1. Der Einzelhandelsumsatz im September sank entgegen den Erwartungen – in nominaler Rechnung um 1,4 % mom, preisbereinigt sogar um 1,7 % mom. Von Bloomberg befragte Volkswirte hatten im Mittel (Median) mit einem Anstieg gerechnet. In der weiteren Abgrenzung der Bundesbank, die neben den Tankstellen auch den Kfz-Handel berücksichtigt, ging der Umsatz nominal um 0,5 % mom und preisbereinigt um 0,8 % mom zurück.

2. Soll das der Rückenwind der angekündigten Mehrwertsteuererhöhung sein? In der Statistik des Einzelhandelsumsatzes ist er bislang jedenfalls noch nicht zu erkennen. Allenfalls ein laues Lüftchen, das sich beispielsweise darin manifestiert, dass sich der Einzelhandel i.w.S. seit Jahresbeginn vergleichsweise stärker präsentiert, was u.a. auf Autokäufe zurückzuführen ist. Auch zeigt sich, dass seit Jahresbeginn (Januar bis September) im Wesentlichen der Nichtlebensmittelhandel zu dem bescheidenen Plus von 0,4 % im Vorjahresvergleich beigetragen hat. Der Lebensmittelumsatz wird nur mit dem reduzierten MwSt-Satz belegt (7 %), der nicht erhöht wird. Die Nichtlebensmittel hingegen sind überwiegend dem normalen Steuersatz unterworfen. Dieser steigt zum 1. Januar 2007 um drei Prozentpunkte auf 19 % an, sodass sich ein vorgezogener Konsum lohnen kann.

3. Glaubt man der amtlichen Statistik, so scheinen sich die deutschen Konsumenten trotz verbesserter Arbeitsmarktlage immer noch nicht aus ihrer Angststarre gelöst zu haben. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Anreiz einer MwSt-Erhöhung bislang nicht greift. Die reale Einkommensentwicklung verläuft zwar flach, zusätzlicher Konsum müsste aus vorübergehend geringerer Ersparnis finanziert werden.

4. Die flauen Kosumzahlen passen aber nicht zu anderen Indikatoren. So explodieren in den Haushaltsumfragen die Preiserwartungen für das kommende Jahr und signalisieren, dass sich die Haushalte der Folgen der MwSt-Erhöhung durchaus bewusst sind – dabei ist es unerheblich, ob die Preiserhöhungen auch tatsächlich passieren, wichtig ist, was sich bei den Erwartungen der Konsumenten abspielt. Entsprechend logisch ist es auch, dass sie in den Umfragen angeben, verstärkt größere Anschaffungen tätigen zu wollen. Diese so genannte Anschaffungsneigung, eilt von einem Allzeithoch zum anderen. Entsprechend steigt in der ifo-Umfrage die Lagebeurteilung des Einzelhandels auf Niveaus, wie man sie zuletzt Anfang der Neunzigerjahre im „Konsumrausch der Wiedervereinigung“ erlebte. Und schließlich scheint sich auch das produzierende Gewerbe auf einen Nachfragesog einzustellen, denn die Gebrauchsgüterproduktion hat von Januar bis August um 10,1 % zugelegt, während das Produzierende Gewerbe insgesamt nur ein Plus von 4,7 % verbuchen konnte. Gebrauchsgüter sind eben jene Güter, für die überwiegend der MwSt-Satz ansteigen wird und für die man entsprechend Vorzieheffekte erwarten kann.

5. Man sieht, die Indikatoren für den Konsum geben derzeit ein ähnlich verwirrendes Bild ab, wie die Frühindikatoren. Zwei Szenarien sind denkbar. In Szenario 1 fallen die Vorzieheffekte überwiegend aus. Dann bleiben die Unternehmen auf ihren gut gefüllten Lagern sitzen und bedienen im kommenden Jahr die weiter dahindümpelnde Nachfrage im ersten Halbjahr aus diesen. Da dann keine Produktion stattfindet, bremst dies die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.

In Szenario 2 zeigen sich die Vorzieheffekte, allerdings erst nach mehrfachen Revisionen der Einzelhandelsumsatzstatistik. Dies klingt zunächst nach einem verzweifelten Rettungsversuch der Vorzieh- Hypothese, ist aber mit Blick auf die Vergangenheit nicht von der Hand zu weisen. Es gibt wohl kaum eine revisionsanfälligere Statistik als die des Einzelhandelsumsatzes. Zwar weist das Statistische Bundesamt darauf hin, dass der Revisionsbedarf insgesamt gering ist, doch bei dieser Betrachtung neutralisieren sich Aufwärts- und Abwärtsrevisionen weitgehend. Nimmt man den Betrag der Revisionen zwischen der Erstveröffentlichung bis hin zum letzten verfügbaren Ergebnis, so liegt er seit Anfang 2002 bei rund 1,3 Prozentpunkten, und auch nach der jüngsten Statistikumstellung im vergangenen Jahr beträgt sie noch über einen Prozentpunkt. Mit anderen Worten: Das im September verzeichnete Minus könnte durchaus noch ein Plus werden, zumal in der Regel negative Veränderungsraten bei der Erstveröffentlichung nach oben und positive Veränderungsraten nach unten revidiert werden.

6. Wie sind die heutigen Daten also zu interpretieren? Zunächst einmal mit aller größter Vorsicht, weil die Datenlage diffus und der Indikator sehr revisionsanfällig ist. Danach muss man aber dennoch konstatieren, dass der Septemberwert enttäuscht. Das könnte zum Teil an den weit in den September hineinreichenden Schulferien gelegen haben, grundsätzlich hatte man sich ein deutliches Zeichen der Vorzieheffekte erhofft. Wir glauben dennoch nicht, dass die Vorzieheffekte bereits aus der Welt sind: Die Kombination aus Weihnachtsgeschäft und der kurz bevorstehenden MwSt-Erhöhung sollten dem Einzelhandel im November und Dezember sehr gute Geschäfte bescheren. Für das Gesamtjahresergebnis ist das eine gute Botschaft, denn diese beiden Monate sind mit Abstand die umsatzstärksten.

Quelle: DekaBank

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