Während der Sommerpause sorgt die EZB mit ihrem Rettungsversprechen für eine Verschnaufpause an den Finanzmärkten. Diese ist auch bitter nötig, denn im bevorstehenden Herbst dürfte es heiß werden. Am 12. September wählen die Niederländer ein neues Parlament, wobei sich abzuzeichnen scheint, dass die Euro-Skeptiker Zulauf erhalten werden. Am gleichen Tag wird das Bundesverfassungsgericht über die Verfassungskonformität des ESM entscheiden und die Troika ihren Bericht über die Reform- und Sparfortschritte Griechenlands veröffentlichen. Turbulenzen im September sind insofern absehbar.

Grundsätzlich dürfte nach der Ratifizierung des permanenten Euro-Rettungsschirms ESM der Euro-Austritt Griechenlands bevorstehen. Denn es ist nicht anzunehmen, dass ein erneuter Schuldenschnitt - diesmal unter der Beteiligung öffentlicher Geldgeber - ohne vernünftige fundamentale Gegenleistung in den Geberländern akzeptiert wird. Alles andere wäre absurd und auch den Wählern in Deutschland nicht mehr zuzumuten, die längst nicht mehr an Potemkinsche Dörfer glauben.

Und auch die Anzeichen eines spanischen Hilfsantrags für Finanzmittel - Schätzungen zufolge könnte das Land über die nächsten drei Jahre ca. 300 Mrd. Euro in Anspruch nehmen - mehren sich. Der spanische Premierminister schloss einen solchen zuletzt nicht mehr kategorisch aus. Damit folgt er dem euroländischen Polit-Procedere, an dessen Ende der tatsächliche Hilfsantrag steht. Und auch Italiens Premier Monti verweigert sich einem solchen Schritt nicht mehr mit Inbrunst.

EZB stellt Blankoscheck aus

Herr Draghi hat mit seinem Bekenntnis zur Rolle des Euro-Retters - ein EZB-Präsident hat noch nie so deutlich Unterstützung für die Staatsanleihemärkte bekundet - den Grundstein zur Bekämpfung der massiven Unsicherheit über die zukünftigen Entwicklungen in der Euro-Krise gelegt. Zur Wiederherstellung des Vertrauens in die prekären Euro-Staaten werden bereits gemeinsame Anleiheaufkäufe der EZB - am Sekundärmarkt - sowie des Euro-Rettungsschirms ESM - am Primärmarkt - zur Stützung der euroländischen Staatsanleihemärkte diskutiert. Über die Beantragung vorsorglicher Finanzhilfen müssen sich die prekären Euro-Staaten verbindlich verpflichten, den EU-Empfehlungen zum Abbau der übermäßigen Haushaltsdefizite und Makro-Ungleichgewichte nachzukommen. Das sind keine harten Bedingungen wie bei Griechenland, es sind fast schon Einladungen, Hilfszahlungen zu beantragen. Mit aller Gewalt soll Verstimmungen an den Finanzmärkten präventiv vorgebeugt werden.

Angesichts der schwachen Sparauflagen ist aber klar, dass die Beteiligung des Euro-Rettungsschirms an der Stabilisierung der euroländischen Staatsanleihemärkte nur eine Alibifunktion hat. Man versucht, die EZB nicht dem Vorwurf der Staatsfinanzierung durch die Notenbankpresse auszusetzen.

Es wird jedoch nur bei diesem Versuch bleiben, dem kein Erfolg zufallen wird. Denn beantragt Spanien zusätzlich zu den Bank-Hilfen auch für seinen Staatshaushalt Rettungshilfen, so müssen die begrenzten Mittel des Euro-Rettungsschirms zwangsläufig aufgestockt werden, was mit langwierigen und unsicherheitsbehafteten Entscheidungsprozessen in einem ohnehin bereits angespannten politischen Umfeld einhergeht. Erneute Spannungen am euroländischen Staatsanleihemarkt wären vorprogrammiert. Und selbst wenn eine Hebelung des Euro-Rettungsschirms ESM mit einer Banklizenz beschlossen würde, womit man sicherlich die Zweifel über die mangelnde Feuerkraft des ESM ausräumen könnte, würden die Staatsanleihemärkte im Endeffekt doch mit Notenbankgeld gestützt. So oder so ist die EZB das ultimative Rettungsinstrument der Eurozone. Eine stabilitätspolitisch einwandfreie Alternative gibt es schon lange nicht mehr. Dazu hat die euroländische Politik viel zu viel wertvolle Zeit zum Handeln verstreichen lassen.

Die EZB wird damit, ob sie will oder nicht, immer stärker in die Fußstapfen der US-Notenbank treten, die zur Stützung von Konjunktur und Finanzmärkten längst nicht mehr an Stabilität der deutschen Machart denkt. Man kann zwar den stabilitätspolitischen Zeigefinger, der in Deutschland oft genug erhoben wird, theoretisch zwar verstehen, zumal solide Finanzverhältnisse und eine der Stabilität verpflichtete Notenbank hohe Werte darstellen. Die wenig anmutige Praxis lässt derartige Ansätze aber definitiv nicht mehr zu. Leider ist Stabilitätspolitik zur Lebenslüge der Eurozone verkommen.

