Emerging Markets Aktien am Wendepunkt

Tim Love, Investment Director Emerging Markets Aktienstrategie: „Es war bisher ein relativ schwieriges Jahr für Schwellenländeraktien und insbesondere für China. Zu Jahresbeginn haben wir von Schwellenländeraktien als Investment-Grade-Nachzügler gesprochen, der auf Wert, Wachstum und Rendite abzielt. Wir halten immer noch an dieser Prämisse fest. Schwellenländeraktien lagen im Jahresverlauf leicht im Minus im Vergleich zu einem deutlichen Aufschwung sowohl des Nasdaq als auch des S&P 500. Schließt man China aus, liegen die Schwellenländermärkte allerdings insgesamt sogar leicht höher als die Industrieländermärkte. Dennoch lastet seit dem unruhigen Abwärtstrend jede Menge negativer Druck auf dem Markt. Wann wird dieser Druck nachlassen und Fundamentaldaten in den Vordergrund treten?

Wir sind der Meinung, dass diese Übergangsphase nicht sehr lange anhalten wird. Ich denke, der Übergang erfolgt im 4. Quartal 2021, zumal die von uns für das nächste Jahr erwarteten Gewinne gegenüber relativ einfachen Vergleichszahlen solide sein sollten. Und wenn entwickelte Märkte, z.B. die USA (+4 % BIP bei einem VPI von vielleicht 2,93 %), die Infrastrukturprojekte fortsetzen, dürften die Schwellenländer in einer starken Position sein, um von der relativ starken Normalisierung nach der Covid-Krise zu profitieren. In diesem Sinne werden also die Fundamentaldaten und die Erträge ausschlaggebend sein. Wir sind also «bullish» ausgerichtet. Die Bewertungen und Fundamentaldaten sind positiv, insbesondere aufgrund des Investment Grades. Währungen haben einen positiven Carry, und die Währungen der wichtigsten Schwellenländer sind bereits um 60-65 % gesunken. Ein großer Teil der Verluste ist bereits eingepreist – insbesondere in China, die den USA in Bezug auf Normalisierung und Anpassung an ein neues finanz- und geldpolitisches Umfeld wesentlich voraus sind. Außerdem nähern sich die regulatorischen Umstrukturierungen einem Ende. Wenn das der Fall ist, dann sind Aktien aus Schwellenländern meiner Meinung nach per Definition gut positioniert, um im Folgejahr eine relative Outperformance gegenüber den Industrieländern zu erzielen und auch besser abzuschneiden als Schwellenländeranleihen oder -währungen. Ich würde also für die nächste Etappe der Rallye auf Aktien setzen.

Die attraktivsten Möglichkeiten sehen wir derzeit auf der Value-Ebene – insbesondere mit Blick auf nachhaltige Materialien, welche dieses Jahr stark an Wert gewonnen haben; sei es Impala Platin, seltene Erden, Kupfer- und Lithiumwerte – diese Werte erlitten Rückschläge von 20-30 %, während der Ölpreis in die Höhe schoss. Dabei spielten ESG-Themen sowie die Covid-Auswirkungen eine entscheidende Rolle, welche die Lieferketten beeinträchtigten, aber auch vorübergehende Faktoren, die das Timing des Marktes kurzfristig durcheinander gebracht haben. So gingen Gazprom und Lukoil Aktien in die Höhe, während grüne Energieaktien zurückgingen.

Ich denke, diese Entwicklung lässt sich umkehren. Was die Inlandsnachfrage betrifft – abgesehen von den weltweiten geopolitischen Risiken –, denke ich, dass Indien und China ein enormes inländisches Nachfragewachstum zu vernünftigen Preisen bieten; ob es sich um den Einzelhandel oder beispielsweise um inländische Telekommunikationsunternehmen handelt, welche bemerkenswert attraktiv sind. Außerdem bieten sich einige nicht korrelierte Werte, sei es in Indien oder in VARPS (Vietnam, Argentinien, Rumänien, Pakistan und Saudi-Arabien), dem Frontierländer-Universum. Von diesen sind Vietnam und Rumänien meiner Meinung nach innerhalb von VARPS besonders attraktiv. Ich glaube, die Änderung der Zusammensetzung des EM-Index wurde von vielen nicht richtig wahrgenommen, und das spricht dafür, nun etwas wachstumsorientierter und optimistischer zu sein.

