Das Schlagwort von der "Enteignung der Sparer" geistert durch alle Medien und beeinflusst auch immer stärker die politische Diskussion. Bayerns Finanzminister Markus Söder sagte der "Bild am Sonntag" vor einigen Monaten: "Die deutschen Sparer werden schleichend enteignet und bezahlen damit indirekt die Rettung südeuropäischer Staaten und Banken. Das ist ungerecht."

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    Auf den ersten Blick klingt die Warnung vor der "Enteignung der Sparer" schlüssig. Schließlich legen die Deutschen ihr Geld vor allem in Form von Tagesgeld, Sparbüchern oder Lebensversicherungen an. Damit führen die niedrigen Zinsen fast zwangsläufig zu geringen Erträgen oder gar realen Verlusten, sollte irgendwann die Inflation wieder nennenswert anziehen.

    Doch tatsächlich gibt es keine "Enteignung der Sparer", wie das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (IWH Halle) bereits im vergangenen Jahr berechnet hat. Denn obwohl der Immobilienbesitz in Deutschland weniger stark ausgeprägt ist als in vielen anderen europäischen Ländern, legen die Deutschen ihr Geld doch vorrangig in Immobilien an und nicht etwa in Form von Sparbüchern oder Lebensversicherungen. Erstaunlicherweise hat sogar das nach Einkommen ärmste Viertel der Bevölkerung mehr Geld in Immobilien investiert als in verzinslichen Anlageformen. Das bedeutet: Nicht nur die Reichen profitieren von der Niedrginzinspolitik, sondern auch die ärmsten Haushalte.

    Die folgende Grafik zeigt die jährlichen Renditen für die deutschen Haushalte. Das ärmste Viertel der Haushalte ist mit einer grünen Linie, das reichste Viertel der Haushalte in einer grauen Linie dargestellt. Quer durch alle Vermögensgruppen haben die deutschen Haushalte in der Niedrigzinsphase seit 2010 deutlich höhere Renditen erzielt als im Zeitraum 2003 bis 2007.

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    Insgesamt haben die deutschen Haushalte durch die Niedrigzinspolitik der EZB inflationsbereinigt 364 Milliarden Euro verdient, hat das IWH Halle berechnet.

    Wer keinen Immobilienbesitz vorweisen kann und sein Geld ausschließlich auf Sparbuch & Co. geparkt hat, geht allerdings leer aus. Hier hat die Niedrigzinspolitik tatsächlich zu Vermögensverlusten geführt, so das IWH Halle. Allerdings fallen die Verluste bei den Nicht-Immobilienbesitzern vergleichsweise gering aus. Denn die Guthabenzinsen sind viel weniger stark gesunken, als es die starke Reduktion der Leitzinsen nahelegt. Berücksichtigt man außerden, dass arme Haushalte auch Geld leihen und dadurch auch von geringen Kreditzinsen profitieren, beträgt der inflationsbereinigte Verlust für den Zeitraum seit 2010 insgesamt nur rund 100 Euro für das ärmste Viertel der deutschen Haushalte und rund 1.300 Euro für das reichste Viertel.

    Immerhin gesteht das IWH Halle ein, dass die Gewinne durch den Immobilienpreisanstieg für die meisten Haushalte nur Buchgewinne sind und deshalb eine andere Qualität haben als Zinseinkommen. Die wahren Kosten der lockeren Geldpolitik könnten erst dann zum Vorschein kommen, wenn die Zinsen irgendwann wieder steigen.