Es waren die Japaner, die im 16. Jahrhundert eine Methode der Technischen Analyse entwickelten, um Preise von Reiskontrakten zu analysieren, die an der Börse Osaka gehandelt wurden. Die Technik, derer sich die Japaner damals bedienten und auch noch heute benutzen, nennt sich Candlestick-Chartanalyse und entstand noch vor den heute vor allem im Westen gebräuchlichen Balken- sowie Point & Figure-Charts.

Candlestick-Charts zeigen die Eröffnung, das Hoch, das Tief und die Schlusskurse in einem Format, dass den modernen Tagesbalken-Charts sehr ähnlich ist.

Artikel des Autors Steve Nison, welche die Candlestick-Charts erklären, erschienen im „Futures Magazine“ im Dezember 1989 und im April 1990 – Sie sehen, dass es einige Zeit gedauert hat, bis im Westen die östlichen Analyse-Methoden einem breiteren Publikum nähergebracht wurden. Das bekannteste Buch über das Thema Candlestick-Charts ist „Japanese Candlestick Charting Techniques“ von dem eben beschriebenen Autor Steve Nison. Es ist mittlerweile auch in deutscher Sprache erschienen („Technische Analyse mit Candlesticks. Alle wichtigen Formationen und ihr Praxiseinsatz“).

Manche Marktteilnehmer sind von Candlestick-Charts fasziniert. Vielleicht, weil sie das lang vergessene asiatische Geheimnis der Investment-Analyse präsentieren. Andere Investoren werden von dieser Mystik abgeschreckt. Unabhängig von ihren Gefühlen über die Mystik der Candlesticks Charts empfehlen ich Ihnen, ihren Nutzen aus der Candlestick-Chartanalyse zu ziehen.

Candlestick-Charts illustrieren Angebot- und Nachfragekonzepte, die durch die klassischen Technischen Analyse-Theorien definiert werden nämlich auf eine visuell sehr ansprechende Art und Weise, dazu im weiteren Verlauf dieser Lesson mehr.

Da Candlestick-Charts die Relation zwischen Eröffnungs-, Hoch-, Tief- und Schlusspreisen anzeigen, können sie nicht mit Wertpapieren verwendet werden, die nur Schlusskurse beinhalten. Sie sollten auch nicht bei solchen Wertpapieren angewendet werden, denen die Eröffnungskurse fehlen.

Abbildung 1

Die Bewegung vom Eröffnungskurs zum Schlusskurs bildet den Kerzenkörper, siehe Abbildung 1. Der Kerzenkörper ist schwarz, wenn der Schlusskurs unter dem Eröffnungskurs liegt, und der Tagesverlauf somit negativ war. Liegt der Schlusskurs oberhalb des Eröffnungskurses, ist der Kerzenkörper weiß. [Die Japaner benutzen statt weisser rote Kerzen. Manchmal sehen Sie jedoch in einem Chart rote und weisse Kerzen, die roten Candlesticks nehmen in diesem Fall meistens die Stelle der schwarzen Candlesticks ein, doch lassen Sie sich nicht verwirren: Es ist aus den Trendbewegungen leicht ersichtlich, wie der jeweilige Chartanwender die Farbkennzeichnung verwendet hat]. An dieser Stelle wird schon ersichtlich, dass sowohl der Eröffnungskurs als auch der Schlusskurs für die Analyse der täglichen Kursbewegungen sehr wichtig ist.

Die Kursbewegungen oberhalb und unterhalb des Kerzenkörpers werden als oberer und unterer Schatten bezeichnet. Es gibt noch andere Bezeichnungen für den Schatten. So wird die Linie von der Oberkante des Kerzenkörpers bis zum Höchstkurs auch Docht genannt. Umgekehrt wird die Linie von der Unterkante des Kerzenkörpers bis zum Tiefstkurs auch Lunte genannt. Je nachdem, wie weit die Höchst- beziehungsweise Tiefstkurse vom Kerzenkörper entfernt sind, sind die Schatten entsprechend lang oder kurz.

Candlestick-Charts können auf Charts mit allen Intervallen angewendet werden, es spielt also keine Rolle, ob Sie Wochen-, Tages- oder auch Intraday-Charts für die Analyse verwenden.

Im Vergleich zu den Barcharts stellen sich Candlestick-Charts wie in der nachfolgenden Abbildung 2 dar.

