Die Inflationszahlen steigen bereits und die angestrebten 2 % dürften schon im April bzw. Mai in den meisten Ländern überschritten werden. Nach offizieller Einschätzung der Notenbanken wird der Anstieg aber nur vorübergehender Natur sein, gibt es doch den sogenannten Basiseffekt. In der Tat ist derzeit nicht damit zu rechnen, dass der Preisanstieg beim Öl in den nächsten zwölf Monaten genauso stark ausfallen wird wie im Vergleich zu den Vorjahresmonaten. Nachdem die Energiepreise eine wichtige Komponente der Inflation darstellen und der Ölpreis wiederum ein wichtiger Bestandteil der Energiepreise ist, ist die Aussage der Notenbanker zumindest nicht ganz falsch.

Für viele schlägt die Inflation jetzt schon brutal zu

Doch wie sieht es mit den anderen Bereichen aus? Wie entwickeln sich die Hauspreise, die Mieten, die Lebensmittelpreise, die Kosten der medizinischen Versorgung, der Erziehung, der Kommunikation usw. Der Wohnungsbau in Amerika macht zum Beispiel 56 % der Ausgaben für die niedrigste Einkommensklasse aus, 25 % ihres Einkommens zahlen sie für Lebensmittel. Die höheren Einkommensgruppen müssen prozentual weniger dafür aufbringen. Nachdem aber über 70 % des Wirtschaftswachstums der USA vom Konsum abhängt und der Anteil der vermögenden Amerikaner daran eher gering ist, könnte die Inflation, welche den kleinen Mann trifft (der sogenannte Walmart Index steigt bereits um 6,3 %) für die weitere Entscheidungen der Notenbanken wichtiger werden als der offizielle Inflationsindex (3,3 %). Es könnte im Interesse der Notenbank liegen, den offiziellen Index möglichst niedrig auszuweisen um die lockere Geldpolitik bis hin zu diskutierten Direktauszahlungen an Konsumenten fortführen zu können, denn sollte die Inflation die Schecks der Regierung zu schnell auffressen, so besteht die Gefahr, dass sich die derzeit sich abzeichnende V-förmige konjunkturelle Erholung nur als ein Strohfeuer erweisen wird.

Die Inflation schlägt nämlich in einigen Bereichen bereits brutal zu, Warren Buffett spricht von stark steigenden Kosten und einer erheblichen Inflation. M. Kolanovic von J.P. Morgan befürchtet sogar, dass die meisten Anleger mit ihren Portfolios auf den kommenden Inflationsschock nicht vorbereitet sind. Er spricht von einem unter Umständen chaotischer werdenden Zusammenspiel von geringer Marktliquidität, systematischen und makro-/fundamentalen Strömen.

Die Industrie ist mit deutlichen steigenden Kosten konfrontiert

Die Umfragen zu den Einkaufsmanagerindizes lassen in der Tat nicht nur einen starken konjunkturellen Aufschwung erwarten, inzwischen auch im Dienstleistungssektor, sondern auch deutlich steigende Kosten. Die Inputkosten für Unternehmen des Dienstleistungssektors (USA) stiegen im April in einem beispiellosen Tempo. Auch die Outputkosten verzeichneten den stärksten Anstieg seit Oktober 2009. In einigen Bereichen explodierten die Kosten regelrecht. Speiseöl wurde um 80 % teurer, Milch um 16 %, Zucker um 30 %, bei Carports spricht man von Preisanstiegen um 80 %, Bauunternehmen melden einen Anstieg für Vorprodukte, wie Holz, Dämmstoffe, Farben und Lacke von bis zu 60 % und die Metall verarbeitende Industrie von ersten Anstiegen um 20 %, wobei man nicht davon ausgeht, dass das Ende der Fahnenstange schon erreicht ist. Die Hauspreise in den USA stiegen um bis zu 18 %, der globale Lebensmittelpreisindex erreicht einen neues Jahreshoch und fast alle werden getroffen von den stark steigenden Transportkosten.

Eine Analyse der Bank of America lässt eine deutlich steigende Inflation in den nächsten Monaten erwarten. Liegt die US-Notenbank und die EZB vielleicht völlig falsch und wir stehen doch vor einem nachhaltigen Inflationsanstieg?

Liegen die Notenbanken mit ihrer Einschätzung total daneben?

