Börsenlaien, insbesondere solche mit Medienpräsenz, neigen häufig dazu, den Finanzmärkten eine gewisse perverse Ader zu attestieren. Wenn beispielsweise ein Großkonzern Stellen streicht, weil die Mitarbeiter ganz einfach nicht mehr produktiv benötigt werden, dann steigt daraufhin oft der Aktienkurs. Der Grund dafür ist völlig rational und in keiner Weise pervers. Denn geringere Kosten führen in einem Unternehmen unter sonst gleichen Bedingungen zu höheren Gewinnen. Damit ist die jeweilige Aktie aus fundamentaler Sicht mehr wert. So einfach ist das – und nur so sollte man an die Sache rangehen.

Eine ähnliche Situation, die bei manch unerfahrenen Marktbeobachtern zu Kopfschütteln führt, ist die derzeitige Marktreaktion auf Wirtschaftsdaten. Der vielleicht naheliegende Gedanke, dass sehr robuste Konjunkturdaten gut für die Börsen sind, ist momentan ein Trugschluss. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Konjunkturentwickling und dem Zinsniveau. Simpel gesprochen: Maue Konjunktur, niedrige Zinsen. Starke Konjunktur, hohe Zinsen. Und wenn man den wichtigsten Treiber für die Börsen benennen müsste, es wäre sicherlich das Zinsniveau.
Wir befinden uns seit Jahren in einer historisch einmaligen Niedrigzinsphase, parallel haben die Notenbanken weltweit „unkonventionelle Maßnahmen“ ergriffen, um die Märkte in einem nie dagewesen Ausmaß mit Liquidität zu versorgen. Das ist die Folge aus der Finanz-und Wirtschaftskrise ab 2008.

Hohe Liquidität ist für Assetklassen aller Art per se positiv, das bedarf kaum einer weiteren Erläuterung. Aber wenn eine Hausse beinahe ausschließlich darauf aufgebaut ist, wird es gefährlich. Und so zittern die Investierten im zeitlichen Kontext von Wirtschaftsdaten mit, auf das sie nicht allzu gut ausfallen – denn sonst drohen höhere Zinsen. Die US-amerikanische Notenbank Fed hatte zuletzt deutlich gemacht, dass die massiven Wertpapierkaufprogramme tendenziell zurückgefahren werden sollen – allerdings nur, wenn die Arbeitslosenquote sinkt. Diese liegt aktuell bei 7,6%; ab 7% sollen die Käufe reduziert werden. Und dann fließt viel weniger Geld in den Markt.

Es ist also klar, was die Bullen sich wünschen: Die Rate möge doch bitte oberhalb von 7% verharren. Und schon sind wir wieder bei der eingangs erwähnten Perversion: Denn damit die Arbeitslosenquote hoch bleibt, müssen eben viele Amerikaner ohne Job bleiben.
Auf das Leid anderer zu hoffen ist sicherlich nicht schön, aber leider dennoch rational. Kurse kennen keine Moral. Man kann natürlich auch etwas anderes herbeisehnen und sich dabei besser fühlen: Und zwar so gute Wirtschaftsdaten, dass der daraus resultierende positive Effekt auf die Unternehmensgewinne gewichtiger ist als der negative Effekt aus steigenden Zinsen. Momentan sieht das allerdings nach reiner Träumerei aus. Und so werden die Märkte weiter auf dem Drahtseil balancieren – auf der einen Seite drohen höhere Zinsen, auf der anderen der Wirtschaftseinbruch. Und die Notenbanken versuchen, das Seil zu stabilisieren.

Ihr Daniel Kühn