Die Welt braucht Energie, egal in welcher Form. Das ist der Kern des Problems für Ölfirmen. Öl war lange Zeit der wichtigste Rohstoff für die Wirtschaft und wird es auch sicherlich noch einige Jahre bleiben. Wer sich allerdings mit der langfristigen Perspektive des Energierohstoffs auseinandersetzt, der muss etwas weiter blicken als nur auf die nächsten drei Quartale.

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Den Eigentümern (Aktionären) von Ölunternehmen drohen Milliardenverluste. Wieso? Öl ist nicht mehr alternativlos und wird an Bedeutung verlieren. Die Folge davon: niedrigere Ölpreise, geringere Umsätze und weniger Gewinn. Die Herausforderung für Ölfirmen ist auf zwei Faktoren reduzierbar. Einerseits wird weniger Öl verbraucht werden und andererseits werden die Preise sinken.

Allein in den kommenden 20 Jahren sollen Ölfirmen Einnahmen von knapp 20 Billionen Dollar entgehen. Das ist eine nahezu unvorstellbare Größe. Weder Investoren noch Manager von Ölfirmen dürfen so etwas ignorieren. Genau das geschieht aber gerade. Sind Manager und Investoren wirklich so ignorant und werden eines Tages ein böses Erwachen erleben?

Die Carbon Bubble
Vor einem Jahr veröffentlichte Kepler Chevreux (Investment Research und Advisory) einen ausführlichen Bericht zu diesem Thema. Seither ist das Thema auf der Agenda einiger Anleger und Politiker. Vor einigen Wochen äußerte sich sogar die EZB zu der Diskussion.

Das Thema zieht weite Kreise und wird kontrovers diskutiert, doch getan hat sich wenig. Obwohl hunderte Milliarden auf dem Spiel stehen kann, man bei den Akteuren nicht gerade von Aktionismus sprechen. Vielmehr sind die Hauptakteure, die Ölunternehmen, nicht aus der Ruhe zu bringen, dabei ist die sogenannte Carbon Bubble (Kohlenstoffblase) sehr real.

Die Carbon Bubble beschreibt ein einfaches Dilemma: wenn die Erderwärmung auf 2 Grad bis Ende des Jahrhunderts begrenzt werden soll, dann übersteigen die Vorkommen an fossilen Brennstoffen den erlaubten Kohlendioxidausstoß um ein Vielfaches.

Um das Klimaziel von einer maximalen Erderwärmung von 2 Grad zu erreichen darf die Menschheit nicht mehr als 565 Gigatonnen (565 Mrd. Tonnen) CO2 ausstoßen. 565 Gigatonnen CO2 klingen nach einer geradezu unverschämt hohen Zahl. Sie erscheint so hoch, dass man sich kaum Emissionen in dieser Größenordnung vorstellen kann. Wer so denkt, denkt falsch.

Derzeit hat die Welt bekannte Ölvorkommen in der Höhe von 1.687.890.925.148 Barrel (1,688 Billionen Barrel). Diese Menge an Öl entspricht einem CO2 Ausstoß von 715 Gigatonnen. Das sind knapp 27% mehr als die Menschheit überhaupt noch nach ihrem Klimaziel ausstoßen darf.
An fossilen Brennstoffen gibt es wirklich ausreichende Mengen. Die Carbon Bubble stellt allerdings fest, dass man diese Vorkommen nur zu einem Bruchteil überhaupt noch fördern und verbrennen darf, wenn man die Klimaziele erreichen will.

Die momentan bekannten Ölvorkommen übersteigen bereits den zulässigen CO2 Ausstoß. Öl ist nun aber bei weitem nicht der einzige fossile Energieträger. Kohle und Gas sind gerade in der Stromerzeugung kaum wegzudenken. Will die Welt allerdings ihr Klimaziel erreichen, dann muss sie umdenken.

Grafik 1 zeigt die Vorkommen an fossilen Brennstoffen in CO2 umgerechnet. An Öl sind 715 Gigatonnen CO2 vorhanden. Bei Erdgas sind es 494 und bei Kohle 1.370. Zusammen sind das über 2.500 Gigatonnen. Für das Erreichen des Klimaziels dürfen jedoch nur noch 565 Gigatonnen ausgestoßen werden.