Die EZB in den Fußstapfen der Fed

Amerika zeigt bereits sehr lange, dass die Staatsverschuldung ohne eine dramatisch offensive Geldpolitik nicht mehr beherrschbar wäre.

Grafik: US-Staatsverschuldung und Liquiditätsausstattung der US-Wirtschaft (Bilanzsumme der US-Notenbank), in Mrd. USD

So wird man auch in Euroland an Anleihekäufen zur Bewältigung der hohen Staatsverschuldung nicht mehr vorbeikommen. Die Zinslast muss gesenkt werden. Der sich mit Beginn der Wirtschaftskrise im Sommer 2008 ausgeprägte Trend einer deutlichen Liquiditätsausweitung in Euroland - die Liquiditätsausstattung hat sich fast verdreifacht - wird sich der Not gehorchend weiter fortsetzen.

Grafik der Woche: Gesamtverschuldung der Eurozone und Liquiditätsausstattung der euroländischen Wirtschaft (Bilanzsumme der US-Notenbank), in Mrd. USD

Grafik: Gesamtverschuldung der Eurozone und Liquiditätsausstattung der euroländischen Wirtschaft (Bilanzsumme der US-Notenbank), in Mrd. USD

Die Inflationsbekämpfung kann in der Folge nicht mehr konsequent verfolgt werden. Daran ändert auch der sich aufbauende Inflationsdruck nichts, der insbesondere auf die zuletzt deutlich gestiegenen Agrarrohstoffpreise zurückzuführen ist.

Grafik: Preisentwicklung Agrarrohstoffe und euroländische Inflationsrate, in % zum Vorjahr

Nicht zuletzt bleibt eine sehr freizügige Geldpolitik der EZB auch mit Blick auf das Konjunkturklima in Euroland im III. Quartal geboten. Die ifo Geschäftslage im Euroraum und insbesondere die ifo Geschäftserwartungen für das aktuelle Quartal deuten auf eine leichte Rezession hin. Ein Konjunktureinbruch ähnlich wie im Krisenjahr 2009 wird die EZB mit ihren Mitteln verhindern so gut es geht.

Grafik: ifo Konjunkturmatrix für die Eurozone

Grundsätzlich bekommt die deutsche Industrie den Gegenwind der Euro-Krise immer deutlicher zu spüren. Die Auftragseingänge in der deutschen Industrie zeigen sich deutlich rückläufig. Im Vorjahresvergleich haben sie um 7,8 Prozent nachgegeben und folgen dem Trend sich zunehmend eintrübender Geschäftserwartungen. Die ifo Geschäftserwartungen befinden sich auf dem niedrigsten Stand seit Juli 2009.

Grafik: ifo Geschäftserwartungen und Auftragseingänge in der deutschen Industrie, in % zum Vorjahr

Chinas Zentralbank: Konjunktur- geht vor Preisstabilität

Auch China bekommt die Stimmungseintrübung der Weltwirtschaft deutlich zu spüren. So hat der Export zuletzt deutlich nachgegeben - im Vorjahresvergleich konnte er lediglich um ein Prozent zulegen - und auch die Exportauftragskomponente des chinesischen Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe verspricht keine Besserung.

Grafik: Chinesischer Einkaufsmanagerindex bzgl. Exportauftragskomponente und chinesische Exporte, in % zum Vorjahr

So steht auch bei der chinesischen Zentralbank die Bekämpfung der Konjunkturrisiken an erster Stelle. Um die Wirtschaft mit mehr Liquidität durch eine gesteigerte Kreditvergabe der Banken zu stimulieren, dürfte der Reservesatz der Banken bei der People’s Bank of China weiter herabgesetzt werden. Zudem steht auch einer weiteren Lockerung des Notenbankzinses auf unter sechs Prozent nichts mehr entgegen.

Schließlich reagiert sie damit auf das eingetrübte Geschäftsklima im Verarbeitenden Gewerbe, das ihr gemeinsam mit einer zumindest offiziell nachlassenden Inflationsrate von auf Jahressicht lediglich 1,8 Prozent weiteren geldpolitischen Spielraum gibt.

Grafik: Chinesischer Einkaufsmanagerindex im Verarbeitenden Gewerbe und Verbraucherpreisinflation in China, in % zum Vorjahr

Berichtsaison keine Belastung für die Aktienmärkte

Vor diesem Hintergrund stellt die Berichtsaison für das abgelaufene II. Quartal 2012 entgegen anfänglichen Befürchtungen dennoch keine Belastung für die Aktienmärkte dar. Im S&P 500 haben 76 Prozent der berichtenden Unternehmen mit ihren veröffentlichten Gewinnzahlen überrascht. Im DAX übertrafen aktuell 73 Prozent der Unternehmen die Gewinnschätzungen der Analysten.

So übertraf die Münchner Rück die Erwartungen der Analysten mit einer Gewinnsteigerung um knapp 10 Prozent zum Vorjahr. Nach dem Katastrophenjahr 2011 belasteten Schäden aus dem Erdbeben in Norditalien sowie die Dürre in den USA das Ergebnis nur leicht. Auch der Ausblick stimmt positiv, so dass die Gewinnprognose leicht angehoben wurde.

