40 % der 40 wichtigsten Notenbanken haben den Leitzins in den vergangenen 12 Monaten zumindest einmal angehoben. Ein Großteil dieses Wandels fand in den vergangenen Wochen statt. Unter den Ländern, die die Zinsen angehoben haben, sind nicht nur Entwicklungsländer, sondern auch Norwegen, Neuseeland, Tschechien, Island, Ungarn oder Polen. Die Straffung der Geldpolitik geht in den Entwicklungs- und Schwellenländern zugegebenermaßen schneller voran als in der Eurozone oder den USA. In Brasilien stand der Leitzins im Februar 2021 noch bei 2 %. Inzwischen sind es 6,25 %. Diese Länder versuchen mit den Zinsschritten der Inflation entgegenzuwirken. Im Gegensatz zu den wichtigsten zwei Notenbanken (Fed, EZB) hat man dort erkannt, dass Inflation ein Problem ist und diese nicht vorübergehend ist.

Auch die Straffung in der Eurozone und den USA wirft ihre Schatten voraus. Sobald die Fed die Anleihekäufe reduziert, übt dies Druck auf die Währungen von Entwicklungs- und Schwellenländern aus. Abwertende Währungen erhöhen die Inflation. Wer diese also im Griff behalten will, muss vor den USA die Geldpolitik straffen.

Es gibt also gute Gründe, weshalb in Teilen der Welt die Zinsen schon jetzt stark steigen. Das Ausmaß ist ein wenig überraschend. Vor allem kurzfristig ist das Tempo enorm. Ein Viertel der Notenbanken hat in den vergangenen vier Wochen die Zinsen angehoben (Grafik 1). Schneller ging es seit der Finanzkrise nicht mehr.


Auf Jahressicht bleibt der Anteil der Notenbanken mit Zinsanhebungen noch hinter dem letzten Zyklus bis 2018 zurück. Dafür kommen schneller neue Notenbanken hinzu also vor drei Jahren (der Anteil an Notenbanken steigt schneller).

Historisch betrachtet ist es unwahrscheinlich, dass der Trend schnell wieder dreht. Persönlich halte ich das für absolut richtig. In dieser Krise ist die Geldpolitik aus dem Ruder gelaufen. Der Anstieg der Bilanzsummen ist atemberaubend (Grafik 2). Die Finanzkrise war im Vergleich ein Rundungsfehler.


In der Eurozone und den USA werden erst die Wertpapierkaufprogramme beendet, bevor die Zinsen angehoben werden. Das könnte am Ende schneller geschehen als viele denken. Unter den westlichen Hauptnotenbanken deutet sich bei der Bank of England bereits im Februar 2022 ein Zinsschritt an. In den USA halten Anleger bis Jahresende 2022 zwei Zinsschritte für möglich. Am Ende könnten es sogar mehr sein.

Auch die EZB wird da nicht ewig zurückbleiben. Gingen Beobachter noch vor wenigen Monaten davon aus, dass das Pandemiekaufprogramm verlängert wird, kann man sich heute nicht mehr sicher sein, dass das Volumen überhaupt ausgeschöpft wird. Auf dem Zinsmarkt wird zudem der erste Anstieg des Einlagensatzes eingepreist.

Aus Sicht der Finanzstabilität kann die Straffung kaum früh genug kommen. Die Liquiditätsschwemme endet besser früher als später. Zu viel Geld, das nicht weiß, wo es hin soll, stellt nur Dummheiten an. Aus Sicht eines Anlegers ist die Entwicklung weniger erfreulich.

Clemens Schmale


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