Um dies zu beurteilen, müssen wir verschiedene Aspekte betrachten. Anleger und Konsumenten haben in der Vergangenheit erlebt, dass trotz einer sehr lockeren Geldpolitik und fallenden Zinsen die offizielle Inflation sehr gering war. Einer der Hauptgründe dafür, welcher von Ökonomen immer angeführt wird, ist die rückläufige Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Dies ist darauf zurückzuführen, dass das Geld nicht beim durchschnittlichen Konsumenten ankam, sondern in der Regel die Reichen reicher machte. Wenn diese nun aber sich ein neues Boot leisteten und hierfür einen Preisanstieg von 100 % akzeptierten, so hatte dies definitiv keine Auswirkungen auf die Inflationsmessung. Geringverdiener bzw. die mittleren Einkommen konnten in der Regel von den fallenden Zinsen nicht profitieren, neuen Studien zufolge mussten sie sogar einen Rückgang des Lebensstandards hinnehmen, der Lebensstandard der Geringverdiener in den USA ist wieder auf den Stand von 1964 zurückgefallen. Unter der neuen Regierung gab es allerdings nun entsprechende Konsumentenschecks, welche zumindest zum Teil sofort in den Konsum flossen, was wiederum die Umlaufgeschwindigkeit in die Höhe schnellen ließ.

Wenn dieses Geld in einigen Monaten wieder verbraucht ist und kein Ersatz gegeben ist, besteht natürlich die Gefahr, dass der konjunkturelle Aufschwung wieder deutlich an Schwung verliert und damit die Umlaufgeschwindigkeit wieder rückläufig sein wird. Sollten statt der Schecks nun aber steigende Löhne die Lücke füllen, so könnte der Aufschwung sich fortsetzen, die Wahrscheinlichkeit einer anhaltenden Inflation bliebe aber bestehen. Die aktuellen Arbeitsmarktdaten haben zwar enttäuscht, doch NDR erwartet vielleicht schon dieses Jahr einen Rückgang der Arbeitslosenquote auf 4 % . Dabei wird immer offensichtlicher, dass der Bedarf an qualifizierten Arbeitnehmern bereits jetzt nicht mehr gedeckt werden kann. Zumindest bei den qualifizierten Arbeitnehmern ist entsprechend auch eine hohe Fluktuation zu erkennen bei gleichzeitig steigenden Gehältern. Entsprechend ehrgeizig ist das Ziel der neuen Regierung, mit ihrem Investitionsprogramm Millionen guter Arbeitsplätze zu schaffen sowie die Infrastruktur des Landes wieder aufzubauen um die USA in die Lage zu versetzen China zu übertreffen.

Die Situation mit den temporären Engpässen...

Ein anderer strittiger Punkt über die aktuelle Inflationslage ergibt sich bei der Diskussion über gewisse Engpässe. Die Blockade des Suezkanals hat mit Sicherheit nur zu einem vorübergehenden Engpass geführt. Es gibt unserer Meinung nach allerdings andere Gründe, welche dafür sprechen, dass Engpässe bei den Lieferketten noch eine längere Zeit gegeben sein werden und dass auch danach die Preise tendenziell steigen werden. Verantwortlich hierfür ist der Umbau der Lieferketten aufgrund der zunehmenden Autarkie, welche die Folge des Handelskriegs zwischen den USA und China von immer mehr Ländern angestrebt wird. Kaum ein Unternehmen möchte in Zukunft riskieren, seine größten Kunden in den USA oder China nicht mehr beliefern zu können. Die Verbote der Regierung Trump waren für viele Unternehmer eine regelrechter Schock und haben diese sensibilisiert. Entsprechend muss davon ausgegangen werden, dass künftig kleinere Einheiten entstehen um bereits bei der Investition/ Produktion derartige politische Entscheidungen berücksichtigt werden. Der Umbau kostet aber Geld und kleinere Losgrößen verteuern die Produkte. Darüber hinaus kann es bei der Produktion zu Lieferverzögerungen kommen. Kurzfristig dürfte der Effekt besonders groß sein, wird die Nachfrage nach der Pandemie das Angebot doch in einigen Bereichen deutlich übertreffen. Wie nachhaltig dieser Effekt sein wird und wie lange er andauern wird ist allerdings schwierig einzuschätzen, sind doch in einigen Sektoren die Lieferrückstände bereits enorm und führt die neue Unternehmenspolitik doch dazu, dass vielfach auch wieder erhöhte Lagerbestände aufgebaut werden um die eigene Zuverlässigkeit zu gewährleisten. Schwer abschätzbar ist auch wie lange der Boom in der Industrie anhalten wird, welcher durch die Reorganisation der Lieferketten angestoßen wurde.