Abbildung 2

Wichtige Candlestick-Chart Patterns und Analyse

Die Candlesticks werden einzeln nach ihren Formen und gemeinsam mit anderen Kerzen analysiert und gedeutet. Dabei werden verschiedenen Kombinationen unterschiedlich gestalteter Kerzen Namen sowie Bedeutungen für den weiteren Verlauf der Kurse zugeordnet. Eine japanische Candlestick-Formation kann aus einer einzelnen Kerze oder einer Kombination aus mehreren, normalerweise nicht mehr als fünf, Kerzen bestehen.

Die meisten Candlestick-Formationen deuten den Stillstand eines Trends oder eine Trendumkehr an. Candlestick-Formationen, die auf die Fortsetzung eines Trends hindeuten, sind relativ selten. Die Interpretationen einer Trendumkehr in einem Candlestick-Chart hängt sehr mit dem Chartmuster einer Trendumkehr in der Barchart-Analyse zusammen. So kann beispielsweise ein Key-Reversal-Day in einem Barchart auch von einem Bullish-Belt-Hold beziehungsweise einem Bearish-Belt-Hold in einem Candlestick-Chart dargestellt werden, siehe Abbildung 3

Ein wichtiger zu beachtender Punkt bei der Beurteilung, ob eine Formation bullish oder bearish ist, ist die Trendrichtung des Marktes vor Ausbildung der Formation. So können zum Beispiel in einem Aufwärtstrend keine bullishen Umkehrformation entstehen. Zwar können die Candlesticks einer bullishen Formation gleichen, doch wenn der Trend abwärts gerichtet ist, handelt es sich nicht um eine bullishe japanische Candlestick-Formation. Genauso können Candlesticks in einem Abwärtstrend keine bearishe Formation besitzen. Aufgrund dessen müssen Sie den Trend bestimmen, bevor Sie eine japanische Candlestick-Formation effektiv nutzen können.

Grundsätzlich dürfen von der Chandlestick-Charttechnik keine unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten erwartet werden, denen der Kurs folgen muss.

Vielmehr liefert die Technik der Candlestick-Charts ein momentanes Stimmungsbild der Börsenteilnehmer. Und darin besteht auch die große Beliebtheit von Candlestick-Charts. Sie kommt nämlich ohne eine zeitliche Verzögerung bei der Bestimmung von Signalen aus und stellt auf eine sehr plastische Weise das Anlegerverhalten inklusive einer entsprechenden Voraussage über zukünftige Kursrichtungen dar - ausgedrückt durch das Verhältnis von Eröffnung, Hoch, Tief und Schluss.

In diesem Sinne ist die Candlestick-Chartanalyse ein wichtiges, visuell ansprechendes Trading-Tool, das sich auch sehr gut mit anderen Analyseinstrumenten kombinieren lässt.

Die japanische Literatur verweist konstant auf zirka 40 Candlestick-Umkehrformationen. Sie variieren von einzelnen Kerzen bis hin zu komplexeren Formationen von bis zu fünf Kerzen, die weniger beziehungsweise sehr signifikant sein können.

Im folgenden wollen wir uns einige ausgewählte, signifikante Candlestick-Muster ansehen.

Candlestick-Patterns

Die japanische Candlestick-Chartanalyse kennt, wie angedeutet, eine Vielzahl von Formationen, das heißt von Verhaltensmustern und deren möglichen Folgen. Im folgenden wollen wir uns auf die Darstellung von Mustern der Candlestick-Chartanalyse konzentrieren, die am häufigsten vorkommen und mit anderen Tools der Technischen Analyse sehr gut kombinierbar sind.

Hammer und Hanging Man

Hammer Hanging Man

Abbildung 3

Der Hammer ist eine wichtige Kerzenform mit Haussebedeutung. Als klassischer Hammer wird eine Kerze bezeichnet, die einen kleinen oberen Kerzenkörper (schwarz oder weiß) ohne oberen Schatten (oder mit einem sehr kleinen oberen Schatten) besitzt und einen langen unteren Schatten hat, der mindestens doppelt so lang sein sollte wie der Kerzenkörper des Hammers.

Die Schattenlänge ist deshalb ein wichtiges Kriterium, weil sie zeigt, dass nach einer hohen Eröffnung der Markt stärker fiel und sich zum Schluss wieder sehr stark erholte, um möglichst knapp unter dem Eröffnungskurs beziehungsweise dem Hochkurs des Tages zu schließen.