Zumal START (Samsung, Taiwan Semiconductor, Alibaba, Reliance, Tencent), beispielsweise in den letzten sechs Monaten sehr stark an Wert verloren haben, teilweise aufgrund von Chinas Regulierungsmaßnahmen, sowie wegen einiger anderer Probleme, die mit den globalen Märkten und der Volatilität zu tun haben. Diese Gruppe von Unternehmen macht einen größeren Anteil aus als FAANG (Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Google) für den S&P 500. Definitionsgemäß erscheinen sie mir jetzt wie eine Sprungfeder. Diese Gruppe wird, zusammen mit den nicht korrelierten Titeln, den Value-, Growth-, Yield- sowie den Investment-Grade-Titeln der Schwellenländer, ihren Durchbruch erleben. Ich denke, dieses Jahr war eine Art Übergangsjahr, welches in 3-6 Monaten voraussichtlich überstanden sein wird. Die Märkte blicken nämlich genauso weit voraus. Daher denke ich, dass wir an einem Wendepunkt stehen."

Fokus Asien – Technologie- und Konsumgüter-Aktien besonders attraktiv

Jian Shi Cortesi, Investment Director für Asiatische Aktien: „Die asiatischen Aktienmärkte, vor allem in China, verzeichneten in den vergangenen Monaten einige Korrekturen. Chinesische Aktien verloren ziemlich stark an Wert, zumal die Marktstimmung durch zahlreiche Regierungsvorschriften beeinträchtigt wurde. Diese Verordnungen beziehen sich vor allem auf die allgemeinen Wohlstandsziele der Regierung, welche einen gleichberechtigten Zugang zu Chancen und Ressourcen sowie die Anhebung des Lebensstandards der Ärmsten anstrebt. Die Stimmung der Anleger wurde ebenfalls durch die finanziellen Schwierigkeiten des stark fremdfinanzierten chinesischen Immobilienentwicklers Evergrande beeinträchtigt.

Unserer Ansicht nach, ist das Übertragungsrisiko gering, da wir davon ausgehen, dass die chinesische Regierung ihre Aktivitäten eng aufeinander abstimmen wird und eine geordnete Schuldenrestrukturierung von Evergrande veranlassen wird – zumal die soziale und finanzielle Stabilität zu den obersten Prioritäten der chinesischen Regierung gehören. Wir sind davon überzeugt, dass die regulatorische Verschärfung und die Abschwächung auf dem Immobilienmarkt bereits zu einer wirtschaftlichen Entschleunigung in China geführt haben. Dies wird die Regierung veranlassen unterstützende Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft zu ergreifen. Wir haben beobachtet, dass der chinesische Aktienzyklus weitgehend den politischen Zyklen entspricht.

Für die kommenden Wochen gehen wir von einem günstigeren politischen Umfeld aus, welches sich positiv auf die Stimmung der Anleger und die Entwicklung der Aktienkurse auswirken wird. Zu Beginn des Jahres haben wir bereits überteuerte Wachstumswerte in unseren Strategien reduziert und uns defensiver positioniert. In den kommenden Monaten werden wir hochwertige Wachstumswerte erneut kaufen, zumal viele dieser Aktien nach der jüngsten Korrektur günstig sind.

