Global gesehen ist die Zinswende noch eine Illusion. Die USA sind praktisch der einzige nennenswerte Währungsraum, in dem die Zinsen steigen. Euro-, Pfund- und Yenraum sind von einer nachhaltigen Zinswende noch ein Stück entfernt.

    Die englische Notenbank hat die Zinsen inzwischen auf 0,75 % angehoben. Im Big Picture ist das allerdings irrelevant (Grafik 1). Den Zinsschritt sieht man kaum und er hatte auch auf die Langfristzinsen keinen großen Einfluss. Dafür ist die Notenbankbilanz wohl einfach zu aufgebläht. Immerhin gab es einen so raschen Anstieg der Notenbankbilanz noch nie in der Historie.


    In den USA sieht die Sache anders aus. Hier haben sich die Langfristzinsen deutlich von den Tiefs gelöst. Der Realzins ist immer noch sehr niedrig und oszilliert nahe der Marke von 0 %. Im Vergleich zu den letzten Jahren ist das niedrig. Im Vergleich zur gesamten Historie ist das nicht weiter auffällig.

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    US 10Y Bond Yield

    Inzwischen sind die Zinsen in den USA sogar wieder so hoch, dass man über einen Zeithorizont von fast 220 Jahren keine Auffälligkeit mehr feststellen kann. In insgesamt 50 Jahren war der Zins sogar tiefer als heute. So ungewöhnlich ist das Zinsniveau in den USA nicht mehr. Noch mehr Zinswende ist gar nicht notwendig.

    Die USA haben nun aber wenigstens Zinsen, was man etwa von der Eurozone nicht behaupten kann. Aber braucht es überhaupt viel höhere Zinsen?

    Ja und nein. Es braucht höhere Zinsen, wenn man keine Rentenkrise erleben will. Immer mehr Menschen müssen selbst vorsorgen. Wenn man allerdings keine Rendite erwirtschaften kann, reicht das nicht. Am Ende führt das zu einer Situation, in der immer mehr gespart werden muss, um das gleiche Resultat bei höheren Zinsen zu erzielen. Das wirkt deflationär. Japan kann davon ein Lied singen.


    Deflation ist problematisch. Sinken die Preise, werden Schulden relativ gesehen immer mehr wert. Deflation macht jeden Schuldenberg früher oder später untragbar. Genau das soll vermieden werden. Nun kann man aber die Zinsen nicht schnell und schon gar nicht besonders drastisch anheben. Dafür sind die Schulden schon zu hoch.

    Niedrige Zinsen bedingen bis zu einem gewissen Grad Deflation (über den Spareffekt). Genau die darf es wegen der Schulden nicht geben und wegen der Schulden bleiben die Zinsen niedrig. Es ist ein Teufelskreis. Aus dem müssen wir raus.

    Es gibt zwei Varianten, wie das geschehen kann. Entweder werden die Zinsen angehoben oder die Inflation wird erhöht. Ersteres ist unwahrscheinlich, weil es die Schuldenblase zum Platzen bringt. Das soll ja mit allen Mitteln vermieden werden. Es bleibt nur die Inflation.

    Inflation haben Notenbanken zu kreieren versucht. Sie sind gescheitert, wie wir heute wissen. Sie könnten dennoch Inflation schaffen, wenn sie wirklich wollten. Sie müssten einfach nur in die Staatsfinanzierung einsteigen. Das birgt die Gefahr in sich, dass das gesamte Geldsystem kollabiert (siehe Venezuela). Dosierte Finanzierung eines Konjunkturprogramms sollte allerdings ohne Kollaps des Geldsystems möglich sein.

    Dazu fehlt den Notenbanken bisher der Mut. Es würde jedoch viele Probleme lösen. Deflation wäre kein Thema mehr, ebenso wenig die Schulden. Diese würden weginflationiert. Mit geringerer Verschuldung sind auch wieder höhere Zinsen möglich. So absurd es vielleicht ist, wir brauchen eine Zinswende, allerdings nicht nach oben, sondern nach unten, über den Umweg der Notenpresse. Diesmal allerdings zweckgebunden an Mehrausgaben des Staates.