• USD/RUB - ISIN: XC000A0C31G0
    Kursstand: 54,20700 р. (FOREX) - Zum Zeitpunkt der Artikel-Veröffentlichung
  • Brent Crude Öl - Kürzel: BCOEL - ISIN: XC0009677409
    Kursstand: 111,448 $ (JFD Brokers) - Zum Zeitpunkt der Artikel-Veröffentlichung

Der russische Rubel erreichte am Mittwoch zum US-Dollar den höchsten Stand seit Mai 2015. Am Freitag wurde Russlands Währung immer noch in der Nähe des Siebenjahreshochs gehandelt. Dabei war der Rubel Anfang März, kurz nach dem Ukraine-Einmarsch und den schnell aufgelegten ersten Sanktionen des Westens gegen Russland noch beispiellos abgestürzt.

Die bemerkenswerte Erholung in der Zeit danach stützt das Narrativ des Kremls, dass die westlichen Sanktionen keinerlei Wirkung zeigen. „Die Idee war klar: die russische Wirtschaft gewaltsam zu zerschlagen", sagte der russische Präsident Wladimir Putin letzte Woche auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg. Offensichtlich habe das nicht funktioniert.

Ende Februar, nach dem anfänglichen Absturz des Rubels und vier Tage nach Beginn der Invasion in der Ukraine am 24. Februar, hat Russlands Zentralbank ihren Leitzins von zuvor 9,5 auf satte 20 Prozent mehr als verdoppelt. Im Zuge dessen wertete der Rubel so stark auf, dass der Zinssatz mittlerweile wieder dreimal auf das alte Niveau gesenkt. Der Rubel ist sogar so teuer geworden, dass die Bank Rossii aktiv Maßnahmen ergreift, um ihn zu schwächen, da sie einen negativen Effekt auf die Exporte des Landes befürchtet.

Doch was steckt wirklich hinter dem Anstieg der Währung, und ist er auch nachhaltig?

Die Gründe dafür sind zunächst in den auffallend hohen Energiepreisen, den Kapitalverkehrskontrollen und auch den Sanktionen selbst zu sehen. Russland ist der weltweit größte Exporteur von Gas und der zweitgrößte Exporteur von Öl. Hauptabnehmer ist noch immer die Europäische Union, die russische Energie im Wert von wöchentlich mehreren Milliarden von Dollar einkauft und gleichzeitig versucht, Russland mit Sanktionen zu bestrafen.

Das hat die EU in eine missliche Lage gebracht: Sie hat nun de facto mehr Geld in Form von Öl-, Gas- und Kohlekäufen an Russland überwiesen, als sie Hilfszahlungen an die Ukraine geleistet hat. Letztendlich wurde die Kriegskasse des Kremls gut gefüllt. Und da die Preise für Rohöl auf Mehrjahreshochs gestiegen sind, fährt Moskau, das schon mit einem Brent-Preis von 40 Dollar/Barrel Gewinne erzielt, traumhafte Renditen ein.

In den ersten gut drei Monaten des Russland-Ukraine-Krieges hat die Russische Föderation laut dem finnischen Centre for Research on Energy and Clean Air fast 100 Mrd. Dollar an Einnahmen aus dem Export fossiler Brennstoffe erzielt. Mehr als die Hälfte dieser Einnahmen stammte aus der EU. Und obwohl viele EU-Länder bestrebt sind, ihre Abhängigkeit von russischen Energieimporten zu verringern, könnte dieser Prozess noch Jahre dauern.

Zwar hat die EU im Mai ein weiteres Sanktionspaket verabschiedet, das die Einfuhr von russischem Öl bis Ende dieses Jahres teilweise verbietet, aber es enthält erhebliche Ausnahmen für Öl, das per Pipeline geliefert wird, da Binnenländer wie Ungarn und Slowenien keinen Zugang zu alternativen Ölquellen (über den Seeweg) haben.

Der Wechselkurs profitiert davon, dass Russland einen rekordverdächtigen Leistungsbilanzüberschuss in Devisen erwirtschaftet. Diese Einnahmen, hauptsächlich Dollar und Euro, werden über einen komplexen Mechanismus in Rubel konvertiert. Nach Angaben der russischen Zentralbank betrug der russische Leistungsbilanzüberschuss von Januar bis Mai dieses Jahres etwas mehr als 110 Mrd. Dollar - mehr als das dreieinhalbfache des Vergleichszeitraums im Vorjahr.

Die Kapitalverkehrskontrollen der russischen Zentralbank haben darüber hinaus eine große Rolle gespielt (vor allem die Pflicht für russische Exporteure, 80 Prozent ihrer Einnahmen aus dem Ausland in russische Rubel zu konvertieren), ebenso wie die Tatsache, dass Russland dank der Sanktionen nicht mehr so viel importieren kann, was bedeutet, dass es weniger Geld für den Kauf von Waren aus anderen Ländern ausgibt.

Der Wechselkurs des Rubels ist allerdings nur auf dem Papier stark. Er ist auch das Ergebnis kollabierender Importe. Da Russland nun zu einem guten Teil vom internationalen SWIFT-Bankensystem abgeschnitten und praktisch vom internationalen Dollar- und Euro-Handel ausgeschlossen ist, muss das Land im Wesentlichen mit sich selbst handeln. Experten sprechen daher von einem ‚Potemkinschen Kurs‘.

Eine starke Währung, die einer starken Ökonomie vorsteht - davon kann keine Rede sein. Mit der russischen Wirtschaft sieht es ganz und gar nicht gut aus. Seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine haben Tausende von internationalen Unternehmen das Land verlassen und ein Heer von Arbeitslosen zurückgelassen. Die ausländischen Investitionen sind massiv eingebrochen, und die Armut hat sich nach Angaben der russischen Statistikbehörde Rosstat allein in den ersten fünf Wochen des Krieges fast verdoppelt. Auch die von der Statistikbehörde in Moskau zuletzt beobachtete Deflationstendenz, die ihren Grund in der starken Landeswährung sowie einer gesunkenen Nachfrage hat, müsste besorgen.

Vor dem russischen Überfall auf die Ukraine war der Rubel allerdings extrem unterbewertet. Der Statista Big-Mac-Index" von Januar 2022 zeigt, dass der Rubel international die am niedrigsten bewertete Währung war, noch hinter der türkischen Lira (https://www.statista.com/statistics/274326/big-mac-index-global-prices-for-a-big-mac). Einen gewissen Teil der Rubel-Aufwertung seit Jahresbeginn könnte also auch als eine Art Wiederkehr des Wechselkurses in Richtung jahrelanger Niveaus betrachtet werden.