Was macht Evotec und wofür stehen die beiden Geschäftssegmente EVT Execute und Innovate, können Sie diese kurz erläutern?

    Wir verfügen über eine Forschungs- und Entwicklungsplattform mit ca. 2.000 Wissenschaftlern und arbeiten an zahlreichen Drug Discovery & Drug Development Projekten. Der Unterschied zwischen beiden Segmenten beruht grundlegend auf der Frage: Wem gehört die „Intellectual Property“ (geistiges Eigentum) und wer ist somit auch der Eigentümer des Projekts?

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    Im Bereich von Evotec Execute stammt die „Intellectual Property“ typischerweise von unseren Partnern. Jene besitzen somit auch die Patente und Rechte im jeweiligen Forschungsgebiet. Die Vergütung dieser Dienstleistung erfolgt dann entweder durch ein Honorar oder durch verschiedene kommerzielle Vereinbarungen, die Forschungs- & Meilensteinzahlungen und/oder Umsatzbeteiligungen beinhalten können. Entscheidend ist, dass wir in diesem Segment selbst keinerlei Entwicklungsrisiken tragen.

    Im Geschäftssegment Evotec Innovate generieren wir die Patente bzw. das „Intellectual Property“ zunächst selbst. Diese meist präklinischen Projekte werden auf unserer Plattform entwickelt und für spätere Partnerschaften mit Pharmaunternehmen vorbereitet. Die Vergütung erfolgt in diesem Bereich wie bei der Auftragsforschung Execute.


    Ein Großteil ihres Geschäftsmodells liegt auf der Auftragsforschung bzw. externer Innovation (Execute). Warum setzen immer mehr Biotech- & Pharmaunternehmen auf externe Dienstleister? Wie wird sich dieser Markt Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren entwickeln?

    Die Hauptlogik hinter unserem Geschäftsmodell ist der „Switch“ von fixen internen Kosten zu variablen externalisierten Kosten, auf der gleichen oder sogar noch höheren Forschungsqualität. Unser Angebot bietet somit vielen Biotech- & Pharmaunternehmen die Möglichkeit, Experimente und Pipelines unter höchster Produktivität aufzubauen und das unter deutlich elastischeren und flexibleren Kostenstrukturen. Im Großen und Ganzen ist das der dahinterstehende Megatrend in unserem Industriebereich und dieser wird eigentlich nur sehr schwer wieder wegzudenken sein. Die Prozessoptimierung unter gleichbleibend hoher Qualität so kapitalelastisch wie möglich zu arbeiten, ist auch in anderen Sektoren festzustellen.

    Dies gilt nicht nur für Biotech- & Pharmaunternehmen, sondern auch in zunehmendem Ausmaß für Foundations. Dahinter steht die Notwendigkeit einer sehr großen Forschungs- und Entwicklungsplattform, die hochqualitativ aufgebaut werden muss. Viele Unternehmen gehen diesen Schritt inzwischen nicht mehr selbst, sondern nutzen die günstigen und variablen Bedingungen unserer Plattform. Unser Geschäftsmodell erlaubt es somit, erfolgreiche Projekte schneller voranzutreiben und weniger erfolgreiche Projekte zeitnah zu beenden. Das ist der dahinterstehende Trend und dieser wird meiner Einschätzung nach so weitergehen, wie er begonnen hat. Evotec befindet sich im frühen Drug Discovery Bereich, dieser Markt wächst jährlich ca. um 10 % und damit sind wir noch am Anfang dieses Megatrends, der sich durch die gesamte Wertschöpfungskette der Produktentwicklung zieht.


    Die Pharma- & Biotechindustrie zeigt sich seit Jahren fusionsfreudig. Mit der Übernahme des US-Mitbewerbers Aptuit im Gesamtwert von 300 Mio. USD hat Evotec demonstriert, dass man sich auf Expansionskurs befindet. Was gab den Ausschlag und wo liegen die Perspektiven des neuen Familienmitglieds?

