Während sich die meisten Analysten mit der Frage beschäftigen, welche Auswirkungen eine positive Entscheidung für die Souveränität der Region hätte, soll im Folgenden ein (eher unwahrscheinliches) Alternativszenario skizziert werden, welches Europa innerhalb der nächsten drei Jahre vor die Zerreißprobe stellen könnte.

    Grundsätzlich gibt es drei mögliche Verläufe der Abstimmung, die unterschieden werden können:

    1. „Yes“ - die Mehrheit der Schotten entscheidet sich für die Unabhängigkeit
    2. „No!“ - eine klare Mehrheit stimmt für einen Verbleib im Vereinigten Königreich
    3. „No“ - nur eine sehr knappe Mehrheit entscheidet sich für die britische Union

    Variante 3 - „No“ ohne Ausrufezeichen – ist Thema der nachfolgenden Analyse.

    Schottische Schockwellen via London nach Brüssel

    Bis vor kurzem haben Marktteilnehmer weder die nun mittlerweile reale Chance einer Unabhängigkeit Schottlands, noch eine nur sehr knappe Entscheidung für den Fortbestand des Status Quo in ihre Kalkulation mit einbezogen.

    Ein Votum für den Austritt aus Großbritannien würde zwar kurzfristig die Volatilität befördern, langfristig aber klare Verhältnisse, und damit ein Zustand den die Märkte eigentlich von Natur aus bevorzugen sollten, schaffen.

    Im Unterschied dazu, würde ein knappes „No“ nicht nur einer „Quebecisierung“ und damit einer andauernden Unsicherheit über den Status des Landes - ähnlich wie in der kanadischen Provinz Quebec - Vorschub leisten, sondern es könnte eine Dynamik ausgelöst werden, die im Extremfall zu unvorhersehbaren Konsequenzen – nämlich dem Austritt von Großbritannien aus der EU führen könnte.

    Die Mechanik einer Kettenreaktion

    Sollten die Schotten in der nächsten Woche das gegenwärtige Verhältnis zu Großbritannien nur knapp bestätigen, würde dies möglicherweise der „Scottish National Party“ (SNP) trotz der initialen Enttäuschung weiter Auftrieb verschaffen, und im Gegenzug der Labour-Partei wohl nicht unbeträchtlichen Schaden zufügen.

    Dieser Umstand wäre deshalb relativ signifikant, weil am 7. Mai des nächsten Jahres in Großbritannien die sogenannten „General Elections“, sprich die Unterhauswahlen abgehalten werden.

    Gegenwärtig würden sich 38% der Wähler für Labour, 35% für die regierenden Konservativen, 12% für die europakritische UKIP und 7% für die pro-europäischen Liberaldemokraten aussprechen.

    Unter normalen Umständen ist Schottland mit seinen etwas über 5 Millionen Einwohner zwar nicht relevant für die Sitzverteilung in London, bei dem aktuell vorherrschenden Patt allerdings könnte eine aggressive SNP die Rolle des Wasserträgers für die Konservativen übernehmen, und ihnen durch die Dezimierung der Arbeiterpartei eine weitere Regierungsperiode ermöglichen.

    Eine konservative britische Regierung wiederum dürfte der Prominenz des allgemeinen Unsicherheitsfaktors auf absehbare Zeit prinzipiell mehr als zuträglich sein, denn im Falle eines Wahlerfolges hatte David Cameron für das Jahr 2017 das Brüsseler Albtraumszenario, nämlich ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU versprochen.

    Vorsicht vor Fehlschlüssen

    Eine Abstimmung gegen die Unabhängigkeit Schottlands darf also nicht automatisch als Zeichen dafür gewertet werden, dass die Sezessionsfantasien der europäischen Untertanen im Sinne der politischen Klasse „unter Kontrolle“ sind, sondern könnte ironischerweise Europa vor ganz neue und ungleich größere Gefahren stellen.

    Es sollte meiner Meinung nach ganz genau hingeschaut werden, wenn die Schotten nächste Woche einen friedlichen Anlauf unternehmen, um sich für ihre vor 700 Jahren verlorenen Unabhängigkeitskriege zu revanchieren.