„Hände weg vom Acker,Mann!“ - Unter diesem Motto greift die Nichtregierungsorganisation Foodwatch in dieser Woche frontal den Deutsche-Bank-Chef an. Er trage Mitschuld daran, dass weltweit etwa eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern oder unterernährt seien. Foodwatch fordert: Rohstoff-Fonds sollen verboten werden. Joseph Ackermann soll sich als Chef des mächtigen Bankenverbands IIF und als Vorsitzender einer der größten Investmentbanken der Welt diesem Ziel verschreiben. Wird Herrn Ackermann damit nicht zuviel Macht zugesprochen?

Populär klingt das schon. „Die Investmentbanken sind mitverantwortlich für diese Preissprünge“, heißt es da in diesem Brief. Dadurch, dass Investmentbanken Anlegerkapital, das mit dem eigentlichen Handel von Rohstoffen wie Soja, Weizen oder Mais nichts zu tun hat, in die Warenterminmärkte lenken, entstehen Spekulationsblasen, die letztlich zu verteuerten Lebensmitteln führen, schreibt Foodwatch. Bis auf den Verweis auf „wissenschaftliche Studien“ bleibt die Nichtregierungsorganisation dem Leser einen echten Beweis schuldig. Das liegt vermutlich daran, dass es diesen Beweis nicht gibt.

Eine zweite Front öffnete sich in dieser Woche in Washington. Die Behörde CFTC, die für die Aufsicht der Terminbörsen der USA zuständig ist, der am weitesten entwickelten der Welt, hat dort dem zweiten Entwurf der Einführung von Positionslimits stattgegeben. Damit wird bestimmt, wie groß ein einzelner Händler an amerikanischen Rohstoffbörsen werden darf. Während sich CFTC-Vorsitzender Gary Gensler nur mit einer 3-2-Mehrheit durchsetzen konnte, verspricht er sich davon eine Beruhigung der Preisbildung an den Terminmärkten. CFTC-Kommissar Michael Dunn warnte unterdessen vor möglichen negativen Folgen. Die Preisfindung der Terminmärkte könnte durch die Maßnahmen verschlechtert werden, was Produzenten und industrielle Käufer zu falschen Entscheidungen bewegen könnte. „Um das klar zu stellen, niemand hat bewiesen, dass das angedrohte Gespenst exzessiver Spekulation tatsächlich existiert“, so Dunn.

Der Handel von Rohstoffen findet über Terminkontrakte statt. Die Besonderheit dabei: Wenn ein Spekulant an einer solchen Börse auf steigende Preise bei Rohstoffen setzen möchte, dann muss er jemanden finden, der im selben Umfang auf fallende Preise setzt. Die Untersuchungen der US-Terminmarktaufsicht CFTC und der OECD kommen zu dem Schluss, dass Indexfonds zwar einen Strukturwandel am Rohstoffmarkt darstellen, aber nicht zu stärkeren Schwankungen oder zur Erhöhung des allgemeinen Preisniveaus beigetragen haben. Das liegt auch daran, dass Terminkontrakte am Laufzeitende wieder geschlossen werden müssen.

Wenn das Argument von Foodwatch stimmen würde, dann müssten nicht börsennotierte Rohstoffe in den vergangenen Jahren weniger stark gestiegen sein. Das ist jedoch nicht der Fall. Eisenerz verteuerte sich etwa vom Jahr 2003 bis heute von 24 auf 190 Dollar pro Tonne, während einige seltene Erden um mehrere Tausend Prozent anstiegen. An beiden Märkten sind lediglich Produzenten und Abnehmer bei den Preisverhandlungen beteiligt, während Spekulanten keinen Zugriff haben. China beschloss in dieser Woche einen Zwangsurlaub für den mongolischen seltene-Erden-Hersteller Inner Mongolia Rare-Earth Group. Das ist der größte Hersteller der begehrten Metalle weltweit. Chinas Regierung, die größter Aktionär des Unternehmens ist, hält mit dem Grund für die vorübergehende Schließung nicht hinterm Berg: Die Preise für seltene Erden sollen gestützt werden. Und das, obwohl die Preise einiger seltener Erden bereits um über 1000% gestiegen sind. Chinas Regierung nutzt die seltenen Erden in einem Wirtschaftskrieg, der sich mit den USA in den letzten Tagen weiter verschärft hat.

