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Frankfurt (GodmodeTrader.de) – Nach einem zweijährigen Verhandlungsmarathon haben die P5+1 – die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (China, Frankreich, Russland, Großbritannien und die USA) sowie Deutschland – am 14. Juli mit dem Iran ein Nuklear-Abkommen unterzeichnet. Im Zuge eines mehrstufigen Umsetzungsverfahrens bedeutet diese Einigung, dass dem Iran der Zugang zu den weltweiten Finanzmärkten künftig nicht mehr verschlossen sein könnte. Das Emerging Markets Debt Team von Invesco hat die Auswirkungen der Wiedereingliederung des Irans in die Weltwirtschaft analysiert. Die Anleiheexperten rechnen mit unterschiedlichen Folgen für die regionalen Märkte und die jeweiligen Risikoaufschläge für Anleihen.

Durch die Sanktionen habe der Iran das Potenzial seiner Handelsbeziehungen zu seinen direkten Nachbarn in der Vergangenheit nicht ausschöpfen können. Mit dem Auslaufen der Sanktionen werde die iranische Wirtschaft wieder Fahrt aufnehmen, heißt es in dem aktuellen Invesco-Marktkommentar zum Thema. Damit würden die intensiveren Handelsverflechtungen enorme Chancen für die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), den Irak und die Türkei eröffnen. Türkischen und irakischen Zementunternehmen zum Beispiel könnten sich im Zuge des Wiederaufbaus der iranischen Infrastruktur bedeutende Geschäftschancen bieten. Dienstleister wie Banken und Telekommunikationsanbieter aus den VAE und der Türkei könnten von der Erschließung des aktuell unterversorgten iranischen Marktes profitieren.

Im Gegenzug sei die Nachfrage nach Gas in den VAE und der Türkei dramatisch gestiegen und könne durch die reichlichen Gasreserven des Irans kosteneffizient gedeckt werden. Wenn erst einmal wieder Öl aus dem Iran zur Verfügung stünde, könnte das zusätzliche Angebot den Ölpreis weiter unter Druck setzen. Von einem längerfristig niedrigen Ölpreis würden Ölimporteure wie die Türkei, Tunesien, Ägypten, Marokko und der Libanon profitieren, heißt es.

Wie Banu Asik Elizondo, Senior Portfolio Manager im Emerging Markets Debt Team von Invesco, erläutert, profitiert der Iran neben seinen reichlichen Öl- und Gasreserven auch von günstigen demographischen Strukturen und gut ausgebildeten Arbeitskräften. Bei wichtigen sozialen Indikatoren schneide das Land besser ab als andere Schwellenländer – mit einer Alphabetisierungsrate von über 80 Prozent und hohen Absolventenquoten im sekundären und tertiären Bildungsbereich. Wenn die notwendigen Strukturreformen erst einmal umgesetzt seien, könnte der Iran somit eine wirtschaftliche Bedrohung für Nachbarländer wie die Türkei darstellen, die sich mit ihrer produktionslastigen Wirtschaft und ihrer hohen Abhängigkeit von Rohstoffimporten durch eine nur geringe Wertschöpfungsintensität auszeichnen.

Sollte es dem Iran – der über rund 18 Prozent der weltweiten Erdgasreserven verfügt – gelingen, seine Kapazitäten durch umfangreiche Explorations- und Produktionsarbeiten deutlich auszuweiten, könnte das Land zudem einen hohen Anteil des regionalen Erdgasbedarfs abdecken und dadurch die Bedeutung des regionalen Oligopols von Russland und Katar schwächen, heißt es weiter.

Falls die iranischen Ölexporte den Ölpreis weiter drücken sollten, dürfte das den Irak und alle Länder des Golf-Kooperationsrats schmerzhaft treffen. Die Staatseinnahmen dieser Länder, zu denen Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die VAE gehören, hängen zu 60 bis 80 Prozent vom Öl ab.„Ein niedrigerer Ölpreis und entsprechend sinkende Staatseinnahmen sowie Leistungsbilanzüberschüsse dürften das Ende der niedrigen Risikoprämien bedeuten, mit denen die Anleihen dieser Länder seit einiger Zeit gehandelt werden“, meint Elizondo.

Die größten Risiken für Emerging-Market-Anleihen sieht ihr Team aber nicht in der Rohstoffpreisentwicklung oder dem Handel, sondern in geopolitischen Entwicklungen. Angesichts der andauernden Konflikte in Syrien und dem Jemen werde die außenpolitische Haltung des Irans künftig von entscheidender Bedeutung sein. „Eine Abstimmung der Außenpolitik mit der anderen regionalen Macht Saudi-Arabien und ein gemeinsames Engagement für den Frieden in der Region wären positiv. Umgekehrt könnten das Scheitern derartiger Verhandlungen oder eine fehlende Kooperationsbereitschaft zu noch mehr Gewalt in der Region führen“, sagt Elizondo. „Unser Basisszenario ist das einer Kooperation zwischen den beiden regionalen Mächten. Sollte es zu einer derartigen Kooperation nicht kommen, dürften die Risikoprämien in der Region deutlich steigen.“