Aufgrund dieser Korrektur bei chinesischen und asiatischen Aktien sehen wir günstige Angebote in den Bereichen Technologie und Konsumgüter. Am meisten freuen wir uns jedoch über die Entwicklung in zwei Bereichen. Erstens: aufstrebende Unternehmen im Innovationssektor, zumal sie dank der Antimonopolverordnungen in den Genuss gleicher Wettbewerbsbedingungen kommen. Zweitens: Sektoren, die eine starke politische Unterstützung erfahren, wie z. B. erneuerbare Energien, Halbleiter und technologischer Fortschritt – das sind die Bereiche, in denen wir voraussichtlich signifikantes Alpha generieren werden. Asien ist eine dominierende Kraft im Bereich der sauberen Energie und wir haben ein Engagement in den Bereichen Solar- und Windkraftanlagen, Ausrüstungen, Elektrofahrzeuge und Batterien. Wir sind aktiv auf der Suche nach Möglichkeiten, uns in diesen Bereichen weiter zu engagieren."

Anleihen: Russland profitiert von Energiepreisen

Paul McNamara, Investment Director Emerging Markets Anleihen und Währungen: „Von entscheidender Bedeutung waren für die Schwellenländer zuletzt natürlich die geldpolitischen Maßnahmen, insbesondere der Fed, die eine Straffung der Geldpolitik anstrebt. Wir haben einen starken Anstieg des US-Dollars im 3. Quartal gesehen, und das ist ein Gegenwind, mit dem die Schwellenländer schon immer zu kämpfen hatten. Die Schwellenländer haben sich aber gut geschlagen. Wir sehen Fortschritte bei den Impfungen in allen Ländern, worüber wir uns bisher Sorgen gemacht haben. So wie es mit den Impfungen weiter geht, so läuft auch die Wirtschaft – insbesondere der Dienstleistungssektor, der vorher sehr stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wir hatten also den Gegenwind der strafferen Geldpolitik, aber wir hatten einen unterstützenden Hintergrund an der Impfungsfront. Die aufstrebenden Volkswirtschaften konnten sich also weitgehend erholen.

2021 war bisher ein ziemlich schwieriges Jahr, obwohl vieles von dem, was wir uns erhofft hatten, eingetreten ist. In Bezug auf stärkere Schwellenländer-Exporte sowie fortschreitende Impfungen, die uns die Aussicht auf eine Rückkehr zur relativen Normalität in der Weltwirtschaft bieten, haben sich die Schwellenländer zuletzt insgesamt nicht ganz so gut geschlagen, wie wir es erwartet hatten. Entscheidend wird sein, dass die Schwellenländer ihren Rückstand aufholen, und dort hinkommen, wo sie unserer Meinung nach sein sollten. Wir sehen starke Außenbilanzen und sich erholende Devisenreserven. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich die Schwellenmärkte nicht etwas besser entwickeln könnten, als sie es bisher getan haben. Wenn wir also keine dramatischen Veränderungen in der globalen Wirtschaft erleben, wie z.B. Notfallmaßnahmen der Fed, dürfte unser Ausblick positiv ausfallen. Aber eher aufgrund unserer Einschätzung, wo sich die Anlageklasse eigentlich befinden sollte, als dass wir glauben, dass sich zwangsläufig etwas ändern wird, was die Aussichten positiver macht.

Ich glaube, wir sehen die meisten Chancen dort, wo nichts Besonderes schief läuft. Indonesien ist ein gutes Beispiel. Für Mexiko und Russland sehen wir Möglichkeiten zur Verbesserung. Die hohen Energiepreise sind natürlich ein großes Problem für uns im Westen, für Russland sind sie ein großer Gewinn. Die russische Zahlungsbilanz sieht hervorragend aus, die Bilanz des Staates ist extrem stark, so dass wir dort mit positiven Renditen rechnen. Vorsichtiger sind wir in Ländern, in denen die politischen Aussichten ein wenig schwieriger sind. Hinsichtlich der Türkei im Besonderen, aber auch Kolumbien, Peru und quer durch Südamerika haben wir einige Zweifel. Aber Russland und die Länder mit Stabilität sind aus unserer Sicht die besten Anlageregionen."