Die Commerzbank hingegen legte ein gemischtes Ergebnis vor, belastet durch eine geringere Kundenaktivität im Handel, das niedrige Zinsumfeld und fortgesetzte Verkäufe riskanter Anlagen. Immerhin übertrifft die Bank mit einer Kernkapitalquote von 12,2 Prozent die Vorgaben der Europäischen Investitionsbank und ist für Krisenzeiten nun deutlich besser gewappnet.

Der Stahl-Riese ThyssenKrupp hingegen hat trotz übertroffener Analystenerwartungen deutlich unter dem Gegenwind der aktuellen Konjunkturunsicherheit zu leiden. Der operative Gewinn aus fortzuführenden Geschäften brach auf Jahresbasis um 80, der Umsatz um sieben Prozent ein. Am Ausblick für das Jahresergebnis hält man jedoch trotz anhaltender Konjunkturprobleme unverändert fest.

Trotz der wirtschaftlichen Reibungsverluste hat die deutsche Industrie auch im Rahmen der Berichtsaison beeindruckende Steherqualitäten gezeigt.

Das passiert in der nächsten Woche

Auf Makroebene verdeutlichen in Amerika die US-Immobilienmarktdaten, dass zukünftig hier wieder mit Impulsen für die US-Wirtschaft zu rechnen ist. Zudem signalisiert der sich leicht aufhellende Einkaufsmanagerindex der Philadelphia Fed, dass die US-Konjunkturerholung nicht noch stärker unter der Verunsicherung durch die Euro-Krise zu leiden hat. Auch das Verbrauchervertrauen der Universität von Michigan spiegelt eine sich erholende Zuversicht der US-Konsumenten wider.

In Deutschland zeichnen die BIP-Zahlen für das vergangene II. Quartal ein robustes Bild der deutschen Konjunktur mit einem vergleichsweise langsamen, aber stabilen Wachstum. Zudem vermitteln die ZEW Konjunkturdaten eine stabile Konjunktureinschätzung.

Von der Makroseite droht damit kein Ungemach für eine auch in der nächsten Woche insgesamt positive Aktienmarktentwicklung. Letztlich ist diese allerdings wie so oft abhängig vom Wohl und Wehe der politischen Unwägbarkeiten in der Euro-Krise.

Und auch von Unternehmensseite droht kaum Gegenwind für den DAX. Analysteneinschätzungen zufolge dürfte der Versorger E.ON seine positiven vorab präsentierten Zahlen bestätigen und auch RWE dürfte mit robusten Zahlen aufwarten, wobei deren Ausblicke ebenfalls solide ausfallen dürften. Auch der Chemie- und Pharmakonzern Merck dürfte ein ermunterndes Ergebnis in allen Sparten vorlegen und dabei seine positiven Ausblick bestätigen. Eine anhaltend starke Nachfrage in Asien und Amerika dürfte auch dem Chemiekonzern K+S zu einem soliden Ergebnis verholfen haben. Eine Bestätigung der positiven vorab veröffentlichten Zahlen sowie des soliden Ausblicks dürfte folgen.

Auch die Werte aus der zweiten Reihe, wie Aurubis, Celesio, Hochtief und Salzgitter dürften nicht für negative Überraschungen sorgen.

Aktienmärkte im Kampf zwischen schwächeren Fundamentaldaten und einer unbegrenzten Geldpolitik

Aus charttechnischer Sicht bleibt der DAX gut unterstützt. Nachdem hier der Widerstand bei 6875 Punkten überschritten wurde, liegt die nächste Hürde bei der psychologisch wichtigen 7000 Punkte-Marke und darüber bei 7200 Punkten.

Nach unten erhält der Deutsche Aktienindex eine erste Unterstützung bei rund 6750 Zählern. Die nächsten Unterstützungslinien verlaufen darunter bei 6580 und im Bereich zwischen 6500 und 6450 Punkten.

Die internationale Geldpolitik fungiert als Lebensversicherung für die Aktienmärkte. Je schlechter die Daten der Konjunktur bzw. Politik ausfallen, umso mehr wird auch die EZB als Krisenverhinderer bereitstehen. Schwankungsintensive Entwicklungen gerade an den Aktienmärkten sind dennoch einzukalkulieren. Ich würde sogar von einem heißen September auch an den Aktienmärkten sprechen. Dabei sollte man jedoch die Macht der EZB niemals unterschätzen. Zum Vergleich: In den USA fanden die schönsten Kurs-Rallyes gerade wegen einer großzügigen Geldpolitik statt. Die EZB wird noch Dinge tun, die viele heutzutage noch nicht für möglich halten. Dies spricht eindeutig für Aktien und einen Jahresendstand beim DAX bis zu 7500 Punkten. Es sei denn, die Politik schafft endgültig verbrannte euroländische Erde.

Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG

Rechtliche Hinweise/Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit
Interessenskonflikten der Baader Bank AG:
http://www.baaderbank.de/disclaimer-und-umgang-mit-interessenskonflikten/