Die Psychologie, die dahinter steckt: Das Scheitern des Marktes den Verkaufsprozess fortzuführen, reduziert das bearishe Sentiment, und viele Marktteilnehmer fühlen sich unwohl mit ihren Short-Positionen. Falls der Schusskurs über dem Eröffnungskurs liegen sollte, entsteht ein weißer Kerzenkörper. Diese Situation ist natürlich noch besser für die bullishen Marktteilnehmer.

Nach einem ausgeprägten Abwärtstrend wird der Hammer als möglicher unterer Umkehrpunkt, also als bullishes Signal, gewertet, der einen „Boden aushämmert“ beziehungsweise, anders formuliert, wird mit dem Pattern ein Vorgang beschrieben, bei dem der Markt eine Bodenbildung „abklopft“. Achten Sie also darauf, dass ein ausgeprägter Abwärtstrend vorliegt, um einen Hammer auch richtig interpretieren zu können. Eine Bestätigung läge dann vor, wenn am nächsten Tag ein höherer Eröffnungskurs folgen und der Markt noch höher schließen würde.

Nach einem Aufwärtstrend wird das gleiche Kerzenmuster als Hanging-Man („Hängender Mann“) bezeichnet. Tritt nach einer ausgeprägten Aufwärtsbewegung ein Hanging-Man auf, so ist Vorsicht geboten. Generell kann nämlich gesagt werden, dass ein Hanging-Man die Verwundbarkeit eines ausgeprägten Aufwärtstrends andeutet. Aber wann kann der Hanging-Man nun als Umkehrsignal gewertet werden? Nun, für diese Bewertung finden sich in der Fachliteratur unterschiedliche Ansätze, die im Folgenden der Signifikanz nach geordnet sind:

Der erste Ansatz sieht vor, die nächste Kerze abzuwarten. Folgt nämlich dann auf den Hanging-Man eine schwarze Kerze mit schwächerer Eröffnung und einem Schlusskurs unter den Kerzenkörper des Hanging-Man, so gilt die Umkehrimplikation als bestätigt.

Beim zweiten Ansatz soll eine höhere Signifikanz berücksichtigt werden. Bei dieser Methode wird ein Hanging-Man am Ende eines Aufwärtstrends erst dann als Umkehrsignal gewertet, wenn der Kurs an einem der nächsten Tage unterhalb des Tiefpunktes des Hanging-Man notiert.

Noch signifikanter ist es, und damit sind wir beim dritten und letzten Ansatz angelangt, wenn man wartet bis der Schlusskurs eines der nachfolgenden Tage oder der nachfolgenden Kerzen unterhalb des Tiefpunktes des Hanging-Man notiert.

Entsprechend zum Hammer gilt darüber hinaus generell, je länger der untere Schatten, je kürzer der obere Schatten, je kleiner der Kerzenkörper, desto bedeutender ist der Hanging Man.

2. Bullish- und Bearish-Belt-Hold

Bullish- und... ... Bearish-Belt-Hold

Abbildung 4

Das Bullish-Belt-Hold besteht aus einer weißen Kerze, das heißt der Eröffnungskurs ist sehr tief, der Markt startet eine starke Rally und schließt sehr hoch.

Beim Bearish-Belt-Hold ist die Eröffnung sehr hoch und der Schlusskurs sehr tief. Je größer die Kerze des Belt-Hold ist, umso größer ist die Bedeutung für eine Trendumkehr.

Ein Eröffnungskurs oberhalb eines schwarzen Bearish-Belt-Hold sollte als Warnsignal für einen sich fortsetzenden Aufwärtstrend gewertet werden. In diesem Sinne gilt auch umgekehrt für einen Eröffnungskurs unterhalb der weißen Kerze eines Bullish-Belt-Hold, dass sich der Abwärtstrend fortsetzen sollte.

Bullish- und Bearish-Engulfing-Pattern

Bullish- und... ...Bearish-Engulfing-Pattern

Abbildung 5

Während es sich sowohl beim Hammer beziehungsweise Hanging-Man als auch beim Bullish- oder Bearish-Belt-Hold um Kerzenmuster handelt, die aus einer Kerze bestehen, setzt sich hingegen ein Engulfing-Pattern aus zwei Kerzen zusammen. Wie sieht ein Engulfing-Pattern aus? Dazu folgende Erläuterung:

Tritt nach einem Abwärtstrend eine lange weiße Kerze nach einer schwarzen Kerze auf, und umschließt die letztere mit ihrem Kerzenkörper den Kerzenkörper der ersten vollständig, so spricht man von einem Engulfing-Pattern. „Engulfing“ bedeutet soviel wie „verschlingend“ und hat damit zu tun, dass der Kerzenkörper der letzten Kerze den der ersten verschlingt oder weniger metaphorisch ausgedrückt um-schlingt. Wichtig, und darauf sollten Sie achten, ist dass der große weiße Kerzenkörper den kleineren schwarzen Kerzenkörper der vorangegangenen Kerze vollständig umschließt. Dabei ist es nicht zwingend erforderlich, dass auch der Schatten des kleineren schwarzen Kerzenkörpers noch mit umschlungen wird.

