„Lateinamerika ist die einzige Region, die im ersten Quartal eine positive Aktienmarktentwicklung aufweisen konnte. Während beispielsweise der MSCI LATAM Index ein Plus von 28,4 Prozent erzielte, lagen die Indizes MSCI EM (7 %) und MSCI World (6 %) im Minus. Dabei profitierten die Länder Südamerikas vor allem vom im Jahr 2021 einsetzenden Anstieg der Rohstoffpreise. Es scheint allerdings fraglich, ob die Ausnahmeentwicklung der lateinamerikanischen Finanzmärkte in Zukunft anhalten wird. Heftiger Gegenwind könnte sich vor allem mit Blick auf folgende Punkte ergeben:

  • Der Krieg in der Ukraine bedeutet einen neuen Inflationsschock für die Region, der wahrscheinlich ähnliche soziale Spannungen auslösen wird, wie sie Ende 2019 zu beobachten gewesen waren und zu politischer Instabilität in der Region geführt haben.
  • Eine aggressivere Haltung der US-Notenbank und die Eskalation des Konflikts in der Ukraine könnten die globalen Finanzbedingungen weiter verschärfen und die hoch verschuldeten Länder mit hohem Außenfinanzierungsbedarf unter Druck setzen.
  • China ist der weltweit größte Nachfrager nach Rohstoffen. Die aktuelle Wachstumsschwäche des Landes stellt daher ein erhebliches Risiko für die lateinamerikanischen Länder dar.

Wie Lateinamerika mit den künftigen Herausforderungen zurechtkommt, hängt stark auch von den Notenbanken ab. Die Zentralbanken Lateinamerikas haben sich zuletzt bei den Anlegern ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit erworben, die sich auch in der guten Performance der Finanzmärkte widerspiegelt. In den 1980er und frühen 1990er Jahren litten die Länder Südamerikas unter hoher Inflation, was erklärt, warum die Zentralbanken in der Region ihre Geldpolitik in den vergangenen Monaten erheblich verschärften. Viele Zentralbanken haben nun allerdings angedeutet, dass sie sich dem Ende ihrer restriktiven Geldpolitik nähern. Vor diesem Hintergrund gilt es zu beobachten, wie sich die Straffung vollziehen wird ohne die Wirtschaft dabei negativ zu beeinträchtigen.