Die für meinen Werdegang im Börsenhandel wohl einschneidenste und wichtigste Erkenntnis war die Einsicht, dass die Entscheidung über Gewinn oder Verlust nicht in erster Linie über das Verständnis der Regelwerke zum Ein- und Ausstieg in / aus einer Position fällt, sondern in erster Linie über unsere emotionale Einstellung zu diesem Geschäft. Ich gehe soweit zu sagen, dass selbst die treffsichersten Ein- und Ausstiegsregeln nichts wert sind, wenn diese von einem emotional gehetzten Trader zum Einsatz gebracht werden.

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    Diese Erkenntnis ist nichts Neues und schon gar nicht etwas Revolutionäres: man hat es bereits oft gelesen, man hat es noch öfter gesagt bekommen. Und dennoch ist es etwas Einschneidendes, wenn sich diese Erkenntnis über die Zeit mit Brachialgewalt einstellt und der „Aha“-Effekt eintritt. Auch Sie werden sich diesem Erkenntniseffekt nicht entziehen können, früher oder später holt dieser Sie ein, denn auch für Sie gilt diese Tatsache.

    Ich möchte im Folgenden die drei wichtigsten Eckpunkte abstecken, innerhalb derer das Verständnis der obigen Aussage anzusiedeln ist:

    (1) Wir bewegen uns in einem Umfeld, welches hochgradig von Unsicherheiten geprägt ist.

    Ich werde oft gefragt, ob ich die Meinung des Analysten A oder B gelesen hätte und was ich davon halte. In der Regel muss ich verneinen – ich lese so gut wie keine anderen Markteinschätzungen, denn ich schließe für mich als Person / Trader nicht aus, dass ich von anderen Meinungen beeinflusst werden könnte und genau das möchte ich ausschließen (oder zumindest minimieren). Folglich bemühe ich mich somit nur das zu lesen, was ich für ausreichend fundiert, logisch hergeleitet und für mich nachvollziehbar erachte, somit eine Beeinflussung meiner Meinungen und Einschätzungen als nicht nachteilig sehe. Es gibt einen Technischen Analysten, den ich hin und wieder gern lese, allein weil seine Art zu formulieren und die Art seine Gedanken aufzubauen und darzulegen mir Lesegenuss bereitet. Zudem hat er eine Art, die Märkte anzugehen, die mir gefällt und meiner Arbeitsweise ähnelt. Auf keinen Fall lese ich Artikel von Marktbeobachtern, die sich gern auf den Standpunkt beziehen: „Der Markt wird jetzt dies und das tun und er wird auf keinen Fall jenes machen.“ Ich halte dagegen: „Der Markt muss gar nichts und geschehen kann alles.“

    Eine Analyse ist eine Idee, ein Szenario. Eine gute Analyse zeichnet sich dadurch aus, dass diese den Ist-Zustand des Marktes beschreibt und aus vorangegangenen Analogien Szenarien für die mögliche kommende Kursentwicklung aufzeigt. Bestenfalls lässt eine solche Szenariodiskussion die Ermittlung einer bisherigen Eintrittswahrscheinlichkeit zu, auf jeden Fall sollte immer erklärt sein, ab wann wir von einem Fehlszenario ausgehen können. Sind diese Punkte erfüllt, ist eine Analyse für mein Verständnis vollständig und lässt am Ende des Tages keine Diskussion über die Qualität des Analysten zu. Fehlen diese Punkte, dann ist eine Analyse nicht hilfreich, sondern eher hinderlich oder verwirrend.

    Die Kurse an der Börse werden von Menschen gemacht, sie unterliegen demnach nicht solchen Naturgesetzen, welche eine Wetterprognose möglich machen. Sie unterliegen keinen physikalischen Gesetzen, welche mit entsprechenden Formelregelwerken erklärt werden können und sie unterliegen keinen Spielregeln, womit sie programmierbar wären wie Schach-Computer. Kursentwicklungen sind Ausdruck einer hochgradig emotionalen Widerspiegelung menschlichen Denkens, von Interpretationen und Erwartungen, Hoffnungen und Reaktionen. Und damit sind Kursentwicklungen immer geprägt von enormen Unsicherheiten.