Der Vorwurf, Ackermann sei schuld an schwankenden Rohstoffpreisen, scheint diese ganzen Hintergründe einfach zu vergessen. Gerade in den USA, wo der Terminhandel von Rohstoffen viel weiter entwickelt ist, als in Europa, gibt es dabei bereits zahlreiche Regeln, wie Positionslimits bei agrarischen Gütern, Limits für maximale Preisschwankungen, schwankende Margin-Erfordernisse (mehr zu dem mächtigen Steuerungswerkzeug der Margins habe ich hier geschrieben) und eine hohe Transparenz etwa durch die CoT-Handelsbuchstatistiken. In Europa sollen einige dieser Regeln jetzt auch umgesetzt werden, wobei die Euphorie der Politik dadurch gebremst wird, dass es an den Terminbörsen neben Spekulanten auch die so genannten Hedger gibt, die Produzenten und industriellen Käufer also, die sich absichern wollen. Eine Verschärfung der Regulierung würde auch die Hedging-Möglichkeiten verschlechtern. Das ist auch die Befürchtung der US-Terminbörsenaufsicht CFTC, die Positionslimits deswegen einführen soll, weil es der Dodd-Frank-Act so vorsieht. Das ist ein Gesetz, das die Lehren ziehen soll aus den Fehlern, die die USA in die Finanzkrise führten. Dass bei der Finanzkrise exzessive Spekulation in Rohstoffen eine Rolle spielte, ist dabei nicht ersichtlich.

Eine Absicherung an Warenterminbörsen für kommerzielle Marktteilnehmer, also einen Landwirt oder einen Hersteller von Schokolade, ist zunehmend wichtig, da die Preise an den Börsen für Rohstoffe immer stärker schwanken. Denn immerhin muss etwa ein Landwirt immer in Vorfinanzierung treten, denn die Saat, die er im Frühjahr ausbringt, wird niemals sicher auch zu einer guten Ernte führen. Dieses wirtschaftliche Risiko kann der Hedger an der Börse an einen Spekulanten, der auf steigende Preise setzen möchte, abgeben. Der Landwirt verkauft also seine Ernte auf Termin, um eine Finanzierungsquelle zu haben. Der Wunsch nach effizienten und liquiden Warenterminbörsen ist in Europa in den vergangenen Jahren sogar noch deutlich gestiegen, da die Preisschwankungen bei Rohstoffen spürbar zugenommen haben.

Stichhaltig wäre der Vorwurf von Foodwatch nur dann, wenn auch das physische Geschäft mit einbezogen werden würde. So ist J.P. Morgan zum Beispiel der größte Händler von Erdgas, Goldman Sachs ist der größte Händler von Erdöl und die Deutsche Bank zum Beispiel der größte Zuckerhändler. Das liegt daran, dass beim Handel von Rohstoffen große Mengen Geld eine Rolle spielen. Ein Reeder, der Öl vom Nahen Osten nach Rotterdam transportiert, braucht Geld. Sehr viel Geld. Ohne Banken hätte er keine Chance, an dieses Geld zu kommen. Er muss in Vorfinanzierung gehen. Ein sehr großer Öltanker, der am Nahen Osten betankt wird, fasst 600 Millionen Liter Rohöl. Das entspricht bei einem Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel umgerechnet einem Gesamtwert von rund 270 Millionen Euro. Diese Summe benötigt der Reeder als Vorfinanzierung, um die Scheichs bezahlen zu können, denn der Tanker benötigt gut drei Wochen, bis er in Rotterdam ist und der Reeder die Ware wieder verkaufen kann. Wenn der Reeder diese Summe nicht als Kredit bekommt, dann wird er erst gar nicht beginnen, den Öltanker im Nahen Osten zu betanken. Das war ein wichtiger Grund, warum der Ölpreis im Jahr 2008 dermaßen zusammengebrochen ist. Es fehlten eben diese Kredite, da die Banken sich wegen der Finanzkrise weigerten, neue Geschäfte abzuschließen.

