Paris/ Berlin (Godmode-Trader.de) - Nachdem der französische Staatschef Emmanuel Macron mit deutlichen Worten die Meinungsfreiheit verteidigte und auch betonte, dass Frankreich nicht „auf Karikaturen und Zeichnungen verzichten werde, auch wenn andere sich davon zurückziehen“ reagierte die islamische Welt mit Furor. Von Pakistan über Jordanien bis Algerien waren schnell Verurteilungen zu hören. Der Chef der Partei Islami Shahsantantra Andolon in Bangladesh forderte einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Frankreich. Doch nirgends war die Kritik an Macron derart beleidigend und persönlich wie in der Türkei.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete Macrons Aussagen am Wochenende als muslimfeindlich und verspottete ihn, er brauche medizinische Hilfe. Das konservative Saudi-Arabien zeigte sich diplomatischer und veröffentlichte am heutigen Dienstag eine Erklärung, in der weder Macron noch Frankreich erwähnt wurden und stattdessen „alle Versuche, den Islam mit dem Terrorismus zu verknüpfen", zurückgewiesen und zu Toleranz aufgerufen wurde.

Anstatt sich zu beruhigen, hat Erdogan am Montag neue Provokationen vom Stapel gelassen und zu einem Boykott französischer Waren aufgerufen. Für Frankreich wären die Folgen verschmerzbar, schließlich rangiert die Türkei lediglich auf Rang 14 der französischen Exportziele. Erdogan benutze Macrons Charakterisierung des Islam als Religion "in der Krise" als Knüppel, mit dem er den Franzosen schlagen und gleichzeitig seinen Führungsanspruch in der muslimischen Welt erneut behaupten wolle, kommentierte die Nachrichtenagentur Bloomberg. Er habe mit Macron auch ein Hühnchen zu rupfen, nachdem der französische Staatschef die Türkei wegen ihrer aggressiven Vorgehensweise vom Gasstreit im östlichen Mittelmeer angegriffen hat.

Die EU hat den Boykottaufruf des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gegen Produkte aus Frankreich scharf verurteilt. Ein solcher Aufruf stehe im Widerspruch zum Geist von Verpflichtungen, die die Türkei eingegangen sei, und werde die Türkei noch weiter von der EU entfernen, sagte ein Sprecher der EU-Kommission am Dienstag. Vereinbarungen zwischen der EU und der Türkei sähen einen freien Warenverkehr vor.

Analysten zufolge ist aufgrund der strategischen Bedeutung Frankreichs für die Golfregion ein umfassenderer Boykott jedoch unwahrscheinlich. Letztlich haben die meisten Länder und Menschen der islamischen Welt angesichts der Corona-Pandemie und der wirtschaftlichen Not Sorgen genug, was bedeutet, dass die Spannungen wohl nur ein vorübergehendes Aufflackern sein dürften.

Macron, dem in 18 Monaten Präsidentschaftswahlen bevorstehen, reitet auf einer Welle öffentlicher Verärgerung über den Mord an einem französischen Lehrer, der seiner Klasse während eines Staatsbürgerkundeunterrichts Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. Viele Muslime lehnen eine bildliche Darstellung des Propheten ab und empfinden sie als beleidigend, explizit verboten ist sie im Koran aber nicht.