San Mateo (GodmodeTrader.de) – Wir sind seit mehreren Wochen der Meinung, dass die Juni-Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) wichtiger wäre, als viele Kommentatoren erwartet haben. Und es hat sich für uns bewahrheitet, wie David Zahn, Head of European Fixed Income bei Franklin Templeton, in einem aktuellen Marktkommentar schreibt.

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Es sei wichtig, sich daran zu erinnern, dass die EZB nach wie vor eine inflationszielorientierte Zentralbank sei. Nachdem die Zinserwartungen des Marktes für den Euroraum in den letzten Monaten nachgegeben hätten, habe man entschlossenes Handeln von EZB-Präsident Mario Draghi und seinen Kollegen erwartet. In der Vergangenheit habe die EZB auf einen deutlichen Rückgang des fünfjährigen Forward-Inflationsindex mit deutlichen Maßnahmen reagiert. Die aktuellsten verfügbaren Zahlen zeigten, dass der Inflationswap der Eurozone im ersten Quartal 2019 bei rund 1,3 Prozent gelegen habe, verglichen mit 1,7 Prozent im dritten Quartal 2018, und sich somit immer weiter vom zweiprozentigen Inflationsziel der EZB entfernt habe, heißt es weiter.

„Tatsächlich liegt die fünfjährige Inflationserwartung unter dem Niveau, das sie bei der Einführung des quantitativen Lockerungsprogramms durch die EZB im März 2015 erreicht hat“, so Zahn.

Im Mittelpunkt der angekündigten Reaktion der EZB stehe ihr Programm für langfristige Refinanzierungsgeschäfte (LTROs). Von den derzeitigen LTROs sollten 2020/2021 rund 700 Milliarden Euro fällig werden, heißt es weiter. „Wir sind der Meinung, dass die von der EZB heute angekündigten attraktiveren Refinanzierungskonditionen die Banken ermutigen sollten, sich zu refinanzieren und wahrscheinlich mehr zu leihen und Anleihen am kurzen Ende zu kaufen. Dies wiederum sollte die Zinskurven in den so genannten Randländern der Eurozone - denjenigen mit kleineren oder weniger entwickelten Volkswirtschaften in Europa - in guter Verfassung halten“, so Zahn.

Das Wachstum in Europa sei nach wie vor ordentlich (aber nicht mehr als das). „Angesichts geopolitischer Unsicherheiten wie Brexit und Handelsspannungen scheint es uns offensichtlich, dass die Risiken für die Märkte überwiegen. Daher erwarten wir, dass die EZB weiterhin akkommodierend ist. Eine Zinserhöhung im Euroraum erwarten wir nicht vor 2022“, so Zahn.

Es sei jedoch wichtig zu wissen, dass viele der Akteure, die die Richtung der EZB bestimmten, in diesem Jahr wechseln werden. Draghi's Amtszeit ende Ende Oktober, und bis Ende des Jahres würden acht der 19 nationalen Zentralbank-Gouverneure nicht mehr über die Zinsen mitentscheiden, sondern zurückgetreten sein. Das große Fragezeichen sei also, in welche Richtung sich die EZB danach entwickle, denn das bisherige Verhalten der EZB lasse sich dank der anstehenden Personalwechsel nicht einfach in die Zukunft übertragen. Sie könnte „dovish“ sein wie jetzt aber sich genauso gut auch als „hawkisch“ herausstellen, heißt es weiter.

„Aber solange die EZB ein inflationszielorientiertes Organ bleibt, glauben wir, dass sie weiterhin eine akkommodierende Geldpolitik verfolgen wird", so Zahn.