Natürlich könnte man vermuten, dass Banken mit physischer Präsenz versuchen, dort Einfluss zu nehmen, um am Terminmarkt mit einer entsprechenden Positionierung Gewinne zu erzielen.

Tatsächlich gab es solche Aktionen bereits in der Vergangenheit. Langjährige Leser des Rohstoff-Reports wissen es: In den Jahren 2006 und 2007, als die Preise für Industriemetalle an der LME sich verdoppelten und verdreifachten, gab es einige Hedgefonds, die ihre massiven liquiden Mittel verwendeten, um Lagerbestände aufzukaufen und anschließend vom Markt zu verstecken. Damit hat man dem Markt erfolgreich vorgegaukelt, dass es bald kein Kupfer oder Nickel mehr gibt, was die Preise und damit auch die Gewinne der Hedgefonds massiv in die Höhe getrieben hat. Das ganze geschah vollkommen legal: Denn die Regularien der LME wurden erst nachdem Geschäfte dieser Art durch gute Journalisten ans Tageslicht drangen, verschärft. Heute gibt es maximale Abgabemengen, wenn man sich Terminkontrakte an der LME durch physische Ware andienen lassen möchte.

Das Horden von Rohstoffen zur Manipulation der Preise ist seit eh und je ein Thema an den Warenterminbörsen. So gab es im Jahr 2010, als der Preis für Baumwolle von 65 Cents auf über 2 Dollar stieg, zahlreiche Produzenten, die in der Hoffnung höherer Profite Lieferverträge nicht erfüllten und Textilkonzerne mussten, um ihre Just-in-Time-Produktion aufrecht zu erhalten ihren Bedarf, den sie als gesichert ansahen, erneut bestellen. Plötzlich war die doppelte Nachfrage am Markt, obwohl die Güter nicht doppelt benötigt wurden. Das hat die Preise zum Explodieren, wenig später aber auch wieder zum Zusammenbrechen gebracht.

Nicht nur einzelne Hedgefonds oder Konzerne, auch Regierungen horten Rohstoffe im eigenen Interesse. Und ich meine damit nicht nur irgendwelche zweifelhaften Schurkenstaaten, sondern auch die Auswirkungen der Agrarregulierung der EU. Beispiel Zucker. Die Preise sind vom Jahr 2004 bis zum Jahr 2011 von 60 Cents auf 3,60 US-Dollar gestiegen. In der EU wurden in dieser Zeit die Bauern dazu angehalten, Zuckerrübenflächen brach liegen zu lassen und erhielten Ausgleichszahlungen. Außerdem gibt es Exportquoten, die die EU nicht überschreiten darf. Es gibt in der EU das Potenzial, die Zuckerverknappung innerhalb weniger Monate deutlich zu lindern. Wegen der Regulierung ist das aber nicht möglich.

Anfang des Jahres 2010 fiel der Preis dann von drei auf 1,40 Dollar, weil die EU ausscherte und außerhalb der Quoten Zucker auf den Weltmarkt warf. Nur wenige Stunden danach drohten Thailand, Brasilien und Australien, die drei größten Zucker exportierenden Nationen, die EU bei der Welthandelsorganisation anzuzeigen. Die EU knickte ein, der Export wurde wieder eingestellt und die Zuckerpreise stiegen wieder auf neue Hochs (siehe orangene Fläche im Chart).

Fazit: Die Regulierung und Agrarpolitik spielt meiner Meinung nach eine weitaus größere Rolle bei der Preisbildung der Agrarrohstoffe. Die Rolle der Spekulanten wird vollkommen überschätzt. Herr Ackermann ist sicherlich mächtig, dass ihm aber die Macht zugesprochen wird, Agrarpreise weltweit zu bestimmen, halte ich für übertrieben.

Autor: Jochen Stanzl, Chefredakteur Rohstoff-Report

Der Rohstoff-Report ist eine Publikation der BörseGo AG