    Wir haben zwei größere Akquisitionen in den letzten 15 Monaten getätigt und ich möchte neben Aptuit die Akquisition von Cyprotex erwähnen, denn beide haben das gleiche bezweckt: Die Übernahmen haben unsere Drug Discovery & Drug Development Plattform um wesentliche Bauelemente erweitert, auf der wir nun eine geschlossene Dienstleistung für unsere Partner anbieten können.

    Bei Cyprotex haben wir frühe Toxikologie-Tests, die wir als Evotec selbst zuvor außer Haus geben mussten, „insourcen“ können und damit können unsere Partner aus einer Hand nicht nur den Drug Discovery Prozess, sondern auch das Testen von toxikologischen Panels in unserem Hause durchführen.

    Mit Aptuit haben wir den späteren Teil der Übersetzung von präklinischen Hypothesen in die Klinik und das Manufacturing von klinischem Material auf unsere Plattform integriert.

    Somit fallen viele Schnittstellen, die zuvor unzureichend besetzt waren, weg und das bedeutet in unserer Industrie vor allem Zeit- und Effizienzgewinn, insbesondere in Bezug auf die Produktivität und Kostengestaltung. Dies waren die wesentlichen Beweggründe für beide Übernahmen. Inzwischen können wir sagen, dass beide Unternehmen sehr gut in unseren Konzern integriert wurden und wir konnten zudem feststellen, dass dieser Schritt unsere Kundenzufriedenheit und Kundenbindung bereits weiter steigern konnte. Mit Evotec haben unsere Kunden nun einen Partner an ihrer Seite, der den Wertschöpfungsprozess von Beginn an ganzheitlich begleitet und vorantreibt.


    Die hohen Qualitäts- und Innovationsansprüche von Evotec erfordern Liquidität. Wie steht es um die aktuellen Cash-Reserven? Sind für das kommende Jahr 2018 weitere Akquisitionen geplant?

    Wir sind Gott sei Dank ein nachhaltig profitables Biotech-Unternehmen, um nicht zu sagen ein hochprofitables Biotech-Unternehmen. Was dazu geführt hat, dass uns Liquidität als Unternehmenswerkzeug sehr gut zur Verfügung steht. Unsere Unternehmenssituation würde es de facto zulassen alle Liquiditätsinstrumente - inklusive von Bankkrediten oder auch von geförderten Krediten der europäischen Investitionsbank - als Werkzeug innerhalb unseres Konzerns einzusetzen. Somit ist Liquidität eigentlich kein strategisches Problem für Evotec, sondern es ist vielmehr ein Instrument für Flexibilität. Mit ungefähr 100 Mio. EUR aktueller Liquidität haben wir genügend Cash-Reserven im Haus, um sofort handlungsfähig zu sein, falls wir ein eigenes Innovationsprojekt starten oder wenn wir eine Eigenkapitalbeteiligung eingehen wollten.

    Stichwort Akquisitionen: Wir sind derzeit überaus zufrieden mit unserer existierenden Plattform. Demnach ist es aktuell nicht notwendig, die Plattform im Drug Discovery Bereich noch signifikant zu erweitern. In diesem Segment sind wir bereits sehr gut aufgestellt. Das einzige, was sich Evotec mittelfristig vorstellen könnte, ist eine technologische Erweiterung. Das heißt, wir stellen eine Entwicklung fest, bei der wir aus strategischen Gründen unbedingt dabei sein müssen oder dabei sein wollen. Ähnlich wie es jüngst am Beispiel der Minderheitsbeteiligung an Exscientia festzustellen war. Exscientia ermöglicht es uns künstliche Intelligenz in der Chemie einzusetzen. Derartige Erweiterungen sind demnach nicht auszuschließen, genauso wie alle anderen Schritte, die wir jederzeit einleiten könnten, um den Shareholder-Value zu steigern.


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    Was verbirgt sich hinter Ihrem Erfolgsrezept?

