Viktor Shvets, Managing Director bei der australischen Investmentbank Macquarie, ist kein gewöhnlicher Analyst, sondern bezieht in seine Überlegungen auch gesellschaftliche und sogar philosophische Aspekte ein. In einem neuen Buch ("The Great Rupture: Three Empires, Four Turning Points, and the Future of Humanity") sowie in verschiedenen Interviews (u.a. mit dem Bloomberg-Podcast "Odd Lots") hat Shvets nun dargelegt, wie sich Politik und Wirtschaft nach dem Ende Corona-Pandemie grundlegend verändern könnten.

Shvets rechnet in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weltweit mit einer zunehmenden Abkehr von der freien Marktwirtschaft, in der wichtige gesellschaftliche Entscheidungen von den Märkten bzw. den Konsumenten getroffen werden. Zwei säkulare Entwicklungen führen nach Einschätzung von Shvets dazu, dass der liberale Kapitalismus, wie wir ihn bisher kannten, keine Zukunft mehr hat:

  • Der technologische Fortschritt führt zu einer zunehmenden Automatisierung der Wirtschaft, so dass menschliche Arbeit zum großen Teil entwertet und überflüssig wird. Ein Großteil der Menschen werde als Arbeitskraft überflüssig und trage nichts mehr zur Produktivität der Wirtschaft bei.
  • Wegen der dramatischen Geldmengenausweitung nimmt die Grenzproduktivität des Kapitals immer weiter ab und liegt jetzt, wie die Zinsen zeigen, mehr oder weniger bereits bei null.

In den letzten 30 bis 40 Jahren ist der Wohlstand viel stärker gewachsen als die Produktivität, rechnet Shvets vor. Das gelang nur dadurch, dass die Zinsen immer weiter gesenkt wurden und dadurch riesige Schulden angehäuft wurden. So wurde gewissermaßen ein Teil der künftigen Produktivität bereits heute verbraucht. Doch dieses Spiel lässt sich nicht ewig fortsetzen, weil die negativen Nebenwirkungen (darunter eine immer größere Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen sowie eine steigende Abhängigkeit von der Entwicklung der Vermögenspreise) immer mehr die Oberhand gewinnen werden.

Um den liberalen Kapitalismus zu retten, müsste die Menschheit nun eigentlich über Jahrzehnte den Gürtel enger schnallen und die angehäuften Verbindlichkeiten abbauen. Doch dazu dürften die Menschen kaum bereit sein.

Stattdessen rechnet Shvets damit, dass zunächst die Regierungen eine viel stärkere Rolle im Wirtschaftsleben spielen werden und damit noch einmal ein paar Jahre Zeit gekauft werden wird, bevor das aktuelle System zusammenbricht. Die Intitiative zur Lenkung der Wirtschaft dürfte in den kommenden Jahren von der Geldpolitik der Notenbanken auf die Fiskalpolitik der Regierungen übergehen. Die Regierungen werden durch ihre Staatsausgaben zunehmend die Wirtschaft steuern und Anreize setzen. Das führt dazu, dass der Erfolg von Investitionen in den kommenden Jahren vor allem davon abhängen wird, ob sie mit politischen Zielen im Einklang stehen oder nicht. Dieser Aspekt lässt sich etwa beim Aufstieg der Elektromobilität bereits genau beobachten. Tesla ist vor allem deshalb so erfolgreich, weil die Elektromobilität weltweit mit Milliardensummen gefördert wird.

Doch auch eine zunehmend wichtige Rolle der Fiskalpolitik wird den Kapitalismus letztlich nicht retten, vermutet Shvets. "Ich sehe es wie eine Brücke", sagt Shvets. Für etwa 30 bis 40 Jahre sei die Geldpolitik zur Steuerung der Wirtschaft verwendet worden, in den kommenden Jahren und Jahrzehnten werde zunehmend die Fiskalpolitik der Regierungen diese Rolle übernehmen, auch im Rahmen der sogenannten Modern Monetray Theory, wonach der Staat gewissermaßen unbegrenzt Schulden aufhäufen kann, um die Wirtschaft am Leben zu halten. Doch auch damit lassen sich die grundlegenden Probleme nicht lösen. Letztlich werde nur der "Sturz auf null", also die völlige Entwertung von Kapital und menschlicher Arbeit, abgebremst, aber nicht mehr verhindert.