    (2) Wir können diesen Unsicherheiten nur durch die Erstellung und Handhabung von Regelwerken begegnen.

    Ausgehend von einer eigenen Markteinschätzung / Szenarioüberlegung oder einer solchen eines Dritten, welcher UNSERE Kriterien einer wirklich werthaltigen Markteinschätzung / Szenariodiskussion erfüllt, setzen wir ein Handelsregelwerk an. Dieses muss in seiner Mindestanforderung klar definieren: (1) wann, wie und wo steige ich ein, (2) wann, wie und wo steige ich im optimalen Falle wieder aus, (3) wann, wie und wo steige ich im Falle einer abweichenden Kursentwicklung aus.

    In einer weiterentwickelten Version sollte unser Regelwerk zusätzliche Aspekte zulassen, welche ergänzende Informationen aus dem Markt berücksichtigen (Liegen Finalorders vor? Wie entwickelt sich die im Orderbuch ablesbare Angebots- / Nachfragesituation? Liegen marktbewegende Nachrichten vor?), wobei es bei den erstgenannten Mindestanforderungen (eins bis drei) keinerlei Abstriche geben darf!

    (3) Wir sind allein für das verantwortlich, was wir im Markt tun!

    Während meiner Ausbildung zum Händler wurde einmal die Frage gestellt, in welchem Aspekt sich ein Anfänger von einem Profi unterscheidet. Es wurden viele Punkte benannt, doch wurden diese vom ausbildenden Trader alle mehr oder weniger beiseite gewischt. Am Ende blieb ein Unterscheidungsmerkmal übrig: „Ein Anfänger sucht die Schuld eines Misserfolges bei einem Dritten, ein Profi sieht dagegen das Trading als ein Geschäft, für welches er von Anfang bis Ende allein die Verantwortung trägt.“

    Damit kommen wir jetzt zu den daraus zu ziehenden Konsequenzen:

    Wenn wir es sind, die einzig und allein die Verantwortung für das tragen, was wir im Markt tun, wenn wir die einzigen sind, die sich gegebenenfalls im Markt im Wege stehen und Gewinne verhindern, Verluste dagegen auswachsen lassen, müssen wir Konsequenzen ziehen und diese dann auch in jeder Hinsicht durchsetzen, was wiederum ein Höchstmaß an Disziplin verlangt. Im Folgenden zähle ich die Punkte auf, welche ich persönlich als für mich relevant erachte und bei denen ich es vertreten kann, diese als Leitfaden für die Arbeit im Markt als feste Eckpunkte zu markieren:

    (a) Eine börsentägliche Marktbeurteilung / Markteinschätzung ist durchaus notwendig. Es ist nicht verkehrt oder hemmend, wenn man sich dazu auch Meinungen eines Dritten einholt, doch sollte dessen Einschätzung folgende Aspekte erfüllen:

    1. Seine Aussagen zur Marktdiagnose sollten logisch und nachvollziehbar sein.

    2. Aufbauend auf seine Diagnose der Kursverläufe sollte eine Szenariodiskussion erfolgen. (Ich persönlich achte darauf, dass Begrifflichkeiten wie „der Markt wird das und das tun“, „auf jeden Fall werden wir das und das sehen“, „jetzt kann der Markt nur noch das und das tun“ fehlen. Anderenfalls halte ich persönlich diesen Analysten für unerfahren oder unseriös).

    3. Jede Szenariodiskussion sollte ein Ausstiegsszenario enthalten. Es ist überhaupt keine Schande, mit seiner Erwartungshaltung falsch zu liegen. Wir wissen, dass der Markt hochgradig unsicher ist und NIEMAND auf dieser Welt weiß, wie sich zukünftig die Kurse entwickeln. Alles was wir wollen, ist ein möglichst auf Wahrscheinlichkeiten aufbauendes Szenario mit einem plausiblen Ausstiegsszenario.

