Zürich (BoerseGo.de) - Für die US-Notenbank Fed und damit auch für den Kapitalmarkt ist eine Frage von besonderer Bedeutung, stellt Alessandro Bee, Ökonom der Bank J. Safra Sarasin in einem aktuellen Marktkommentar fest. Sind die Erwartungen für den Leitzins in der langen Frist, den die US-Zentralbank derzeit bei vier Prozent sieht, zu hoch angesetzt?

Diese Frage sei eng mit dem vom US-Ökonomen Summers populär gemachten Begriff der säkularen Stagnation verbunden, erläutert Bee. Summers versteht darunter die Gefahr einer langanhaltenden Wirtschaftsflaute, weil selbst die ultra-expansive Geldpolitik nicht in der Lage ist, die volkswirtschaftliche Nachfrage genügend zu stimulieren, um der US-Wirtschaft zu einem nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung zu verhelfen. Auch auf der Angebotsseite der Wirtschaft gebe es Faktoren, die auf ein niedrigeres Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren hinweisen. Makroökonomische Modelle besagten, dass im wirtschaftlichen Gleichgewicht der Leitzins dem nominalen Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft entsprechen müsse. Treffe die Theorie der säkularen Stagnation zu, würde das langfristig tiefere Leitzinsen implizieren, so Bee.
Die tiefen Anleiherenditen der vergangenen Monate haben in den USA eine Diskussion entfacht, ob aufgrund der säkularen Stagnation die Erwartungen für die langfristigen Leitzinsen nicht viel tiefer liegen sollten als bei den vier Prozent, an denen die Fed festhält. Einige Kommentare zeigten, dass die Debatte nun auch die Zentralbank selber erfasst habe, so der Sarasin-Ökonom.

Im Zuge der Diskussion um die säkulare Stagnation dürfte auch die Fed ihre Erwartungen reduzieren und von einem geringeren Potenzialwachstum und einem tieferen Leitzins in der langen Frist ausgehen. „Dieser Prozess wird jedoch nur graduell erfolgen", ist Bee überzeugt. Möglich sei, dass die Fed den langfristig erwarteten Leitzinsen von 4 auf 3,75 Prozent reduziere. Es sei allerdings fraglich, ob eine geringfügige Absenkung der Erwartungen für die langfristigen Leitzinsen durch die US-Notenbank zu tieferen Obligationen-Renditen führte. „Es würde schon eine massive Revision der Wachstumsaussichten brauchen, um niedrigere Renditen zu rechtfertigen", so der Ökonom. Hinzu komme, dass sich die US-Wirtschaft in einer robusten Verfassung befinde. Nach dem Einbruch der Produktion zu Beginn des Jahres hat das Wachstum im Frühjahr wieder an Fahrt gewonnen. Das deute trotz den durchwachsenen langfristigen Aussichten eher auf höhere Obligationenrenditen in der nahen Zukunft hin.