Die Reichen können aufatmen. Ungleichheit gibt es, aber es ist alles nicht so schlimm. Man könnte sogar sagen: wer reich ist, fühlt sich nicht ganz zu Unrecht als Sündenbock für die Probleme der Gesellschaft. Praktisch jede Partei hackt auf die eine oder andere Weise auf denen herum, die viel Geld verdienen oder schon immer viel Geld hatten.

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Beweise, dass die Ungleichheit immer größer wird, gibt es zur Genüge.

In den USA haben die untersten 90 % der Haushalte gerade einmal 35.000 Dollar pro Jahr zur Verfügung. Die Top 10 % haben mehr als 300.000 Dollar. So kommt es, dass allein das oberste Prozent über ein Fünftel des Gesamteinkommens erwirtschaftet.

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Einkommen der obersten Prozente der Verteilung vervielfacht. Bei den unteren Einkommenssichten ist kaum etwas angekommen. Sie verdienen praktisch genauso viel wie vor 40 Jahren.

Die Einkommen sind extrem ungleich und die Ungleichheit ist größer geworden. Beim Vermögen sieht das nicht anders aus. Die obersten 10 % halten mehr als 50 % des Gesamtvermögens. Die ärmsten 50 % der Haushalte halten gerade einmal 1 % des Vermögens.

Wie kann es bei dieser erdrückenden Beweislast sein, dass die Ungleichheit doch nicht so schlimm ist wie angenommen?

Der Teufel steckt im Detail. Keiner bezweifelt, dass das Einkommen und die Vermögen immer weiter auseinandergehen. Wie das aussieht, zeigt die Grafik. Das Vorsteuereinkommen der obersten 10 % ist dabei als Relation zu den untersten 10 % dargestellt. Im Durchschnitt verdient jemand in den obersten 10 % derzeit mehr als 10x so viel wie in den untersten 10 %.

Nun gibt es aber auch Steuern. Steuern verändert das Bild. Die Ungleichheit ist immer noch stark ausgeprägt, mit einem Faktor von 7 jedoch schon wesentlich kleiner. Neben Steuern muss man allerdings auch noch andere Faktoren berücksichtigen. Der Staat leistet Transferleistungen, sei es über Sozialprogramme, Gesundheitsleistungen, Lebensmittelmarken, Ausbildungsprogramme usw.

Es scheint daher am effektivsten zu sein, nicht die Einkommen, sondern den Konsum zu vergleichen. Der Konsum liegt bei den obersten 10 % beim Vierfachen der untersten 10 %. Das ist immer noch ein großer Unterschied, doch die Entwicklung dieses Faktors ist seit Jahrzehnten ziemlich stabil. Aus dieser Perspektive wächst die Ungleichheit nicht wesentlich.

Diese Sichtweise hat durchaus ihren Charme. Am Ende kommt es ja nicht nur darauf an, was man verdient, sondern vielmehr darauf, was man sich leistet. Dieses Verhältnis ist relativ konstant. Die Reichen könnten sich natürlich viel mehr leisten, tun dies aber nicht. Geld auf dem Konto allein verbessert den Lebensstandard nicht. Es ist das, was man sich leistet, also was man konsumiert, das den Lebensstandard bestimmt.

Befriedigend ist diese Sichtweise immer noch nicht. Durch Steuern und Transferleistungen findet ein Ausgleich statt. Dieser Ausgleich findet statt, gerade weil die Ungleichheit so hoch ist. Das darf man nicht vergessen.

Einer Gesellschaft bringt es wenig, wenn die obersten Einkommen immer schneller und höher steigen, die untersten Einkommenssichten aber immer mehr auf Almosen angewiesen sind. Effektiver wäre eine weniger stark ausgeprägte Einkommensungleichheit. Sich selbst ernähren zu können, wenn man arbeitet, hat auch viel mit Würde und Anerkennung zu tun. Kann das eine Gesellschaft einem zweistelligen Prozentsatz der Bevölkerung nicht bieten, läuft etwas falsch. Da helfen auch Transferleistungen nicht.

Clemens Schmale

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