    Ich glaube superiore Wissenschaft ist am Ende des Tages der Erfolgsgarant hinter dem, was wir tun und in jedem Fall die Integrität von Daten. Die Vertragslaufzeiten mit unseren Partnern sind typischerweise sehr lang ausgelegt und die Wiederkehrrate der Kunden ist extrem hoch, das spricht für unsere Qualität. Die Kunden von Evotec können sich nämlich zu 100 % auf unsere Daten verlassen und damit bieten wir dem Kunden eine ideale Entscheidungsbasis und zwar unabhängig davon, ob die Studiendaten positiv oder negativ getestet wurden. Es darf nie vergessen werden, dass sehr viele Experimente negative Resultate erzielen und somit eine Krankheit nicht oder nicht sofort heilen. Wenn dies so einfach wäre, dann hätten wir und unsere Partner das bereits unlängst immer wieder getan.


    In der Öffentlichkeit scheint das Thema CRISPR/CAS9 etwas unterrepräsentiert zu sein, doch wie stehen Sie zu den aktuellen Entwicklungen dieser jungen Gentechnik und inwiefern sehen Sie hier Chancen für Evotec?

    Evotec setzt bereits seit dem Jahr 2014 aktiv CRISPR/CAS9  bei eigenen Evotec Innovate Projekten, aber auch bei sehr vielen Partnerschaftsprojekten ein. Ich glaube, dass ist das entscheidende Engagement, das man zeigen muss, um an eine Technologie zu glauben. Wichtig ist natürlich auch bei einer Technologie wie CRISPR/CAS9  immer wieder zu betonen, dass es sich hier nicht um eine Technologie handelt, die alleine ein Drug Discovery oder Drug Development Projekt auslöst und damit ein neues Produkt hervorbringt. Es ist vielmehr eine ganz wichtige und neue Werkzeugmöglichkeit, die man innerhalb eines Gesamtkonzepts aufgebaut hat, um so schnell und so effizient wie möglich neue Drug Discovery Projekte zu starten und voran zu bringen.


    Die FDA (Food and Drug Administration) hat für den Einsatz von CRISPR am Mensch jüngst grünes Licht gegeben, wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

    Ich glaube die FDA hat in den letzten drei bis fünf Jahren generell gezeigt, dass man sehr viele dieser alten Paradigmen hinterfragen muss; einfach, weil die medizinische Not in sehr vielen Indikationsbereichen auch hier regulatorisch neue Wege erfordert. Beispiel Alzheimer: Wir haben 495 Mal als kollektive Industrie versucht, mit klinischen Versuchen gegen Alzheimer Erfolg zu haben. Alles war gescheitert. Nun sollte die FDA durch veränderte Regularien der Industrie neue Anreize bieten, um in diesem Segment weiter zu forschen. Ähnlich ist es auch mit anderen Technologien, insofern diese ungefährlich und nicht toxisch sind, sollte man der neusten Wissenschaft Tribut zollen und solche Projekte schneller zulassungsfähig oder zumindest im regulatorischen "Projektstatus" nach vorne schreiten lassen.


    Die Short-Attacke des US-amerikanischen Hedgefonds Lakewood Capital hat im Oktober zu starken Turbulenzen in der Evotec-Aktie geführt. Wie stehen Sie zu den massiven Kursverwerfungen der letzten Wochen und Monate am Kapitalmarkt?

    Kursverluste sind natürlich extrem unerfreulich und tun mir auch leid für unsere Aktionäre und natürlich auch für das Unternehmen und für mich. Besonders verwerflich ist ein Kursverlust dann, wenn er auf der Basis von unhaltbaren Spekulationen herbeigeführt wurde. Ich empfinde es alles andere als unterstützungswürdig, wenn mit legal zwar erlaubten, aber oft auch am Randbereich der Legalität angesiedelten Instrumenten gegen eine Firma spekuliert wird. Ich habe mich mehrfach sehr deutlich dagegen geäußert und werde dies auch in Zukunft tun.

    Mit Evotec findet man derzeit eine Gesellschaft vor, die operativ nichts zu vermelden hat, was Sorge bereiten könnte. Als Unternehmen sind wir juristisch dazu verpflichtet einen „True & Fair View“ über unsere Gesellschaft zu geben. Der „True & Fair View“-Ansatz darf dabei jedoch nicht nur einseitig gelten. Meines Erachtens nach sollten auch Short-Seller in die Pflicht genommen werden ihre Handlungen mit Studien zu belegen.

