Von seiner Größe her ist der europäische Wirtschaftsraum mit dem der USA vergleichbar. Aber während der amerikanische Aktienmarkt größer ist als der europäische, leben in Europa deutlich mehr Menschen als in den USA. Kein Zweifel: Europa ist eine sehr große, von enormer Vielfalt gekennzeichnete Region. Doch wie viele aktiv verwaltete europäische Portfolios spiegeln diese Vielfalt wirklich wider und nutzen die enormen Wachstumschancen der Region? Viele Investoren schöpfen dieses große Investmentuniversum nicht aus. Wir haben einige der verantwortlichen Faktoren untersucht. Dabei zeigt sich, welche potenziellen Ertragschancen sich Investoren bieten, die bereit sind, die ausgetretenen Pfade zu verlassen.

Es ist kein Geheimnis, dass die Portfolios internationaler Investoren sich oft sehr eng an ihrem jeweiligen Benchmarkindex orientieren. Dafür gibt es zwei entscheidende Gründe:

• Das Sicherheitsgefühl: Viele Investoren fühlen sich sicherer, wenn sie das Risiko einer deutlichen Underperformance gegenüber dem Index reduzieren, selbst wenn sie dadurch zugleich ihre Chance auf eine deutliche Outperformance verringern.

• Verfügbarkeit von Research: Kleinere Werte und nicht in Indizes enthaltene Werte werden von Analysten oft wenig beobachtet. Aufgrund der eingeschränkten Vergleichsmöglichkeiten für das eigene Research kann das Gefühl der Vertrautheit fehlen, ohne das viele Investoren nicht in einen Titel investieren.

Die Zusammensetzung der europäischen Indizes ist vielfältig, aber …

Durch einen Einblick in die Profile der zwei großen Benchmarks lässt sich einschätzen, inwieweit eine stark indexorientierte Strategie das gesamte europäische Investmentuniversum reflektieren kann.

Im Folgenden sind der MSCI Europe Index und der MSCI Europe Small Cap Index kurz skizziert. Beide enthalten etwa 600 Aktien, weisen jedoch einige wichtige Unterschiede auf:

• Der MSCI Europe Index ist zum Teil relativ stark „konzentriert“. Daher werden viele Investoren eher zu den höher gewichteten Marktsegmenten tendieren. Zum 30. Juni 2006 repräsentierten die Top-5-Länder ungefähr 75% der gesamten Marktkapitalisierung (UK 35%, Frankreich 14%, Schweiz 10%, Deutschland 10%, Spanien 6%). Dahingegen machten eine Reihe kleinerer Länder (u.a. Portugal 0,5%, Österreich 0,8%, Griechenland 0,9%, Irland 1,3%, Norwegen 1,3%) zusammen nicht einmal 5% des Index aus, und die wachstumsstarken Schwellenländer sind überhaupt nicht vertreten.

• Der MSCI Europe Small Cap Index ist insgesamt ausgewogener über die einzelnen Unternehmen gestreut. Auch mit Blick auf die Ländergewichtung unterscheiden sich die beiden Indizes zum Teil deutlich. So machen die skandinavischen Länder (Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland) weniger als 10% des MSCI Europe Index aus, aber fast ein Fünftel der Small-Cap-Benchmark. Genauso gibt es auch deutliche Unterschiede in der Branchengewichtung (z.B. zyklische Konsumgüter, Industrie und IT). Diese drei Branchen stellen mehr als die Hälfte der Small- Cap-Benchmark, aber weniger als ein Viertel des Large-Cap-Index.

Der kurze Vergleich macht deutlich, wie groß der Einfluss der Benchmarkauswahl auf die Portfolios von stärker indexorientierten Investoren ist.

Europa bietet weitaus mehr

Die untenstehende Tabelle verdeutlicht die eindrucksvolle Chancenvielfalt des europäischen Investmentuniversums, indem sie die Anzahl der Aktien in den verschiedenen Marktkapitalisierungsklassen zeigt. Sie veranschaulicht die immense Auswahl an Aktien aus den entwickelten und aufstrebenden Märkten, von denen viele nicht in den meistbeobachteten Indizes enthalten sind. Dabei handelt es sich sowohl um große Blue Chips als auch um sehr kleine Nebenwerte. In der Kategorie „mehr als 0,4 Milliarden Euro“, die für viele Investoren in Frage kommt, gibt es annähernd 2.000 Aktien.

