Bei Kupfer herrscht große Verwirrung. Hier sind Optimisten und Pessimisten gleichermaßen am Werk. Dabei wird gerade bei diesem Metall den Produktionskosten eine relativ geringe Bedeutung beigemessen. Dies verwundert. Denn Kupfer notiert rund ein Drittel über den Herstellungskosten, während die Preise anderer Metalle wie Aluminium oder Gold und auch Agrargüter wie Zucker oder Kaffee selbige bereits erreicht haben. Die Preisaussichten beim Kupfer sind gleichwohl von zwei Seiten bedroht: Einerseits von einer wachsenden Produktion der Minen und andererseits von einer Abschwächung des Wachstums der Schwellenländer.

    Außerdem wirkt sich eine mögliche Wende in der amerikanischen Geldpolitik indirekt auf den Kupferpreis aus, da sie den US-Dollar stärkt. Die amerikanische Notenbank könnte bereits zum Jahreswechsel eine geldpolitische Wende einleiten. Händler am amerikanischen Anleihenmarkt reagierten geradezu panisch auf die Ankündigung des Notenbankchefs, bei einer weiteren gesamtwirtschaftlichen Erholung das Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen auslaufen lassen zu wollen. Dies könnte möglicherweise schon zum Jahresende geschehen. Die Rendite einer zehnjährigen US-Staatsanleihe stieg im Verlauf des Junis um 100 Basispunkte an. Viele Bond-Anleger verloren in kurzer Zeit mehr als drei Jahreskupons. Die Zinskurve schiebt sich über alle Laufzeiten weiter nach oben, und mit dem wachsenden Vertrauen in die gesamtwirtschaftliche Erholung der US-Konjunktur wächst auch die Zuversicht in den US-Dollar. Der Außenwert des US-Dollars kletterte in der ersten Jahreshälfte um 6,5%.

    Der US-Dollar ist von herausragender Bedeutung für die Bewertung fast aller Vermögenswerte weltweit. Das gilt vor allem für Rohstoffe wie Kupfer, die in US-Dollar gehandelt und abgerechnet werden. Zwischen den Jahren von 2001 bis zur Finanzkrise diente der US-Dollar als Finanzierungswährung für die Zahlungsbilanzdefizite anderer Länder. Auf der Suche nach Rendite nutzten Investoren die Billigzinsen aus dem US-Dollar-Raum, um in Hochzinsländern wie China, Australien oder der Türkei zu investieren. Diese Länder genossen einen binnenwirtschaftlichen, aber fremdfinanzierten Boom und mussten sich nicht so sehr um strukturelle Defizite ihrer Zahlungsbilanz kümmern. Ihre Währungen gewannen an Wert und die Handelsdefizite wurden größer, da die Importe an ausländischen Gütern meist noch wuchsen. Nun, da die USA vor einer Zinswende stehen könnten und die amerikanische Notenbank angekündigt hat, die Liquiditätsmaßnahmen auslaufen lassen zu wollen kehrt sich der Trend um: Investoren ziehen Kapital wieder ab, die Währungen der Schwellenländer fallen und der US-Dollar, der seit sieben Jahren in einer Seitwärtsbewegung verharrt, könnte nach oben ausbrechen.

    Schwellenländer wie Australien, die große Teile ihres Wirtschaftswachstums der vergangenen Dekade den Investitionen von ausländischen Investoren zu verdanken haben, stehen vor einer Wachstumskrise. Erst vor kurzem warnte die australische Regierung vor dem Ende des Booms im Bergbau, da die chinesische Wirtschaft sich immer weiter abschwäche und die Investitionen von BHP Billiton, Rio Tinto und anderen internationalen Minenkonzernen plötzlich ausbleiben. Was in Australien geschieht, geschieht auch in anderen Schwellenländern. Durch den Kapitalabzug und die Zahlungsbilanzdefizite werten die Währungen der Schwellenländer ab, und da sie noch immer mit Inflation zu kämpfen haben wirkt die Währungsabwertung durch höhere Importpreise zusätzlich preistreibend, sodass es den Zentralbanken dieser Länder schwer fällt, durch Senkung der Leitzinsen der Wachstumsschwäche zu entgegnen. Sie würden damit nur noch mehr Inflation erzeugen. Jüngst warnte die australische Regierung davor, dass sich das Land auf eine Rezession einstellen müsse. Das könnte auch anderen Ländern blühen.

    Auch China trifft diese Entwicklung hart. Volkswirte rechnen in diesem Jahr lediglich noch mit einem Wachstum Chinas von 7,4%, doch sicher ist das nicht. Denn auch China hat ein Inflationsproblem. Da es wohlhabenden Chinesen nur unter voriger Genehmigung und auch dann nur unter Auflagen gestattet ist, Kapital im Ausland zu investieren und sich der chinesische Aktienmarkt seit nunmehr sechs Jahren in einem Bärenmarkt befindet bleibt für viele Menschen dort nur noch der Immobilienmarkt als Anlageobjekt übrig. Die logische Folge daraus ist, dass der chinesische Immobilienmarkt überbewertet ist. Jetzt steht China vor der Wahl: Entweder es lässt die kriselnden Banken des Landes, die den Immobilienboom mitfinanzieren, fallen und riskiert damit steigende Zinsen und eine weitere Wachstumsabschwächung oder es hilft den Banken mit Liquidität, riskiert damit aber, dass das Problem der Spekulationsblase am heimischen Immobilienmarkt nur noch größer wird.

    Diese Entwicklungen gehen am Kupfermarkt nicht spurlos vorbei. Die US-Dollar-Aufwertung, das Risiko weiter fallenden Wachstums in China und die geringeren Wachstumsaussichten für die Weltwirtschaft, weil viele Schwellenländer vor einer Rezession stehen könnten, entspannen das Kupferangebot auf dem Weltmarkt. Die Lagerbestände der Londoner Metallbörse LME stiegen seit Oktober 2012 von rund 200.000 Tonnen mittlerweile um das Dreifache an, der Kupferpreis rutschte in dieser Zeit um 20% nach unten. Eine zentrale charttechnische Unterstützung bei 6635 US-Dollar konnte die Korrektur im Juni noch stoppen, ein Bruch dieser Marke könnte eine 30-prozentige Korrektur bis auf das Niveau der Produktionskosten auslösen.

    Dass diese wichtige charttechnische Unterstützung fallen könnte, ist nicht ausgeschlossen. Zehn Jahre ist es nun her, seit der Kupfermarkt wegen eines massiven weltweiten Angebotsdefizits begann, von 1500 USD/Tonne bis auf 8500 USD/Tonne zu steigen. Die weltweiten Bergbaukonzerne nutzten die plötzlichen Gewinne und reinvestierten sie in neue Erzvorkommen. Jetzt, zehn Jahre später, gelangt das Angebot an den Markt. Das Angebotswachstum im Jahr 2013 wird das stärkste seit 13 Jahren sein. Analysten von Goldman Sachs rechnen damit, dass es in der zweiten Jahreshälfte 2013 erstmals einen Angebotsüberschuss am Weltmarkt für Kupfer geben wird, der bei 230.000 Tonnen liegt. Im Jahr 2014 könnte sich der Angebotsüberhang bereits auf 400.000 Tonnen ausgeweitet haben. Die Aussichten auf fallende Kupferpreise könnten also bald Realität werden.