Strategieüberprüfung als Maßstab

Die EZB-Ratssitzung am kommenden Donnerstag wird sich wohl mit einem umfassenden Abgleich der Forward Guidance als Instrument und einer Strategieüberprüfung der letzten Woche befassen. Hierbei kann ein Wechsel des Ansatzes der Forward Guidance erwartet werden – von einem bisherigen prognosebasierten Ansatz zu einem ergebnisorientierten Verfahren. Daraus folgert, dass zukünftige geldpolitische Schritte stärker von Veränderungen der tatsächlichen Inflationsdaten als von einer Prognoseanhebung abhängig gemacht werden. Zudem kann erwartet werden, dass der Rat sich die Möglichkeit offen behält, ein Übersteigen der Inflation zuzulassen. Allerdings muss auch davon ausgegangen werden, dass wir bis September oder sogar Dezember auf Klarheit über den Umfang der quantitativen Lockerung nach Abschluss des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) warten müssen.

Der US-Inflationsschub und die Preisniveau-Lücke

Während die EZB immer noch mit einer signifikant unter dem Zielwert liegende Inflationsrate zu kämpfen hat (die Kerninflation lag im Juni bei 0,9 % ggü. Vj.), liegt die Inflation in den USA weiterhin deutlich über den Erwartungen und Zielwerten. Hierbei zeigt sich auch keine Veränderung des Musters im Vergleich zu den Entwicklungen im April und Mai: Der Inflationsanstieg in den USA wird nach wie vor durch idiosynkratische Bewegungen durch eine kleine Anzahl von Faktoren verursacht. Jüngste Untersuchungen zu den eigenen Preisprognosen der Verbraucher liefern immer noch keinen eindeutigen Indikator für einen Umschwung der Inflationserwartungen. Dennoch muss die Fed froh sein, dass sie sich für ein "flexibles durchschnittliches Inflationsziel" entschieden hat, um ein gewisses Übersteigen zu steuern, im Gegensatz zu dem eher moderaten „Preisniveau-Targeting". In der Tat hat der aktuelle Inflationsanstieg die seit 2012 bestehende Preisniveau-Lücke um mehr als die Hälfte reduziert. Und falls die monatlichen Zuwächse der Kerninflation auch nur noch halb so hoch ausfallen wie sie seit dem März beobachtet werden, wäre die Lücke bis Dezember 2021 geschlossen.

Dekarbonisierung könnte teuer werden

Für die Europäische Kommission gibt es ebenfalls keine verfrühte Sommerpause. Sie hat letzte Woche ihre detaillierte Strategie veröffentlicht, die Kohlenstoffemissionen in der EU bis 2030 um 55 % zu reduzieren, bevor sie schließlich 2050 „Netto-Null“ als Ziel ausgeben. Verschiedene Instrumente stehen der Kommission hierbei zur Verfügung, aber am wahrscheinlichsten scheinen momentan Preiserhöhungen auf Kohlenstoff und die stärkere Regulierung von inländischen Sektoren und Importen. Die Auswirkungen der Strategie auf die Einkommensverteilung können weitreichende Folgen haben, so können auf Basis dieser Maßnahmen komplizierte Debatten im Europäischen Rat und im Europäischen Parlament erwartet werden. Im Gegensatz zum letzten Jahr, in dem die EU mit ihrem Next Generation EU-Plan den Kampf gegen den Klimawandel als Vorwand genutzt hat um einen wachstumsfreundlichen fiskalischen Impuls zu initiieren, wird der Fokus nun wahrscheinlich auf die Übergangskosten verlagert werden. Auch wenn der Klimawandel eine so massive negative Externalität darstellt, dass unsere "Schmerzgrenze" während der grünen Revolution hoch bleiben sollte.