Umgekehrt entsteht ein Bearish-Engulfing-Pattern, wenn nach einem Aufwärtstrend eine lange schwarze Kerze nach einer weißen Kerze auftritt und die letztere mit ihrem Kerzenkörper den Kerzenkörper der ersten vollständig umschlingt.

Die Signifikanz eines Engulfing-Patterns erhöht sich zum einen mit zunehmender Länge der Kerzen und zum anderen mit der Länge der letzten Kerze in Relation zur vorangegangenen Kerze. Achten Sie auf die Kerzenlängen beider Kerzen! Sollten diese nämlich in etwa gleich lang sein, so verliert das Pattern an Signifikanz und das Signal für eine Trendumkehr ist dementsprechend schwach. In solchen Situationen ist tendenziell eher von einer sich anschließenden Seitwärtsbewegung der Kurse auszugehen.

Das Engulfing-Pattern ist ein wichtiges Umkehrmuster. Im Falle eines Bearish-Engulfing-Patterns geht den optimistisch gestimmten Marktteilnehmern sozusagen die Luft aus und die Pessimisten reißen das Ruder an sich. Ein nachlassender Kaufdruck geht nahtlos in einen sich verstärkenden Verkaufsdruck über. Im Falle eines Bullish-Engulfing-Pattern verlieren die pessimistisch gestimmten Marktakteure an Kraft und werden von den Bullen abgelöst. Der nachlassende Verkaufsdruck geht in einen steigenden Kaufdruck über, der die Bären zum Eindecken ihrer Positionen zwingt und den Kaufdruck damit verstärkt.

Harami-Muster und Harami-Cross

Harami-Muster Harami-Cross

Abbildung 6

Die Umkehrung des Engulfing-Pattern ist das Harami-Muster, welches in der Arbeit mit Barcharts dem „Inside Day“ entspricht. Der Unterschied ist natürlich, dass der traditionelle Inside Day die Hochs und Tiefs verwendet, während hingegen beim Harami nur das Open und das Close von Interesse sind, was im Allgemeinen für die japanische Candlestick-Analyse und –Philosophie gilt.

Bei der Kerzenkombination des Harami-Musters befindet sich ein kleiner Kerzenkörper innerhalb eines großen Kerzenkörpers vom Vortag. Hierbei ist es nicht so wichtig, ob der Schatten des kleinen Kerzenkörpers den Schatten des großen Kerzenkörpers vom Vortag nach oben oder unten überragt. Ein Harami-Muster ist von größerer Bedeutung, wenn am Ende eines Abwärtstrends der große Körper schwarz, und der kleine Körper weiß ist. Dieser positive Harami nach einer Abwärtsbewegung ist ein zuverlässiges Kaufsignal. Auch bei diesem Symbol wird deutlich, dass nach dem Tag mit den deutlich fallenden Kursen ein Tag mit wenig Kursveränderung innerhalb der Bandbreite des vorangegangenen Tages zeigt, dass der Markt unentschlossen und möglicherweise bereit zu einer Trendwende ist.

Die Signalwirkung ist generell umso stärker, je kleiner der kleine Kerzenkörper ausfällt. Das Harami-Muster gilt sowohl als Bullen - als auch in umgekehrter Weise als Bärensignal.

Der Harami-Cross ist eine spezielle Art des Harami-Musters. In diesem Fall liegen der Eröffnungskurs und der Schlusskurs des kleinen Kerzenkörpers sehr eng beieinander, es handelt sich dabei um einen sogenannten Doji, zu dem wir später noch kommen werden. Es gilt als Bottom/Top-Umkehrsignal. Die Interpretation ist mit dem Harami identisch. Der Harami Cross besitzt jedoch mehr Glaubwürdigkeit aufgrund der größeren Unentschlossenheit, die sich im Doji widerspiegelt und ist dementsprechend ein noch größeres Indiz für einen bevorstehenden Trendwechsel.

Fortsetzung folgt...

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