EZB-Präsident Mario Draghi hat sich in einem Zeitungsinterview gegen die Kritik aus Deutschland an den niedrigen Zinsen gewehrt. Deutsche Sparer hätten zudem eine Mitschuld an ihren niedrigen Erträgen: “Die Sparer müssen ihr Geld nicht nur auf dem Sparbuch anlegen, sondern haben auch andere Möglichkeiten“, betonte Drahi in einem Interview mit der „Bild“-Zeitung.

    Draghi stellt in dem Interview eine gewagte Behauptung auf: "Derzeit liegt der reale Zins, also die Verzinsung minus Inflation, höher als im Durchschnitt der 90er-Jahre“, sagte Draghi. Der Zins habe früher "nur auf den ersten Blick gut" ausgesehen, in Wahrheit seien die realen Erträge "aber viel geringer" gewesen.

    Hat Draghi recht? Es stimmt natürlich, dass der Realzins oft aussagekräftiger ist als der Nominalzins. Ein Beispiel: Liegt der Zins aktuell bei 3 %, die Inflationsrate aber ebenfalls bei 3 %, so wird der vom Anleger erhaltene Zins durch Preissteigerungen komplett wieder aufgefressen. Der Sparer hat nichts davon, wenn er zwar 3 % mehr Geld auf dem Konto hat, gleichzeitig aber auch für alles 3 % mehr bezahlen muss. Entscheidend ist also die Differenz aus dem nominalen Zins und der Inflationsrate. Genau das ist der Realzins. Es stimmt also, dass Anleger auf den Realzins achten sollten und nicht so sehr auf den nominalen Zins.

    Doch Draghis Behauptung, dass die Realzinsen heute höher liegen als im Durchschnitt der 90er Jahre, stimmt für Deutschland nicht. Das zeigt auch die folgende Grafik. Denn die Zinsen sind in Deutschland in den vergangenen Jahren noch viel stärker gesunken als die Inflationsrate. Die Realzinsen waren zwar im Jahr 2013 schon einmal tiefer als heute, aber nicht im Durchschnitt der 90er Jahre, wie Draghi behauptet.

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    Die in der Grafik dargestellten Realzinsen sind die Differenz der Umlaufrendite von Bundesanleihen der angegebenen Restlaufzeit und der Inflationsrate.

    Wie kommt Draghi zur Behauptung, dass die Realzinsen in den 90er Jahren niedriger gewesen seien als heute? In den südlichen Eurozone-Ländern gab es vor der Euro-Einführung oft noch eine zweistellige Inflationsrate. Seit Einführung des Euro ging die Inflationsrate in diesen Ländern dramatisch zurück. Die Zinsen sanken zwar ebenfalls, aber oft nicht so stark wie die Inflationsrate. Deshalb stimmt es für Länder wie Italien, dass die Realzinsen früher schon niedriger waren als heute. Allerdings stimmt der von Draghi angegebene Zeitraum (Durchschnitt der 90er Jahre) auch für Italien nicht. Niedrigere Realzinsen als heute gab es in Italien und einigen anderen südlichen Euro-Ländern Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre.

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    Doch für die deutschen Sparer ist das kein Trost. Draghi wendet sich auch nicht an die italienischen Sparer, sondern an die deutschen Sparer, wenn er der "Bild"-Zeitung ein Interview gibt. Sein Hinweis, dass die Realzinsen früher niedriger gewesen seien als in den vergangenen Jahren, ist für die deutschen Sparer definitiv falsch. Mario Draghi lügt also.