Wachstumschancen abseits der ausgetretenen Pfade

Den Investoren, die bereit sind, sich auch abseits der ausgetretenen Pfade umzuschauen, bieten sich viele „Rohdiamanten”. Ein gutes Beispiel ist die Anglo Irish Bank. Irland, einer der kleineren europäischen Märkte, hat in der jüngeren Vergangenheit ein solides Wirtschaftswachstum genossen, von dem insbesondere viele Finanzunternehmen profitiert haben. Dieses Marktsegment wird von zwei erfolgreichen Großbanken dominiert, der Bank of Ireland und der Allied Irish Bank. Da beide zusammen etwa ein Drittel des irischen Marktindex darstellen, überrascht es kaum, dass sie von vielen Analysten beobachtet werden.

Als kleine irische Bank hingegen tauchte die Anglo Irish Bank noch vor fünf Jahren nicht automatisch auf den Radarschirmen der Investoren auf. Im Schatten ihrer zwei riesigen Nachbarn fand sie zu der Zeit wenig Beachtung bei Analysten. Dennoch sprach viel für das Unternehmen – Ende des Geschäftsjahres 2000 (30.9.2000) wies sie ein sehr starkes Wachstum des Gewinns pro Aktie vor (jährlich 35% über fünf Jahre), war hochprofitabel (29% RoE) und verfügte über eine ausgezeichnete Kostenstruktur (32% Cost-Income Ratio) sowie exzellente Kreditreserven (212% Abdeckung notleidender Kredite). Doch trotz dieser soliden Fundamentaldaten wurde die Bank mit einem sehr bescheidenen KGV von 8,3 für 2001 gehandelt. Mit anderen Worten: Hier bot sich Investoren ein qualitativ hochwertiges Wachstumsunternehmen auf einem sehr günstigen Bewertungsniveau. Woran lag das? Vor allem daran, dass es sich hierbei um ein relativ unbekanntes, am Markt wenig beachtetes Unternehmen handelte.

In den folgenden fünf Jahren zeigte die Anglo Irish Bank eine fortgesetzt gute Performance. Ende des Geschäftsjahres 2005 wies die Bank auf Fünf-Jahres-Basis noch immer einen soliden Anstieg des Gewinns pro Aktie vor (jährlich 37%), konnte über starkes Kreditwachstum berichten (35%) und war weiterhin hochprofitabel (29% RoE). In dieser Zeit geriet die Bank in den Blickpunkt der Investoren und die Aktie belohnte Anleger im Fünf-Jahres-Zeitraum bis 30. September 2005 mit einem Kursgewinn von mehr als 800%. Die Bank of Ireland und die Allied Irish Bank lieferten in diesem Zeitraum ebenfalls attraktive Renditen von 70-80%, lagen damit jedoch deutlich hinter ihrem kleinen Nachbarn zurück.

Damit ist die Anglo Irish Bank, ein außerhalb Irlands wenig bekanntes Unternehmen, ein typisches Beispiel für einen „ungeschliffenen Diamanten”. Sie sind aber oft nur zu finden, wenn man bereit ist, sich auch jenseits der großen Indexnamen umzuschauen.

Fazit

Das Ausmaß der Übereinstimmung mit dem Index ist nur ein Faktor, den es bei der Fondsanalyse zu berücksichtigen gilt. Ganz intuitiv ist es jedoch nachvollziehbar, dass ein Fonds mit einer geringeren Indexüberschneidung eher in der Lage sein wird, seine Benchmark deutlich zu übertreffen. Auf den europäischen Markt fokussierte Fondsmanager dürften davon profitieren, wenn sie die gesamte Chancenvielfalt der Region ausnutzen und sich nicht nur auf die großen Benchmarkunternehmen konzentrieren.

Quelle: Invesco

INVESCO zählt als Teil der AMVESCAP Gruppe zu den führenden Asset Managern weltweit – mit über 380 Mrd. US-Dollar (per 30. September 2005) verwaltetem Vermögen. Über 5.900 Mitarbeiter, darunter rund 500 Investmentspezialisten, sind in 20 Ländern im Einsatz.