    Ansonsten habe ich über die letzten 20 Jahre immer die Gewohnheit gepflegt, nicht die Höhe des Aktienkurses zu kommentieren und das werde ich auch weiterhin beibehalten. Nichtsdestotrotz Short-Shelling in dieser Form finde ich inakzeptabel.


    Welche Forschungskooperationen zählen aktuell zu den aussichtsreichsten Wachstums- und Werttreibern von Evotec und welche Meilensteine wollen Sie 2018 erreichen?

    Also für uns ist zunächst einmal 2017 noch nicht vorbei. Wir schließen das Geschäftsjahr 2017 erst Ende Dezember ab. Für 2018 haben wir uns insbesondere aus unseren Kooperationen, die wir im Bereich von Frauengesundheit mit Bayer führen, die wir im Bereich von Beta-Zell Regeneration für Diabetes mit Sanofi führen, die wir im Bereich für Immunonkologie mit Sanofi und anderen Unternehmen führen, aber auch iPS-basierte neurodegenerative Projekte, die wir gemeinsam mit Celgene führen, um nur ein paar Highlights zu nennen, wesentliche wissenschaftliche Meilensteine als Zielpunkte vorgenommen und da sind wir auch sehr optimistisch. Es werden auf jeden Fall Daten kommen, ob diese dann positiv sein werden oder nicht, wird sich noch zeigen.

    Am wichtigsten ist, dass die Prozesse voll aufgesetzt sind um die Ziele zu erreichen. Auf der vorhandenen "Co-owned-Pipeline" kommen einfach sehr wichtige Datenpunkte voran. Wir erwarten uns aus dieser Pipeline mehrere Möglichkeiten in die Klinik zu gehen, wie wir das im Übrigen auch letzte Woche mit Partnerschaftsunternehmen zweimal getan haben. Zudem erwarten wir aus unserem Service-Bereich Evotec Execute ein sehr gutes und sehr starkes Wachstum, das vielleicht am besten damit illustriert wird, dass wir heute schon sagen können, dass wir insgesamt im nächsten Jahr mehr als 200 neue Wissenschaftler im Konzern aufnehmen wollen. Evotec findet sehr viel Zuspruch von Kunden und vom Markt und wir werden auch in Zukunft unser Bestes geben die 3.300 Krankheiten, die aktuell nicht heilbar sind, im nächsten Jahr ein Stück weit „heilbarer“ zu machen.


    Die Auftragsbücher von Evotec sind prall gefüllt, doch wie steht es um das operative Ergebnis insbesondere in Bezug auf das EBITDA auf Sicht der kommenden Jahre?

    Also wir haben es jedes Jahr so gehalten, dass wir die Guidance erst im März bekanntgeben. Wir werden das auch in diesem Jahr so handhaben, aber eines ist völlig klar: Wir werden mit deutlich mehr als 10 % auf der Top-Line im nächsten Jahr wachsen und somit aller Voraussicht nach auch ein deutlich gesteigertes EBITDA gegenüber diesem Jahr erzielen. Ich glaube das alleine ist eine Aussage und Aussicht, die nicht viele Unternehmen treffen können.


    Mit welchen Nachrichten dürfen Evotec-Aktionäre im nächsten Jahr rechnen?

    Ich glaube, dass der Mix aus eigener Produkt-Pipeline, neuen Deals mit Pharmaunternehmen und aus neuen wissenschaftlichen Kooperationen, die wir mit akademischen Einrichtungen abschließen werden, einen sehr guten News-Flow für die Jahre 2018, 2019 und auch 2020 erreichen werden. Auch das ist für uns wichtig: Wir denken nicht nur in Ein-Jahreszyklen, sondern wir denken sehr langfristig.


    Eine ausführliche Chartanalyse der Evotec-Aktie können Sie in diesem Artikel finden.

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    Dr. Werner Lanthaler CEO von Evotec seit März 2009.