Wer sich mit einem Depotwert schon einmal größere Verluste eingehandelt hat (also wahrscheinlich jeder ernsthafte Börsianer), der kennt das Gefühl: Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem ein Verkauf „irgendwie keinen Sinn mehr macht“. Man ist frustriert, genervt und geneigt, die Sache einfach auszusitzen. Mit ein wenig Geduld klappt das sogar. Gar nicht so selten aber sind die Fälle, da die Warteperiode mit einem Totalverlust endet. Ärgerlich, aber aus solchem Lehrgeld kann man zumindest wertvolle Schlüsse ziehen.

    Ganz ähnlich, und doch völlig anders, verhält es sich mit Überfliegeraktien. Auch 100 oder 200 Prozent Gewinn können gehörig an den Nerven zerren. An einen Totalverlust denkt jetzt niemand. Doch wann sollte man bloß verkaufen? Und wie „geduldig“ muss man jetzt sein? Getreu dem Motto, dass die größten Gewinne an der Börse mit dem Hintern gemacht werden, könnten diese Fragen bei den Edelmetall-Aktien schon bald von entscheidender Bedeutung sein…

    Den dynamischen Ausbruch des Goldpreises hatten wir in der vergangenen Woche ausführlich kommentiert. Unser Fazit am Ende des Beitrags lautete: „Wohl dem, der die Nerven hat, den wilden Ritt der Edelmetalle in den kommenden Jahren mit einem ausgewählten Portfolio an Gold- und Silberminen-Aktien durchzustehen“.

    Ein Leser fragte daraufhin, wie denn das gemeint sei.

    Im Grunde geht es um die Frage, wie lange man dabeibleiben sollte, wenn die Minenwerte erst einmal anfangen zu steigen. Oder besser gesagt: Wie lange man nervlich und psychologisch in der Lage ist, der Versuchung zu widerstehen, die Gewinne einzutüten. Nicht nur Neulinge werden staunen, wie nervenaufreibend das sein kann. Dabei wird man nämlich schnell feststellen, dass es sehr viel einfacher ist, Verluste auszusitzen, als Gewinne.

    Das ist übrigens einer der Gründe, warum viele Anleger an der Börse zu nichts kommen. Wer nach 100 oder 200 Prozent Kursgewinn bereits verkauft, und stattdessen seine Depotleichen pflegt, der wird in einem wirklichen Bullenmarkt das Beste verpassen.

    Die Edelmetall-Aktien, insbesondere die kleineren Explorer und mittelgroßen Produzenten haben in der Vergangenheit schon mehrfach gezeigt, wozu sie in der Lage sind, wenn es dort erst einmal richtig losgeht. Die jüngste Party wird manchem noch in Erinnerung sein: Unmittelbar nach der langfristigen Trendwende im Edelmetall-Sektor Anfang 2016 wurden die Kurswerte kleinerer Minenaktien teilweise um den Faktor 50 oder noch mehr nach oben katapultiert.

    Die Aktie der kleinen kanadischen Gungnir Resources (GUG.V) beispielsweise kletterte innerhalb von zweieinhalb Jahren um den Faktor 66 nach oben. Den Kursverlauf seit 2014 zeigt die folgende Grafik:

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    Die Aktie der kanadischen Gungnir Resources hat den gleitenden 200-Wochen-Durchschnitt annähernd wieder zurückerobert…

    Wer also Anfang 2016, und noch nicht einmal zum absoluten Kurstief, mit 5.000 Euro bei der Aktie eingestiegen war, der konnte anschließend zusehen, wie der Depotwert auf die stattliche Größe von 330.000 Euro explodierte. Und wer den Ausstieg beim jüngsten Hoch im Herbst 2018 verpasst hatte, der liegt aktuell immer noch mit mehr als 1.000 Prozent im Gewinn. Das sind Dimensionen, wie man sie außerhalb des Krypto-Sektors nur bei den kleineren Edelmetall-Aktien findet.

    Doch ist es nach der jahrelangen Streckfolter wirklich schon so weit? Kommt jetzt die ganz große Prüfung für die Goldbullen mit nervenzerreißenden Kursgewinnen, die jede Vorstellungskraft übersteigen?

    Wenn man sich vor Augen führt, was in dem Sektor los sein wird, wenn der Knoten erst einmal platzt, dann ist diese Frage eigentlich von nachrangiger Bedeutung. Denn was macht es schon, auf 1.000 oder 3.000 Prozent Kursgewinn ein weiteres Jahr zu warten? Selbst eine Wartezeit von mehreren Jahren verblasst vor dem Hintergrund des möglichen Potentials.

    Viel wichtiger ist heute daher die Aufgabe, sich beizeiten darauf einzurichten, nicht zu früh zu verkaufen. Denn das wird die wahre Prüfung in dem Sektor werden, sobald sich der Goldpreis nachhaltig über die Marke von 1.400 US-Dollar aufschwingt…

    Das Zünglein an der Waage könnten die breiten Aktienmärkte sein. Sollte dort Luft abgelassen werden, dürfte der Edelmetall-Sektor, anders als im Crashjahr 2008, so richtig in Schwung kommen.