..und nun sollen auch noch die Unternehmenssteuern steigen

Doch nicht nur der Umbau der Lieferketten kostet Geld, in den USA will die Regierung die Unternehmenssteuern erhöhen. Dies verursacht neben den steigenden Löhnen und Umbaukosten noch weitere Zusatzkosten. Sollte nun auch noch die Refinanzierung sich verteuern - die langfristigen Zinsen sind bereits um über ein Prozent gestiegen - muss davon ausgegangen werden, dass sich dies auch in der Preispolitik der Unternehmen niederschlägt. Unklar ist darüber hinaus derzeit noch, inwieweit die Deregulierung der Trump Regierung rückgängig gemacht wird. Was eine Überregulierung kostet, zeigt sich in der EU. Hier leiden viele Unternehmen unter teilweise unsinnigen Vorschriften. Man muss sich zum Beispiel fragen, was den enormen Kostenaufwand der Geldwäschebeauftragten bringen soll. Es mag sein, dass sie Erfüllungsgehilfen des Finanzamtes sind und einigen Beamten den Arbeitsplatz erhalten. Die große Geldwäsche erfolgt inzwischen aber über Kryptowährungen. Für die Unternehmen hingegen bleibt die enorme Kostenbelastung bestehen.

Neue Regulierungswut

Die Überregulierung wird noch deutlicher, wenn es um Freiheitsrechte geht, wie sie derzeit auch im Zusammenhang mit der Coronakrise immer wieder diskutiert werden. Ein Beispiel hierfür ist auch im Bereich der Kapitalanlage offensichtlich. Es mag verständlich sein, dass man Neueinsteiger oder nur mäßig erfahrene Anlegern schützen will und entsprechende Auflagen für Beratung geschaffen hat. Das Verständnis endet aber dann, wenn zum Beispiel Anleger, welche seit 20 Jahren oder länger am Aktienmarkt Erfahrungen gesammelt haben, gegen ihren Willen eine Bürokratie aufdrängt, welche schon an einer Bevormundung gleichkommt. Regulierung ist eines, Überregulierung hingegen sollte vermieden werden und diesen Anlegern sollte die Möglichkeit gegeben sein, schriftlich gegen diese übermäßige Bürokratie Einspruch einlegen zu können und auf sie verzichten zu können. Vielleicht wollen die Regulierungsbehörden die Anleger alle in ein Boot drängen, wie dies zuletzt scheinbar auch die EZB mit ihrer negativen Zinspolitik anstrebt. Man spricht von Konsumentenschutz und treibt die Anleger ins Risiko (Aktie, ETF) und in eine einseitige Anlagepolitik, führen die deutlich gestiegenen Kosten doch zu einem immer geringeren Angebot bzw. einer immer schlechteren Beratung, lässt sich diese für viele Banken doch nicht mehr rechnen.

Ist der beste Zeitpunkt für ein Eingreifen der Notenbanken gegen die steigende Inflation schon vorbei?

Wir können insgesamt festhalten, die Risiken für eine weiter steigende Inflation sind groß und die Gefahr einer anhaltenden Inflation ebenso. Mehrere US-Notenbanker sowie Finanzministerin Yellen scheinen sich der Problematik schon bewusst zu sein. Sie haben versuchsmäßig Andeutungen über einen stärkeren Zinsanstieg oder ein vorzeitiges Tapering (restriktivere Geldpolitik) gemacht um zu sehen, wie der Markt darauf reagiert. Nach einer negativen Reaktion wurde bereits Stunden später sofort zurückgerudert, verschoben ist schließlich nicht aufgehoben und es gibt ja auch noch andere Möglichkeiten, die Geldpolitik zu steuern. Man hat immerhin die Erfahrungen aus dem Jahr 2018 nicht vergessen, ein vorzeitiges Tapering kann rasch Schaden anrichten, welcher dann nur mit erheblichem Zusatzaufwand wieder bewältigt werden kann.

