Thomas May ist langjähriger Experte bei GodmodeTrader/Guidants und hat als Spezialgebiet die Fibonacci-Analyse für sich entdeckt.

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Wenn Du jemandem Technische Analyse in einem Satz erklären müsstest : Was ist die Quintessenz?

Chartanalyse untersucht den Kursverlauf, der das Ergebnis sämtlicher aktueller Entscheidungen aller Marktteilnehmer ist, um unabhängig von Basiswert oder Zeitebene beginnende Trends bzw. neuralgische Punkte zu identifizieren, bei denen sich ein Investment lohnt oder man lieber die Füße stillhält.

Was sind aus deiner Sicht die Prämissen dafür, dass die TA funktionieren kann

Die Hauptprämisse ist wahrscheinlich, dass die Summe der Einzelentscheidungen der Marktteilnehmer eine Eigendynamik entwickelt, die nicht mehr viel mit den Ursachen für diese Entscheidungen oder auch z.B. mit fundamentalen, angeblichen rationalen Aspekten zu tun hat. Außerdem ist Börse zwar komplex, nicht-linear und manchmal auch chaotisch. Aber eben auch selbstreferenziell und folgt bestimmten Entwicklungspfaden, also Trends. Dinge wiederholen sich nicht „eins zu eins“, aber sie ähneln sich. Deswegen ist z.B. (Chart-)Mustererkennung sinnvoll und erfolgreich.

Und was die konkrete Analyse von Aktien, Indizes usw. betrifft, würde ich sagen: Hilfreich für die Aussagekraft der technische Analyse sind Basiswerte mit möglichst vielen verschiedenen Marktteilnehmern, einer hohen Handelsfrequenz oder ganz allgemein, eine Umgebung, in der Handelsentscheidungen von einzelnen Anlegern einen möglichst geringen unmittelbaren Einfluss auf die Kursentwicklung haben.

Was macht den Reiz der TA ggü. anderen Analyse-Arten aus, speziell der Fundamentalanalyse

Ich vergleiche es gern mit Klimaforschung und dem Wetterbericht: Die Klimaforschung erfasst und erklärt die Auswirkungen kurzfristiger, aber massiver Veränderungen wie z.b. bei einem Vulkanausbruch oder langfristiger über Jahrzehnte dauernder Trends, wie den Klimawandel. Das kann die Fundamentalanalyse auch hervorragend: Firmenspezifische Großereignisse oder langfristige z.B. fiskalpolitische oder branchenspezifische Trends und deren Auswirkungen auf die Börse umreißen. Das finde ich z.T. auch sehr interessant.

Aber wenn ich wissen will, ob ich morgen und nächste Woche kurze Hosen oder eher einen Regenschirm brauche, dann interessiert mich nicht, wie ein Regenschirm hergestellt wird oder wie es der Modebranche gerade geht. Dann brauche ich einen vernünftigen Wetterbericht - und das leistet die Charttechnik: Indem sie äußere Faktoren ausblendet und sich nur um die Anlageentscheidungen der Börsianer dieser Welt kümmert, können Kaufsignale, Kursziele und Potenziale von Trends, anstehende Korrekturen oder auch Richtungswechsel im Anlegerverhalten abgeleitet werden, manchmal schon lange bevor sie z.B. fundamental begründet werden können. Das finde ich immer noch faszinierend.

Welche Werkzeuge und Formationen sind in der TA deine absoluten Favoriten und warum?

Ich nutze in erster Linie klassische Charttechnik mit Trendlinien, klassischen Formationen und alles was im Bereich Fibonacci-Trading und Elliott Wave auf dem Markt zu finden ist. Die Vorteile sind, dass ich in kürzester Zeit ein Zeit-Preis-Gitter über dem Chart legen kann, mit dem sich ein Überblick über laufende Trends, ihre Struktur und die Bedingungen für den Fortbestand dieser Trends herausarbeiten lassen. Gleichzeitig sind Teile dieser Methoden präzise und komplex genug, um dem „Chaos Börse“ gerecht zu werden. Ich versuche also eigentlich gleichzeitig alles zu vereinfachen und manches zu verkomplizieren, um z.B. meine ursprüngliche Einschätzung noch einmal kritisch zu prüfen und so z.B. eine Fehleinschätzung oder einen Fehltrade zu vermeiden.

Wahrscheinlich hätte jeder Trader gerne eine Tradingstrategie. Wie kommt man von der Analyse zur Strategie?

Analyse ist die Basis von Trading, also ist sie immer auch Teil der Strategie. Aber Strategie impliziert für mich jetzt ein wenig, als wäre das ein klares Konzept von Abfolgen, die man immer wieder anwendet und dann erfolgreich repliziert. Ich glaube nicht, dass das so geht. Selbst bei exakt gleichen Startbedingungen können sich Kursverläufe schnell komplett unterschiedlich entwickeln. Man muss also flexibel bleiben.

Vielleicht kann die Strategie so aussehen: Finde einen Tradingkandidaten oder ein Setup und analysiere dann für den konkreten Fall, was eintreten müsste, damit das Setup komplett daneben geht. Und an dem Punkte, an dem die Analyse oder das Setup sicher falsch ist, da setzt Du den Stop. Es geht ja nicht um die schönste Analyse, sondern um einen guten Trade. Und der hat in erster Linie mit kontrolliertem Risiko zu tun.

Mit welchen konkreten Tradingstrategien handelst Du bevorzugt?

Es kommt auf die Situation an. Idealerweise klassische prozyklische Ausbruchstrategien in beide Richtungen oder Kaufsignale in Konsolidierungen, also noch vor dem eigentlichen Ausbruch. Aber ich handle auch bestimmte Trendwendeformationen. Außerdem beobachte ich Kursentwicklungen an Kursziel-Clustern sehr genau. Denn in solchen Bereichen befindet sich der Markt meistens vor einer Richtungsentscheidung, innerhalb derer ein laufender Trend von den Marktakteuren neu verhandelt wird. Ich versuche im Anschluss die Richtung zu traden, für die sich der Markt entschieden hat.

Was hältst Du von Indikatoren?

Ich verwende keine Indikatoren. Der Chart liefert derart viele zentrale Informationen ohne Filter, ohne Zeitverzögerung und mit voller Aussagekraft, dass ich gar nicht die Zeit habe, mich zusätzlich noch mit Indikatoren zu befassen.

Aber vielleicht ein Tip, wenn auch kein Indikator: Wer einmal das „Rauschen“ und das Chaos aus dem ein oder anderen Chart herausfiltern und die großen Trends, wichtigen Marken, Kursmuster usw. schnell und einfach erkennen möchte, der sollte sich Renko-Charts genauer ansehen. Bei dieser Chartart liegt der Fokus auf der Darstellung der Preisveränderungen. Dadurch werden viele Kursbewegungen, die keinen signifikanten Einfluss auf das Kursgeschehen haben, z.B. weil sie zu klein sind, einfach ausgeblendet. Es bleibt ein sehr cleaner, gut strukturierter Chart, in dem die wesentlichen Aspekte sehr schnell und einfach zu erkennen sind.