Die EZB sieht sich regelmäßig mit Kritik konfrontiert. Die Niedrigzinspolitik ist vielen ein Dorn im Auge. Von den Anleihekäufen muss man gar nicht erst reden. Zuletzt wurde Mario Draghi in den Niederlanden von Parlamentariern gegrillt. Die Befragung war recht aufgeheizt.

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Draghi macht in diesen Situationen das, was er immer macht: er weist darauf hin, dass die Lage einfach noch nicht gut genug ist, um höhere Zinsen zu rechtfertigen. Damit hat er recht, wenn er an die Südländer denkt und liegt völlig daneben, wenn man als Maßstab die Niederlande oder Deutschland hernimmt.

Das ist ein bekanntes Problem. Es gibt ein Nord-Süd-Gefälle und inzwischen auch ein Mittel-West-Gefälle. Es ist nun aber einmal eine Tatsache, dass die EZB die gesamte Eurozone im Blick haben muss und in der Eurozone als Ganzes ist die Lage absolut nicht rosig. Die Situation beginnt sich gerade zu verbessern, doch von großangelegter Entwarnung kann nicht die Rede sein.

Die EZB hat das in ihrem letzten Wirtschaftsbericht ausführlich dargelegt (www.ecb.europa.eu/pub/pdf/ecbu/eb201703.en.pdf?446f6b0c045a109e58670d79f6b69c41  ab Seite 31). Sie beleuchtet dabei das Ausmaß der Unterbeschäftigung in der Eurozone. Obwohl die Arbeitslosenrate, wie sie offiziell ausgewiesen wird, gar nicht mehr so schlecht aussieht, verbirgt sich dahinter noch immer ein großes Defizit.

Die offizielle Arbeitslosenrate liegt bei 9,5 %. Zählt man nun aber noch jene Menschen hinzu, die die Arbeitssuche aufgegeben haben und gerne vollzeitbeschäftigt wären, erhält man Werte, die beim Doppelten liegen. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung betreffen nach Berechnungen der EZB also 18 %. Fast jeder fünfte ist un- oder unterbeschäftigt.

Das sind ziemlich schlimme Zahlen. Sie sind aber in Wirklichkeit wohl noch schlimmer. Das muss man sich selbst ausrechnen, aber die Arbeit lohnt sich. Eurostat veröffentlicht zwar nicht direkt Zahlen zur Unterbeschäftigung, aber man kann sich die Daten leicht herleiten. So wären z.B. gerne 62 % der vorrübergehend Beschäftigten in geordneten Voll- oder Teilzeitstellen. Vorrübergehende Beschäftigung bedeutet meist geringere Bezahlung, geringere Beschäftigung und weniger Zusatzleistungen.

Knapp ein Drittel aller Teilzeitbeschäftigten würden gerne Vollzeitstellen haben, bekommen sie aber nicht – aus welchen Gründen auch immer. Zieht man diese beiden Untergruppen von der Gesamtbeschäftigung ab, ergibt sich Grafik 1. Die blauen Säulen zeigen die „ordentliche“ Beschäftigung. Die orangenen Balken zeigen wie viele Menschen unfreiwillig in Zeitarbeit feststecken und die grauen die unfreiwillige Teilzeitbeschäftigung. Der Anteil der Unterbeschäftigung an der Gesamtbeschäftigung hat sich seit 2004 von 7 % auf 10,5 % deutlich erhöht.

Für eine Entwarnung ist es ohnehin noch zu früh. Erst jetzt sind wieder so viele Menschen beschäftigt wie vor der Krise, allerdings ist die Bevölkerung seitdem gewachsen und mehr Menschen sind unterbeschäftigt. Das führt dann zu einer ganz anderen Arbeitslosenstatistik als die, die man gewohnt ist. Grafik 2 zeigt den Vergleich der offiziellen und der inoffiziellen, die auch die Unterbeschäftigung beinhaltet.


Inoffiziell liegt die Quote nach wie vor bei knapp 19 % und ist immer noch höher als in der Zeit von 2009-2011. Diese Zahlen berücksichtigen noch nicht die entmutigten Menschen, die zwar arbeiten könnten, aber nicht mehr nach Arbeit suchen. Nimmt man hier einfach die Zahlen der EZB, so liegt die Arbeitslosenquote sogar bei 22 %.

Viele Menschen fühlen und erleben, dass etwas nicht stimmt. Das zeigt sich auch an den Wahlurnen. Es ist aber bisher ein unkoordiniertes und nicht so recht bestimmbares Gefühl. Wüsste die Masse wie schlimm die Lage wirklich ist, wer weiß, vielleicht hätten wir dann morgen schon die Revolution. Die Daten lassen sich ja wirklich nur mit einem Wort zusammenfassen: untragbar.

Clemens Schmale

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