Durch den Rückgang des Ölpreises während der letzten Monate befinden sich die Kurse von Energieaktien auf einem besonders attraktiven Niveau. Während globale Aktien von Mitte Juni bis Ende Oktober um rund 14 Prozent zulegten, stieg der MSCI World Energy Index nur um 4,8 Prozent. Der Energiesektor konnte nicht an seine relative Stärke aus der ersten Jahreshälfte anknüpfen.

Ein Grund dafür ist, dass der Markt den angekündigten Förderkürzungen der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) um 1,2 Millionen Fass pro Tag misstraut. Diese seit dem 1. November geltende Maßnahme wurde zwar erwartet, doch weil verschiedene OPEC-Staaten ihre Förderquoten nicht ausschöpfen, kamen Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Vorhabens auf. OPEC-Schwergewicht Saudi-Arabien hat die Selbstverpflichtung des Kartells inzwischen zwar erneut bekräftigt, die Energieaktien blieben aber dennoch volatil. Der Markt scheint auf Beweise für die Umsetzung der Produktionskürzungen zu warten.

Der jüngste Ölpreisrückgang wurde aber auch durch die nachlassende Risikowahrnehmung der Märkte ausgelöst. Obwohl der Irak noch immer seine Fördermöglichkeiten nicht ausschöpft und Nigeria mit anhaltenden Produktionsstörungen kämpft, konzentrierte sich das Interesse auf das Ende der israelischen Intervention im Libanon. Auch positive Entwicklungen im Streit um das iranische Atomprogramm drückten den Ölpreis. Ein Übriges tat die bislang milder als erwartet ausgefallene Hurrikan-Saison in den USA.

Grundsätzlich bestimmen drei Faktoren die Preisbildung an den Energiemärkten: strukturelle, zyklische und saisonale Elemente. Aus der zyklischen Perspektive betrachtet ist fraglich, ob selbst eine leicht steigende Produktion mit dem ständig wachsenden Ölverbrauch Schritt halten kann. Prognosen einer weiter steigenden Ölnachfrage spiegeln sich bislang nicht am Markt wider. Dabei steht das Wirtschaftswachstum bei den größten Ölverbrauchern China und USA auf sehr solidem Fundament, und ein Nachlassen des chinesischen Energiebedarfes ist auf viele Jahre hinaus kaum zu erwarten. Vor diesem Hintergrund sollte die Gesamtnachfrage nach Öl auch bei steigenden Preisen auf hohem Niveau bleiben. Der Markt konzentrierte sich in jüngster Zeit aber auf die Möglichkeit einer durch höhere Zinsen ausgelösten Abschwächung der weltweiten Konjunktur und einer damit verbundenen Nachfrageschwäche.

Auch saisonal durchlief der Ölmarkt zuletzt eine Schwächephase, denn die Nachfrage zieht üblicherweise im Sommer an, schwächt sich im Herbst temporär ab und steigt dann erst im Winter wieder an. Aus der strukturellen Perspektive spricht derzeit vieles für eher steigende Preise. Die OPEC-Mitgliedsländer sind auf einen höheren Ölpreis angewiesen als früher, um ihre Haushalte auszugleichen. Das Kartell bekräftigte erst kürzlich seine Absicht, den Ölpreis über 60 US-Dollar pro Fass zu halten. Zudem sinkt die Ergiebigkeit der bestehenden Ölvorkommen weltweit mit zunehmender Geschwindigkeit.

Aus Anlegersicht bietet die aktuelle Marktsituation gute Einstiegschancen, denn die Bewertungen vieler Energieunternehmen sind durch die relativ schwache Wertentwicklung der letzten Monate auf einem äußerst attraktiven Niveau. Bemerkenswert dabei ist, dass die Korrelation zwischen den Kursen von Energieunternehmen und dem Ölpreis in den vergangenen zwölf Monaten ungewöhnlich hoch war. Obwohl Analysten ihre Gewinnschätzungen für viele Energiekonzerne erhöhten und dies wohl auch in Zukunft häufiger tun werden, hängt die kurzfristige Kursentwicklung vom Auf und Ab des Ölpreises ab.

Entscheidend sind auf kurze Sicht der kommende Winter und die Umsetzung der OPEC-Förderkürzungen. Beides spricht eher für steigende Ölpreise, denn im jüngsten Preisrutsch wurde ein milder Winter schon eingepreist, und japanische Raffinerien berichten über erste saudische Warnungen vor der Verringerung vereinbarter Öllieferungen. Sollten die Wirtschaftsdaten, vor allem aus China, weiterhin positiv bleiben und geopolitische Störungen wieder in den Mittelpunkt rücken, kann der Ölpreis schnell wieder steigen.

Gegenwind bekämen Energiewerte dagegen bei einem starken Rückgang der weltweiten Konjunktur und dem damit verbundenen Rückgang der globalen Ölnachfrage. Auch eine durch krisenhafte Entwicklungen an den Finanzmärkten bedingte Abkehr der Anleger von Aktienanlagen würde die Energiewerte belasten.

Quelle: BlackRock MLIM

BlackRock Merrill Lynch Investment Managers ist eine der größten börsennotierten Investment-Management-Firmen weltweit. Per Ende Juni 2006 beliefen sich die verwaltete Kundengelder von BlackRock und MLIM insgesamt auf 1,046 Billionen US-Dollar. Das Unternehmen verwaltet Vermögenswerte für institutionelle und private Investoren weltweit mit einer breiten Palette von Anlageprodukten aus den Bereichen Aktien, festverzinsliche Wertpapiere, Geldmarkt- und alternativen Investments.