• Die Konjunktur ist derzeit gespalten. Die Industrie schwächelt, Dienst­leistungen wachsen nach wie vor ordentlich.
  • Der Dienstleistungsbereich wird häufig unterschätzt. Er ist nicht der lang­weilige Sektor mit wenig Wachstum und Innovation.
  • Dienstleistungen stabilisieren nicht nur die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Sie bieten auch ein breites Angebot zur Diversifizierung am Kapitalmarkt.

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Die deutsche Konjunktur ist gespalten wie selten. In der In­dustrie geht es nach unten. Die Einkaufsmanagerindizes sind auf deutlich unter 50 gesunken. Das deutet auf einen tiefen Einbruch hin. Bei den Dienstleistungen ist das Wachstum dagegen nach wie vor in Ordnung. Der Einkaufsmanagerindex liegt weit über 50. Wer setzt sich jetzt durch? Zieht die Industrie die Services nach unten? Oder können sich die Dienstleistungen gegen das Verarbeitende Gewer­be durchsetzen und die Gesamtkonjunktur stabilisieren?

Normalerweise würde man vermuten, dass die Industrie die Oberhand hat. Sie gilt als der Kern der Wirtschaft. Zu ihr ge­hören die "Blue Chips" unter den Unternehmen. Hier finden die Dynamik, die Innovation und die Produktivitätssteige­rung statt. Sie ist überall auf den Weltmärkten präsent. Wenn es im Verarbeitenden Gewerbe größere Probleme gibt – wie derzeit bei Autos, Stahl oder in der Chemie – dann ist alles verloren.

HIGHTECH AN DER SPITZE

Wachstum nach Branchen, 1991 = 100


Quelle: Bundesbank

So jedenfalls die allgemeine Meinung. Sie entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Der Dienstleistungssektor ist zwar nicht so schlagzeilenträchtig. Er wird vielfach unterschätzt. Zum einen ist er viel größer als die Industrie. In ihm werden in Deutschland 68 % der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung erstellt, in der Industrie nicht mal halb so viel. Vier von fünf Unternehmen werden dem Dienstleistungssektor zuge­rech­net.

Zum anderen ist der Dienstleistungsbereich – anders als viele denken – dynamischer als das Verarbeitende Gewer­be. Er ist in den letzten 30 Jahren deutlich schneller ge­wachsen als die Industrie (siehe Grafik). In konjunkturellen Schwächephasen hat er die gesamtwirtschaftliche Aktivität abgefedert. 2009 beispielsweise verringerte sich die Indus­trieproduktion um 17 %, während das Sozialprodukt nur um knapp 6 % zurückging. Andererseits sind die Services je­denfalls in Deutschland nicht in der Lage, einen gesamtwirt­schaftlichen Aufschwung aus sich heraus zu generieren.

»Dazu rechnen […] auch viele "Top Shots".«

Im Übrigen sind die Services bei weitem nicht so langweilig, wie viele meinen. Zum Dienstleistungssektor gehören näm­lich nicht nur Klempner, Friseure oder Metzger. Dazu rech­nen auch nicht nur langsam wachsende, arbeitsintensive und wenig produktive Branchen. Dazu rechnen vielmehr auch viele "Top Shots". Die Spannbreite der Leistungen, die hier erbracht werden, ist außerordentlich breit.

Hier ein paar Beispiele: Zu den Dienstleistungen gehört, was wenige wissen, der gesamte Bereich der Information und Kommunikation. Das umfasst in Deutschland so inno­vative Unternehmen wie SAP oder viele Start-ups. Hier wer­den fast 5 % der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung er­stellt. Eigentlich würde man vermuten, dass Deutschland in diesem Sektor international eher zu den Schlusslichtern ge­hört. Das ist aber nicht der Fall. In den USA ist I & K trotz Silicon Valley nach Berechnungen der OECD mit einem An­teil von 6 % an der Wertschöpfung kaum größer. Österreich ist mit 3,3 % etwas kleiner. Zur Stabilisierung der Konjunktur trägt dieser Sektor freilich nicht bei, da er selbst im Zeitver­lauf viel schwankt.

Der Gegenpol zu Hightech sind öffentliche Dienste, Erzie­hung und Gesundheit. Dieser Bereich entspricht am meis­ten dem Bild, das man von den Dienstleistungen hat. Er ist sehr personalintensiv und weist relativ geringe Produktivitätssteigerungen auf. Er wächst allerdings gar nicht so langsam, wie immer wieder unterstellt wird. Das liegt an der demografischen Alterung, die die Nachfrage nach Ge­sundheits- und Pflegediensten stark steigen lässt. Der Bereich ist sehr groß. In Deutschland werden hier 18 % des Sozialprodukts erwirtschaftet, in den USA sogar noch mehr (22 %). Andererseits ist der Bereich vergleichsweise resis­tent gegen Konjunkturschwankungen. Altersheime, Kitas und Schulen werden auch dann gebraucht, wenn sich die gesamtwirtschaftliche Aktivität abschwächt.

Ein ebenfalls großer Bereich ist der Handel, das Gastge­werbe und der Verkehr. Hier werden 16 % des BIPs erar­beitet. Was diesen Bereich im Augenblick stabilisiert, ist der hohe Zuwachs bei den verfügbaren Einkommen durch die gute Entwicklung am Arbeitsmarkt und die relativ hohen Lohnsteigerungen. Wenn es in der Wirtschaft allerdings richtig schlecht geht, verzichtet man auch schon mal auf einen Restaurantbesuch, eine Autofahrt oder geht weniger shoppen. In der großen Finanzkrise ging die Wertschöpfung in diesem Bereich um 7 % zurück.

Ein großer und wichtiger Dienstleistungsbereich ist ferner das Grundstücks- und Wohnungswesen (nicht zu verwech­seln mit der Bauindustrie). Es macht 11 % der gesamtwirt­schaftlichen Wertschöpfung aus. Es umfasst Unternehmen, die sich mit der Vermietung, Verpachtung und Verwaltung von Immobilien befassen. Auch das Vermittlungsgeschäft gehört dazu. Das ist ein relativ stabiles und schwankungs­armes Geschäft. Wohnen ist ein Grundbedürfnis, das zu allen Zeiten gebraucht wird.

Für den Anleger

Vergessen Sie in Ihrem Portfolio nicht die Dienstleistungen. Natürlich ist die Industrie wichtig; sie stellt unter den Aktien­gesellschaften den größten Anteil. Im Dienstleistungsgewer­be finden sich aber hochinteressante moderne Unterneh­men, sowohl was Wachstum und Technologie als auch was Stabilität und solide Erträge angeht. Je wichtiger Software gegenüber Hardware wird, umso größer wird auch der Dienstleistungsbereich in der Volkswirtschaft.


Anmerkungen oder Anregungen? Ich freue mich auf den Dialog mit Ihnen:martin.huefner@assenagon.com.

Dr. Martin W. Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon Asset Management S.A.