Vor einem Jahr noch galt es als unmöglich: steigende Zinsen. Bis April 2015 fielen Zinsen auf immer tiefere Niveaus. Viele Staatsanleihen waren nur noch mit negativen Renditen zu haben. Deutsche Anleihen waren besonders gefragt. Die Rendite 10-jähriger Anleihen schaffte es fast ins Minus, beendete den Abwärtstrend aber kurz vor diesem Ziel bei 0,075 %.

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Obwohl die die 10-jährigen Bundesanleihen nicht in den negativen Bereich schafften waren Anleihen mit Laufzeiten bis 9 Jahre in diesem Bereich. Der Staat konnte sich also für 0 % Zinsen für eine Dauer von 9 Jahren leihen. Für kürzer laufende Papiere bekam der Staat Geld.

Ein solche Situation ist vollkommen abwegig und zeigt die große Verzweiflung der Anleger und Investoren. Viele Marktteilnehmer sitzen auf enormen Liquiditätspolstern, die sie unterbringen müssen. Aus purer Not wird dem Staat in solchen Fällen halt Geld gezahlt, anstatt dass man etwas dafür bekommt.

Die Zeiten negativer Rendite sind noch nicht vorbei, doch das Zinstief scheint gefunden zu sein. Grafik 1 zeigt die Umlaufrendite deutscher Staatsanleihen. Die Grafik zeigt die gleiche Zeitreihe in zwei Varianten. Die orangene Kurve zeigt die gleiche Zeitreihe wie die blaue Kurve, allerdings in logarithmischer Darstellung. So wird die Dramatik des Renditeverfalls seit Anfang 2014 erst so richtig deutlich.

Anfang 2014 lag die Umlaufrendite – die Rendite aller sich im Umlauf befindenden Staatsanleihen – noch bei 1,5 %. Innerhalb kurzer Zeit sank sie auf 0,05 %. Betrachtet man den Chart, dann war das, was da geschah, ein regelrechter Crash. Es griff im Prinzip blanke Panik um sich. Staatsanleihen wurden panikartig gekauft, ganz so, als ob es sie bald nicht mehr geben würde.

Angesichts einer absoluten Rekordverschuldung in Europa muss man sich keine Sorgen machen, dass es demnächst keine Anleihen mehr zu kaufen gibt. Viele Staaten machen trotz Sparbemühungen noch immer hohe Schulden. Die Anleihenemissionen laufen auf Hochtouren. Da die EZB insgesamt mehr Anleihen kauft als neu emittiert werden, verknappt sich das Angebot trotzdem. Das hat zu der Kaufpanik geführt.

Die Panik hat sich inzwischen als unbegründet herausgestellt. Investoren haben ihre Vernunft wiedergefunden. Noch immer sind die Renditen verboten niedrig, doch immerhin sind sie wieder etwas gestiegen. Negative Renditen gibt es nach wie vor für deutsche Anleihen mit einer Laufzeit bis 7 Jahre.

Grafik 2 zeigt die Zinskurve zum Zeitpunkt des Zinstiefs im April 2015 und die aktuelle Zinskurve. Der Unterschied ist deutlich zu erkennen. Vor einem Jahr konnte sich der Staat für eine Rendite von weniger als 0,5 % für 30 Jahre lang Geld leihen. Heute muss er dafür knapp 1,3 % zahlen. Das ist immer noch wenig, allerdings nicht mehr ganz so absurd und unvernünftig niedrig wie im vergangenen April.

Die Zinskurve ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich steiler geworden. Grundsätzlich ist das ein positives Signal, auch für Banken. Banken vergeben für gewöhnlich Kredite mit längeren Laufzeiten und refinanzieren sich kurzfristig. Die Refinanzierung ist de facto kostenfrei. Einnehmen können Banken zwischen 1,5 und 2,5 %. Die Zinsmarge hat sich für die Banken verbessert. Höhere Zinsmargen sollten Banken helfen wieder etwas mehr Gewinn zu schreiben und so auch ihre Kapitalausstattung zu verbessern.

Die Vorteile der steilen Zinskurve drohen aktuell wieder zu verschwinden. Anleger flüchten derzeit aus dem Aktienmarkt und gehen in sichere Staatsanleihen. Das senkt die Rendite und flacht die Zinskurve ab. Die Entwicklung sollte man im Auge behalten. Flacht die Kurve zu weit ab, dann droht der Eurozone Ungemach. Solange die US Notenbank allerdings an ihrer Zinswende festhält, ist davon nicht auszugehen. Die letzten Monate haben gezeigt: selbst wenn die EZB ihre Geldpolitik weiter lockert, die Fed aber in eine andere Richtung marschiert, dann folgt der globale Markt tendenziell der Fed. Auch die gestrige Ankündigung der EZB hat bisher nur zu einem kleinen Rücksetzer der Renditen geführt.

In Europa sind die Zinsen am kurzen Ende der Zinskurve weiter gefallen. Das lange Ende hat sich auf Jahressicht deutlich nach oben verschoben. Ob man es wahrhaben will oder nicht, die Zinsen in der Eurozone sind dabei einen Boden zu bilden und bewegen sich tendenziell nach oben.