In der Konsequenz heißt das ganz schlicht und einfach: ein Großteil der bekannten Vorkommen darf niemals gefördert werden. Wird das Klimaziel ernst genommen, dann muss die Welt den CO2 Ausstoß reduzieren. Für Unternehmen, denen die Vorkommen gehören bedeutet das wiederum, dass ein Teil ihrer Assets niemals verkauft werden wird.
Für viele Unternehmen würde eine Umsetzung des Klimaziels bedeutet, dass sie auf Vorkommen sitzen, die sie niemals verkaufen werden und somit keinen Umsatz und Gewinn erwirtschaften. Das ist ein ernstzunehmendes Problem, denn die Bewertung von Ölunternehmen unterstellt bis zu einem gewissen Grad, dass alle vorhandenen Vorkommen gefördert werden.

Investoren von Öl,- Gas- und Kohleunternehmen scheint das alles nicht zu stören, dass die Unternehmen auf „Stranded Assets“ (gestrandete Assets: Vorkommen, die nicht genutzt werden können) sitzen. Entweder sind Investoren ignorant oder sie glauben nicht an die Einhaltung der Klimaziele.

In den letzten Jahren haben sich Regierungen nicht gerade mit Ruhm bekleckert, wenn es darum ging CO2 einzusparen. Entwicklungsländer sind nicht davon zu überzeugen den CO2 Ausstoß zu reduzieren. Ihr Argument: wir haben ein Recht so zu wachsen wie es auch die Industrieländern im 20. Jahrhundert getan haben. Dieses Argument wird auch beim nächsten Klimagipfel im Dezember 2015 wieder fallen. Das heißt jedoch keineswegs, dass man Szenarien abschreiben sollte, die zu einem geringeren CO2 Ausstoß führen. Angela Merkel hat das Thema beim gestern zu Ende gegangenen G7 Gipfel hoch auf die Agenda gesetzt und den Teilnehmern eine verbindliche Erklärung abgerungen. Abschreiben sollte man die Umsetzung des Klimaziels also wirklich noch nicht.

Es sind nicht nur Industrieländer, die sich mit Klimaschutz auseinandersetzen. In Schwellenländern beginnt ebenfalls ein langsames Umdenken. In China gehen viele Städte in Smog unter. An manchen Tagen ist es fahrlässig ohne Mundschutz aus dem Haus zu gehen. Das ist ein Zustand, der von der Bevölkerung nicht ewig toleriert werden wird. Schon jetzt bemüht sich die Politik die Luftqualität zu verbessern. Der erste fossile Brennstoff, der unter diesem Ziel dran glauben muss ist Kohle.

Länder wie China werden vermehrt auf erneuerbare Energie und Gas setzen. Erdgas ist ein fossiler Brennstoff, aber lässt sich mit deutlich weniger Schadstoffen und Luftverschmutzung verbrennen als Kohle. Insgesamt sollen allerdings weniger fossile Brennstoffe verwendet werden, um den Energiebedarf zu decken, nicht etwa, weil man Klimaziele erreichen will, sondern weil man es der Bevölkerung anders einfach nicht mehr zumuten kann.

Ein Szenario, indem die Welt ihre Energieversorgung umstellt, ist absolut realistisch. Derzeit gibt es 2 Szenarien, die diskutiert werden. Abbildung 2 zeigt diese Szenarien inkl. eines Szenarios, indem es keine Änderung gibt. In diesem Fall würde der weltweite Energieverbrauch bis 2035 auf knapp 20.000 Mio. Tonnen Öläquivalent pro Jahr steigen. Unter dem Szenario, indem das Klimaziel erreicht wird (Szenario 450) steigt der Verbrauch auf ca. 15.000 Mio. Tonnen. Dieses Szenario wird 450 genannt, weil der CO2 Ausstoß auf 450 ppm (parts per million) reduziert werden soll.

Das wohl realistischste Szenario ist das NPS, das New Policy Szenario. Industrieländer wie Deutschland werden ihren Beitrag zum Klimaziel leisten. Viele Länder werden das jedoch nicht. Dabei handelt es nicht um bösen Willen und um das Argument für Wachstum, sondern einfach auch um technische und finanzielle Limitierungen. Es ist vollkommen unrealistisch davon auszugehen, dass sich eine Energieinfrastruktur innerhalb von einem oder zwei Jahrzehnten komplett umstellen lässt. Man denke nur daran wie lange wir in Deutschland schon von der Energiewende reden und wie viel sich bisher getan hat.

Vielen anderen Ländern fehlt es an finanzieller Flexibilität, um ihre Infrastruktur umzustellen. Bis man das letzte peruanische Bergdorf mit Solarzellen zugepflastert hat, um den Dieselgenerator zu ersetzen, vergehen wohl mehr als 20 Jahre. Dennoch ist die Gefahr für die großen Ölfirmen real. Mehr dazu im zweiten Teil des Artikels.