ihr Geld um, auch wenn die Kurse schon stark gestiegen sind. „Sobald Ihr Geld Corporate America und Hausbesitzer zu neuem Leben verholfen und rekapitalisiert hat, wird die Fed damit beginnen, sich über Inflation Sorgen zu machen, aber nicht früher“, führt Gross weiter aus.

    Deflation ist die eigentliche Gefahr

    Inflation – das ist auch das Thema, das direkt mit dem Dollar gekoppelt ist. Fällt dieser zu stark, steigen die Preise von Erdöl und anderen Rohstoffen an, was wiederum den Inflationsdruck erhöht. Doch hinter der Fassade, die von den Zentralbanken erzeugt wird, versteckt sich eine andere Wahrheit, schreiben die Analysten der BNP Paribas in ihrem Ausblick für das Jahr 2010. „Wahrscheinlicher ist es, dass in den USA und in der Eurozone in den nächsten zwei Jahren die Kerninflation in Richtung Null oder sogar darunter fallen wird. Zentralbanken wollen das Deflationsrisiko nicht zugeben, um die Inflationserwartungen nicht zu dämpfen“ und reden daher von einer Inflation. „In gewisser Weise könnte der Aufwärtsdruck der steigenden Rohstoffpreise sogar gewollt sein, um den Volkswirtschaften zu helfen, eine Deflation abzuwenden“, so die BNP.

    Fazit

    Die Liquiditätshausse ist also politisch gewollt, um eine Wiederholung der deflationären Tendenzen, die schon Japan in den 90er Jahren erlebte, zu vermeiden. Analysten von Goldman Sachs erwarten, dass die Suche nach mehr Rendite im nächsten Jahr auch dazu führen könnte, dass auch die Märkte für strukturierte Kredite wieder von Investoren angelaufen werden. Die Märkte für solche Produkte haben durch die Insolvenz von Lehman Brothers praktisch aufgehört zu existieren, da es keine Preise mehr dafür gab. Da aber im Jahr 2007 mehr als die Hälfte der an Unternehmen vergebenen Kredite verbrieft wurden, hat das Versagen des Marktes für strukturierte Kreditprodukte "die Verfügbarkeit von Krediten verschlechtert, weil Kreditgeber nicht mehr in der Lage waren, ihr Kreditrisiko auszulagern", schreibt Goldman Sachs heute. Neben der Deflation spielt also auch das Motiv eine Rolle, die Märkte für strukturierte Kreditprodukte wieder zum Leben zu erwecken, was bisher nicht geschehen ist.

    Die Zentralbanken bereiten sich jedoch darauf vor, das „Geldrucken“ zurückzufahren. Das Fed hat bereits bekannt gegeben, die Käufe von Kreditpapieren beenden zu wollen. Das Wall Street Journal berichtet heute Morgen, dass auch die EZB bereits am Donnerstag Maßnahmen zum langsamen Entziehen von Liquidität ankündigen werde. Analysten der BNP Paribas rechnen in Folge mit einer kräftigen Rally beim Währungsverhältnis Euro zum US-Dollar, da durch diese Repatriierung die Nachfrage nach dem Euro kurzzeitig deutlich ansteigen wird. „Wir erwarten, dass EURUSD massiv steigen wird in den nächsten Tagen“, schreiben die Analysten am Montag in einer Researchnote. Ob die Liquiditätshausse weiter gehen wird, hängt also heute stark davon ab, wie Zentralbanken und Politik auf die neuen Marktgegebenheiten reagieren werden, frei nach dem Pipi Langstrumpf-Prinzip: Ich mach' mir die Welt, wie sie mir gefällt