Doch wann ist der richtige Zeitpunkt gegeben? J. Mauldin befürchtet, dass dieser Zeitpunkt schon vorüber ist. Der konjunkturelle Aufschwung könnte sich nach seiner Einschätzung als Strohfeuer erweisen, auch wenn er ein gutes Jahr andauern wird. In den letzten zehn Jahren prognostizierte Mauldin ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 2 %, es lag letztendlich bei 1,9 %. In den zwanziger Jahren erwartet er nun einen Rückgang des Wachstums auf durchschnittlich ca. 1,5 % bei einem gleichzeitigen Schuldenanstieg von 180 % zum Bruttoinlandsprodukt in den nächsten vier Jahren. Dies würde bedeuten, dass die von der US-Notenbank angestrebte Zinsanhebung Anfang 2023 sich unter Umständen schon mit einem Einbruch des Wachstums konfrontiert sieht, welche dann die Entscheidung schon fast unmöglich macht. Dies gilt umso mehr, wenn dies dann dazu führt, dass die Zinsbelastung des Staates um 400 Milliarden $ steigen wird. Steigende Zinsen in den USA wirken sich darüber hinaus in der Regel weltweit aus und auch hier sind die Schulden zuletzt drastisch gestiegen und werden auch im laufenden Jahr entsprechend weiter steigen.

Es scheint, die US-Notenbank, aber auch viele andere Notenbanken befinden sich in einem Dilemma.

Wie sieht es bei den Edelmetallen aus?

Vielleicht sollten die Anleger daher doch einen Blick auf die Edelmetalle werfen. Diese haben zuletzt ihre Abwärtstrends gebrochen und könnten neue Aufmerksamkeit erhalten.

Die Regierung von Arkansas reagiert bereits und hat entschieden, dass die Besteuerung von Edelmetallen gegenüber Sparern und Anlegern unfair ist im Vergleich zu Aktien, Anleihen oder ETFs und hat entsprechend beschlossen, die Umsatzsteuer ab dem 1. Juli außer Kraft zu setzen. Weitere Staaten könnten schon bald folgen. Auch in Indien hat die Regierung reagiert und die Importzölle für Gold wieder gesenkt. Mit dem Ende der Pandemie zieht inzwischen auch die Schmucknachfrage in China wieder deutlich an, hier wird bereits von Versorgungsengpässen gesprochen. Die Nachfrage des wichtigsten Marktes Indien hingegen lässt noch auf sich warten, wütet die Pandemie dort doch stark. Analysten gehen aber im zweiten Halbjahr auch hier von einer V-förmigen Erholung der Goldnachfrage aus. Insgesamt konnte sich die Nachfrage nach Goldschmuck weltweit im ersten Quartal erholen. Die Nachfrage von Privatanlegern nach Goldbarren und Goldmünzen ist in den ersten drei Monaten dieses Jahres sogar um 36 % gestiegen, deutliche Abgaben verzeichneten die Gold-ETFs insbesondere in den USA. Die Notenbanken hingegen stockten ihre Positionen wieder auf. Dies gilt ebenso für die Industrie, hier stieg die Nachfrage um 11 %. Von einem deutlichen Anstieg der Nachfrage seitens der Industrie dürfte Silber profitieren, empfiehlt doch die Internationale Energieagentur mit Blick auf die Energietechnologien den führenden Industrienationen aufgrund der Risiken der Lieferketten Lagerbestände an Metallen und Mineralien aufzubauen. Zu den Metallen, welche für saubere Technologien verwendet werden, gehören nach Einschätzung der Bank of America insbesondere Silber, Kobalt, Lithium sowie Gallium.

Ein wenig Geschichte: Joe Biden wurde im Januar 1973 als 30-jähriger Senator vereidigt. Die Inflation lag bei 3,7 % und der Goldpreis stand bei 65 $ und der Anleihezins brachte eine Rendite von 6,4 % . Bereits 1974 erreichte der Goldpreis 181 $, der Aktienmarkt gab um 48 % nach, die zehnjährige Rendite stieg auf 7,4 % und die Inflation lag bei 12 %. Während die Aktienmärkte und die Inflation bis 1980 in eine volatile Seitwärtsbewegung übergingen, konnte der Goldpreis einen weiteren Anstieg auf 850 $ verzeichnen.

Was tun als Anleger?

Auch in der aktuellen Situation ist es nicht leicht, eine Anlageempfehlung zu geben. Ned Davis weist darauf hin, dass er eigentlich aufgrund seiner Jahrzehnte lange Erfahrung zu dem Ergebnis gelangt ist, dass es in der Regel sehr sinnvoll ist, der Notenbankpolitik zu folgen. Er hat aber auch die Erfahrung gemacht, dass Indikatoren, welche von allen genutzt werden und von welchen alle überzeugt sind, inklusive der Algorithmen gesteuerten Anlagemodelle, erheblich an Wert verloren haben. Er empfiehlt daher dieser inzwischen entstandenen Massenpsychose, die US-Notenbank wird nie mehr einen Crash zu lassen, kritisch gegenüber zu stehen.

Dies war ein Gastbeitrag von Dr. Christoph Bost