    Eine Ahnung davon, was in den darauffolgenden Jahren anstehen könnte, liefert ein Kursvergleich des Dow Joes (rote Linie in der folgenden Abbildung) mit der Aktie von Homestake Mining (grün) zwischen 1924 und 1935. Homestake war zur damaligen Zeit der weltgrößte Goldproduzent.

    Schon Anfang 1926 hatte sich angekündigt, was sich später dramatisch zuspitzen sollte: Plötzlich waren Goldminenaktien deutlich stärker als der zuvor massiv ansteigende breite Aktienmarkt: Während dieser sich im Jahr 1926 nahezu halbierte, konnte die Aktie von Homestake deutlich zulegen. Achten Sie auf die blaue Markierung in der folgenden Grafik unten links.

    Wirklich frappierend, im Sinne einer Art Kaufpanik, wurde die Entwicklung jedoch erst ab dem Krisenjahr 1931, als deutlich wurde, dass die Welt in eine große Depression gerutscht war (roter Pfeil). Auch das Goldverbot in den USA vom Frühjahr 1933 konnte den Ansturm auf die Goldminenaktien jetzt nicht mehr stoppen (grüner Pfeil). Begleitet wurde die ganze Vorstellung, wie bei den Minenwerten üblich, von enormen Kursschwankungen, die unsichere Kantonisten genau wie heute zuverlässig aus dem Markt befördert haben.

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    Während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre konnte der Dow Jones mit der Aktie des weltgrößten Goldproduzenten nicht Schritt halten. Auch das Goldverbot vom Frühjahr 1933 in den USA konnte den Ansturm auf die Goldminenaktien nicht stoppen…

    Man unterschätze auch diesmal nicht die psychologische Prüfung, die für Anleger ansteht, sollten Dow Jones und S&P 500 in die Knie gehen, während die eigenen Depotwerte massiv zulegen. Doch so weit ist es noch nicht:

    Nicht ganz unerwartet ist der Ausbruch des Edelmetalls in dieser Woche ins Stocken geraten. Angekündigt hatte sich das bereits am Dienstag mit einer schwachen Vorstellung der Minenwerte: Während der Goldpreis in der Spitze bis auf 1.442 US-Dollar zulegen konnte, mussten die Aktien der Edelmetall-Produzenten teilweise kräftig Federn lassen.

    Es war das klassische Warnsignal, dass die Aufwärtsbewegung beim Gold an Fahrt verlieren würde…

    Doch das gilt vor allem kurzfristig. Einige Branchenschwergewichte zeichnen schon heute ein völlig anderes Bild. Dazu einige Betrachtungen auf Quartalsbasis. So konnte etwa die Aktie von Agnico Eagle Mines (AEM) den seit Ende 2011 gültigen Abwärtstrend in diesem Quartal sehr überzeugend überwinden. Achten Sie auf die fallende rote Linie und den grünen Pfeil in der folgenden Abbildung.

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    Auch die Aktie von Branchenprimus Barrick Gold (GOLD) lässt jetzt aufhorchen. Erstmals seit fast zwei Jahren konnte die Notierung den gleitenden Zwölf-Monats-Durchschnitt wieder zurückerobern. Achten Sie auf den grünen Pfeil in der folgenden Abbildung.

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    Ähnlich ist die Lage bei Schwergewicht Newmont Mining (NEM). Auch hier wurde der gleitende Zwölf-Monats-Durchschnitt zuletzt sehr überzeugend zurückerobert. Auffallend dabei waren die stark gestiegenen Umsätze, die dem Ausbruchssignal zusätzliche Bedeutung verleihen. Achten Sie auf die blaue Markierung in der folgenden Abbildung.

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    Das heißt, bei den großen Goldminenwerten deutet sich jetzt erstmals seit rund zwei Jahren eine Wiederaufnahme des Anfang 2016 gestarteten Aufwärtstrends an. Anleger, insbesondere jene, die zuletzt sehr geduldig die jahrelange „Streckfolter“ ertragen haben, sollten sich daher darauf einrichten, dass die schwerste Prüfung in diesem Bullenmarkt erst noch bevorsteht:

    Man wird starke Nerven brauchen, um die enormen Schwankungen und insbesondere die enormen Kursgewinne auszuhalten, die im kommenden Aufschwung im Edelmetall-Sektor anstehen werden. Ganz besonders gilt das naturgemäß bei den kleinen Explorern und den mittelgroßen Produzenten…

    Eine Bemerkung noch zum Schluss:

    Dies ist ausdrücklich keine Kaufempfehlung für eine der im Artikel genannten Aktien. Die aufgeführten Werte dienen lediglich der Verdeutlichung der im Beitrag formulierten Aussagen.

    Näheres dazu in der kommenden Ausgabe des Antizyklischen Börsenbriefs...

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    Zum Autor:

    Andreas Hoose ist Chefredakteur des Antizyklischen Börsenbriefs, einem Service der BörseGo AG. Weitere Informationen finden Sie unter www.antizyklischer-boersenbrief.de


    Andreas Hoose vertritt mit diesem Artikel seine eigene Meinung. Diese muss sich nicht zwangsläufig mit der Meinung von GodmodeTrader decken. Es erfolgt keine Prüfung durch eine Schlussredaktion.