Die Diskussionen um die Energiewende beschränken sich manchmal auf den Ausbau der Kapazitäten für saubere Energie und das Erreichen der Netto-Null. Der Wandel muss aber vielschichtig sein und auch Fragen zu der öffentlich-privaten Finanzierung, dem Zugang zu zuverlässiger Elektrizität, der Ausbildung und Umschulung von Arbeitnehmern und anderen sozioökonomischen Bereichen umfassen.

Die Energiewende vollzieht sich in Asien in einem noch nie dagewesenen Tempo, das sich zweifellos noch erhöhen wird. Laut Energy Transition Index (ETI) haben sich die asiatischen Schwellen- und Entwicklungsländer in den letzten zehn Jahren in der Bewertung um 6 % – und damit stärker als die übrigen Regionen der Welt – verbessert. Und immer mehr asiatische Länder verkünden offensivere Klimazusagen, insbesondere im Hinblick auf das Erreichen des Netto-Null-Ziels. Zum vollständigen Ausstieg aus der Kohle haben sich dagegen viele Länder noch nicht verpflichtet. Dies hat seinen Grund in der Bedeutung der Kohle für den Kontinent.

Junge Kohlekraftwerke stilllegen?

Asiens Energiemix besteht im Durchschnitt etwa zur Hälfte aus Kohle; ein Großteil des Wachstums in den letzten Jahrzehnten war mit einem hohen CO2-Ausstoß verbunden. Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) war Asien 2020 für fast 80 % der Kohlenachfrage verantwortlich, und die Situation wird sich nicht verbessern, vielmehr wird der Anteil bis 2050 deutlich über 80 % liegen. Die Kohleabhängigkeit ist vor allem in China und Indien eine große Herausforderung. Hier ist Kohle mehr als nur ein Brennstoff für das Wirtschaftswachstum. Sie steht für Energiesicherheit und Souveränität, da die beiden Länder über einige der größten Kohlereserven der Welt verfügen.

Mit Zunahme der Wettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren Energien erweisen sich „saubere“ Vorhaben im Vergleich zu den meisten Kohleprojekten als wirtschaftlicher. Hinzu kommt der Umweltaspekt. Allerdings verzerren in einigen Märkten Kohlesubventionen das Bild. Für den Ausstieg aus der Kohle dürfen nicht nur keine neuen Projekte mehr verwirklicht, sondern es müssen auch bestehende Anlagen stillgelegt werden. Letzteres ist in Asien besonders schwierig, da die dortigen Kohlekraftwerke relativ jung sind. Mit durchschnittlich 13 Jahren liegen sie weit unter dem Durchschnittsalter der Kraftwerke in den westlichen Industrieländern, die bereits 30 bis 40 Jahren alt sind, und auch weit unter der normalen Betriebsdauer für Kohlekraftwerke.

Der Ausstieg aus der Kohle ist für Asien wichtig, sollte aber mit einem nachhaltigen Ausbau der erneuerbaren Energien verbunden sein. Politische Maßnahmen, wie z.B. die Einführung von Einspeisetarifen (FiTs) und Anreize in Form von Steuern und Steuerbefreiungen, können dabei in den einzelnen Ländern hilfreich sein. Erforderlich sind ferner die schnelle Erweiterung und Modernisierung der Stromnetze auf dem Kontinent und die Integration der erneuerbaren Energien in das Netz. Neben dem Netzausbau sind Energieeffizienz und-speicherung ein wichtiges Thema.

In ganz Asien sind Stromerzeugungs-, -übertragungs- und -verteilungsunternehmen aus Gründen des nationalen Interesses häufig in Staatsbesitz oder mit einer Monopol- oder Oligopolstellung verbunden. Viele Länder erkennen die Notwendigkeit, die Finanzierung durch den Privatsektor und andere Marktteilnehmer durch Gesetzesänderungen zu ermöglichen.

Grüne Anleihen sind beliebt

Die Energiewende erfordert eine massive Zunahme der Investitionen in saubere Energien. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass die Investitionen in Schwellen- und Entwicklungsländern für ein Netto-Null-Szenario bis 2050 um mehr als das Siebenfache auf über 1 Billion US-Dollar steigen müssen.

Neben öffentlichen werden in Asien auch private Finanzmittel eine wichtige Rolle bei der Finanzierung des Klimawandels spielen müssen. Grüne Anleihen, durch die Projekte mit positiven Auswirkungen auf Klima und Umwelt finanziert werden, wurden in den letzten Jahren immer beliebter. Die Emission grüner Anleihen von Emittenten in Asien erreichte 2021 ein Volumen von mehr als 100 Milliarden US-Dollar.

Verlust von bis zu 20 % des BIP durch Klimawandel

Asien zählt zu den Regionen, die von dem Klimawandel mit der Folge extremer Wetter- und Klimaereignisse wie Hitzewellen, steigende Meeresspiegel, Fluten, Stürme und Dürren am stärksten betroffen sein werden. Millionen Menschen leben in Küstenregionen. Von den 100 für Wetterkatastrophen risikoanfälligsten Städten der Welt liegen 99 in Asien. Bei einem wahrscheinlichen globalen Temperaturanstieg von 2 - 2,6°C bis zur Mitte des Jahrhunderts würde der wirtschaftliche Verlust für Asien etwa 15-20 % des BIP betragen. Wetterextreme werden sich wegen der herausragenden Rolle Asiens in der globalen Produktions- und Lieferkette auch weltweit auswirken. Steigende Temperaturen werden zu verkürzten Arbeitszeiten in Branchen führen, die arbeitsintensiv im Freien arbeiten.

Sehr oft leben die sozial oder wirtschaftlich am stärksten Benachteiligten an Orten, die am anfälligsten für die Klimarisiken sind. Der Klimawandel könnte nach Schätzungen von UN-Experten bis 2030 weitere 120 Millionen Menschen in die Armut treiben. Der Ausstieg aus der Kohle in Asien wird zum Verlust von Arbeitsplätzen führen. Andererseits sollen in Asien netto schätzungsweise 14 Millionen Arbeitsplätze in der grünen Wirtschaft entstehen. Hier steht Asien an der Spitze, aber die Fortschritte bei Umschulung und Weiterbildung sind eher schleppend. Länder und Unternehmen räumen jedoch zunehmend diesen Aspekten bei der Beschäftigungsentwicklung höchste Priorität ein. Damit der Übergang gerecht verläuft, sind koordinierte Anstrengungen erforderlich, bei denen die wichtigsten Interessengruppen sowohl Umwelt- als auch soziale Fragen berücksichtigen müssen