Ein wenig beachteter Indikator zeigt derzeit weit und breit keine Rezession an. Der Indikator betrachtet das Konsumverhalten und wofür Verbraucher mehr oder weniger Geld ausgeben. Schrumpft die Wirtschaft und steigt die Arbeitslosenrate, haben Verbraucher insgesamt weniger Geld für den Konsum. Sie müssen sich zwischen Gütern entscheiden.

Auf gewisse Güter kann nicht verzichtet werden. Dazu gehören Güter des täglichen Bedarfs wie Zahnpasta oder Waschmittel und Nahrungsmittel. Auf andere Güter kann verzichtet werden. Auf einen neuen Fernseher kann man auch warten bis die Rezession vorbei ist. Bestimmte Konsumgüter liegen in der Mitte. Es sind nicht überlebenswichtige Güter, aber doch Waren, auf die nicht gern verzichtet wird.

Zu dieser Zwischenkategorie gehört Alkohol. Sinken Einkommen und Konsum, geben Verbraucher im Verhältnis zu allen anderen Ausgaben mehr für Alkohol aus. Bei schwächerem Wirtschaftswachstum oder inmitten einer Rezession steigen die relativen Ausgaben, z.B. für hochprozentigen Alkohol (Grafik 1).


Noch offensichtlicher wird der Zusammenhang, wenn man Wein und Bier mit dem Wirtschaftswachstum vergleicht (Grafiken 2 und 3). Alle drei Kategorien zeigen derzeit einen klaren Trend. Der Anteil, den Alkohol an den Konsumausgaben ausmacht, sinkt deutlich. Das ist dann der Fall, wenn Verbraucher alles aufkaufen, was sich nicht verstecken kann. Zumindest in den USA feiern Verbraucher ein solches Konsumfest.

Konsumenten schnüren den Gürtel noch nicht enger. Da der Konsum die wichtigste Stütze der Wirtschaft ist, sollte es auch keine Rezession geben. Oft steigt der Anteil, der für Alkohol ausgegeben wird, bevor es zu einer Rezession kommt. Damit ist zumindest kurzfristig Entwarnung gegeben.

Eine hundertprozentige Trefferquote hat der Indikator nicht und ist auch eher als Exkurs in den Bereich alternativer Wirtschaftsindikatoren zu verstehen. Persönlich wette ich mein Geld nicht darauf, dass keine Rezession kommt, weil Verbraucher einen geringeren Teil ihres Konsums in alkoholische Getränke lenken.

Stattdessen macht nach wie vor die Inflation Sorgen. Effektive Inflationsbekämpfung gelang der Fed nur dann, wenn der Leitzins nicht nur den neutralen Zins (entspricht Zins, bei dem Preisstabilität und Vollbeschäftigung möglich sein sollte), sondern auch die Inflationsrate überstieg (Grafik 4). Davon ist die Fed noch weit entfernt.


Den neutralen Zinssatz schätzt die Fed selbst auf ca. 2,5 %. Steigt der Leitzins auf 2,5 % und zieht man den neutralen Zinssatz ab, ist man wieder bei 0 %. Die Inflation steht jedoch bei mehr als 8 %. Der Leitzins sollte also sehr viel höher sein. Gleichzeitig aber führen immer tiefere Zinshochs zu einer Rezession (Grafik 5). Bleibt der Trend seit den 80er Jahren bestehen, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Rezession bei einem Leitzins von 3 % auf 100 %.

Je nach Inflationsentwicklung in den kommenden Monaten könnte dieses Niveau bereits Anfang 2023 erreicht sein. Eine Rezession lässt dann nicht lange auf sich warten. Nach derzeitigem Wissenstand erscheint eine Rezession 2023 immer wahrscheinlicher.

Clemens Schmale


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