Was am Ende der Brücke liege, über die die Menschheit bereits seit mehreren Jahrzehnten gehe, sei deshalb völlig unklar. "Meine Vermutung: Es wird nichts mit dem gewöhnlichen Kapitalismus zu tun haben. Wir können diskutieren, ob es Kommunismus, Feudalismus oder Despotismus sein wird. Es gibt eine Reihe an Begriffen und Konzepten. Aber am Ende wird es nicht der liberale Kapitalismus sein. Und der Grund dafür ist ganz einfach: Jedes Mal, wenn wir eine Wahl haben, bevorzugen wir, nicht die [notwendige] Anpassung vorzunehmen. (...) Wir wollten im Großen und Ganzen nicht die Anpassung haben und die Politik hat geliefert, was wir wollten, nämlich Wohlstand und Einkommen jenseits unserer Produktivität."

Zum ersten Mal seit fünfhundert Jahren könnte die technische Entwicklung zudem dazu führen, dass menschliche Freiheit nicht mehr notwendig sei, um wirtschaftlich erfolgreich sein zu können und wissenschaftlichen Fortschritt zu ermöglichen, vermutet Shvets. Der technologische Fortschritt ermögliche autoritäre Gesellschaften, die nicht mehr an einem Mangel an Ideen, Kapital und Produktivität leiden, so Shvets. Vielmehr könnten autoritäte Regimes wie in China womöglich in Zukunft sogar eher Fortschritt und Wachstum ermöglichen als liberale Gesellschaften.

Für Anleger hat Svets sieben mögliche Themen identifiziert, die in Zukunft überdurchschnittlich hohe Renditen ermöglichen könnten:

1. Die Ersetzung von Menschen durch KI, Robotik, Automatisierung.
2. Verbesserung/Augmentation der Menschen durch Biotechnologie und Gentechnik
3. "Opium für das Volk" in Form von Entertainment, Videospielen und künstlicher Realität
4. "Kugeln und Gefängnisse": Waffenhersteller, Hersteller von Überwachungstechnik und kommerzielle Gefängnisbetreiber
5. "Bildung & Ausbildung": Nur noch sehr gut ausgebildete Menschen werden in der Arbeitswelt von morgen gebraucht, was den Ehrgeiz der Eltern steigert, ihre Kinder möglichst gut ausbilden zu lassen.
6. "Morbide Demographie": Überalterung der Gesellschaft und demographische Wende.
7. "Disruptoren und Ermöglicher": Unternehmen, die mit ihrer Technologie den Wandel ermöglichen, davon profitieren, oder ihn salonfähig machen.

Für Anleger bedeutet der Wandel einen immer größeren staatlichen Einfluss auf die Wirtschaft, wodurch der Wert mancher Aktien gegen "unendlich" gehe, während andere Aktien praktisch über Nacht wertlos werden, sagt Shvets. Zudem könne sich die Situation schnell ändern, je nach politischer Ausrichtung. "Wir können einen Bärenmarkt am Nachmittag haben, und einen Bullenmarkt am Morgen", sagte Shvets im Bloomberg-Podcast.

Es bleibt zu hoffen, dass Shvets mit den düsteren Aspekten seiner Prognose nicht Recht behalten wird und individuelle Freiheit und Demokratie auch dann erhalten bleiben, falls sich das Wirtschaftssystem in den kommenden Jahren und Jahrzehnten radikal verändern sollte.

Links:


Tipp: Testen Sie jetzt Guidants PROmax! Sie finden dort jede Menge Tradingideen, Musterdepots, einen direkten Austausch mit unseren Börsen-Experten in einem speziellen Stream und spannende Tools wie den Formel-Editor oder den Aktien-Screener. Auch Godmode PLUS ist inklusive. Jetzt das neue PROmax 14 Tage kostenlos testen!