    4. Ich persönlich empfehle Ihnen, sich nicht mit vielen Markteinschätzungen zu belasten. Es hilft Ihnen gar nichts, viele Kommentare und Analysen zu studieren, welche unter Umständen unterschiedliche Einschätzungen widerspiegeln. Zu mehr als einer hochgradigen Verunsicherung führt das Ganze nicht, sondern lässt Sie eher hilflos zurück. Suchen Sie sich im Vorfeld durch eine sehr sorgfältige Prüfung der Inhalte und Quellen Ihr Informationsumfeld aus, denn Sie schulden dem Analysten gar nichts und Ihnen selbst alles!!

    (b) Basierend auf unserer Marktbeurteilung / Markteinschätzung entwickeln wir eine Erwartungshaltung für den Tag und prüfen, ob sich eine sinnvolle, weiterführende Positionierung aufsetzen lässt (Kern-Position oder systembasierter Trade).

    (c) Für das reine intraday-Trading nutzen wir ein Regelwerk oder zwei Regelwerke, mit denen wir Erfahrungen sammeln oder idealerweise bereits Erfahrungen gesammelt haben. Es ist an anderer Stelle schon einmal gesagt worden, ich möchte es dennoch noch einmal wiederholen: Day-Trading ist, wenn man es völlig von seinen Superlativen befreit und dieses entmystifiziert, nichts weiter als stures Punktesammeln in einem Markt, welchen man jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr abgrast. Und da springen wir nicht von Methode zu Methode, nicht von Regelwerk zu Regelwerk, sondern halten uns strikt an ein und dieselbe Methode, sofern sich diese als erfolgreich herausgestellt hat. Am Ende zählt ja nicht, was für Techniken Sie kennen, am Ende zählt, was Sie eingesammelt haben, nämlich Tag für Tag, bei minimalem Risiko.

    (d) Wir konditionieren uns darauf, Trading als ein Geschäft zu betrachten, losgelöst von jeder persönlichen Bindung zu uns. Ich weiß, das klingt leichter als es ist, aber ich habe gelernt, dass erst diese Distanz die Möglichkeit stetiger Erträge erhöht. Wer mit Herzklopfen in den Trade geht, wem die Hände schwitzig werden, wenn er positioniert ist, blockiert sich selbst und macht unweigerlich Fehler. Wir müssen lernen, Erträge und Verluste in Punkten zu zählen (dieser Sachverhalt ist bereits in einem früheren Artikel beschrieben worden), nicht in Geld. Wir müssen lernen, Verluste als Kosten zu sehen und uns folglich zwingen, Kostenbremsen (Verlustlimite) einzubauen und auch einzuhalten. Wir müssen begreifen, dass sich der Markt niemals gegen uns persönlich richtet, aber Fehler in jeder Hinsicht zu unserem Nachteil umsetzt. Wir lernen, keinen Aktionismus aufkommen zu lassen. Zeigt Ihr Regelwerk keinen Handlungsbedarf, dann gibt es diesen auch nicht. Und wir zeigen Demut im Markt: haben wir unser Tagesziel erreicht, hören wir auf oder beenden den Handel unmittelbar nach dem dann folgenden ersten Fehler. Sehen Sie den Markt immer als einen Verbündeten, der Ihnen zumindest theoretisch alle Möglichkeiten offen legt. Heutzutage hat ein jeder nahezu die gleichen Möglichkeiten, in diesem Markt Geld zu verdienen, ob nun Profi in einem Institut oder Sie zu Hause. Die Technik macht nicht mehr den Unterschied, der Unterschied ist Ihr Wissen, Ihre Fähigkeit und Erfahrung und Ihre Disziplin, Ihre Emotionen klein zu halten.