Im zweiten Teil der Artikelserie, in der wir uns mit Handelssystemen befassen wollen, fokussieren wir auf weitere Handelssysteme, welche wir innerhalb unseres Systemportfolios zum Einsatz bringen. Im Vorfeld möchte ich jedoch noch auf eine Frage eingehen, die immer wieder in diesem Zusammenhang gestellt wurde und wird und durchaus durchdacht werden sollte, denn sie trifft in gewisser Weise einen nicht unerheblichen Aspekt in dieser Thematik.

    Wir wollen uns der Überlegung annähern, ob der zunehmende Einsatz von Handelsregelwerken in den Märkten zu einer Veränderung der Marktstruktur führen kann und folglich die klassische Herangehensweise bei der Marktbeurteilung (z.B. über die Technische Analyse) vereinfachen oder verkomplizieren wird – vielleicht sogar in Frage stellt.

    Verändert der vermehrte Einsatz von Handelssystemen den Markt?

    Vor etwa 10 Jahren wurde ich bei einer Seminarveranstaltung zu Handelssystemen von einem Teilnehmer gefragt, ob ich mir vorstellen könne, dass die Märkte eines Tages von Modellen dominiert werden und ob sich dann die Prämissen der Technischen Analyse nicht „auflösen“ würden. Ich antwortete ihm, dass ich das für unwahrscheinlich halte, dass die gewaltige Maschinerie der Börse wohl kaum von Computern eingedämmt werden könnte.

    Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher, zumindest nicht mehr im Bezug auf alle Aspekte meiner damaligen Antwort. Fakt ist, dass sich die Märkte verändert haben und dass die veränderte Handschrift wohl eindeutig dem Einsatz von regelbasierten Computermodellen zuzuschreiben ist. Ich meine an dieser Stelle ausdrücklich nicht die schon damals im Einsatz befindlichen und heute perfektionierten automatischen Quote-Maschinen im Bereich der Optionspreisbildung oder der sogenannten „Electronic Eyes“, welche Preisunterschiede zwischen dem derivaten und dem Kassemarkt aufspüren und ausarbitrieren. Und ich meine auch nicht die Maschinen, welche jetzt in den USA die Gemüter erhitzen, nachdem bekannt wurde, dass blitzschnelle, vorgeschaltete Rechner einer an der Börse eingehenden Order vorgreifen, in dem sie die Transaktion eine Millisekunde vorher durchführen, um die Stücke dann unmittelbar danach zu einer kleinen Preisdifferenz gegen die orginäre Order abzurechnen.

    Ich meine Modelle, welche gefüttert werden mit Regelwerken und darauf programmiert sind, blitzschnell maschinenlesbare Nachrichten im Sinne der Programmierer auszuwerten und in Handelstransaktionen umzuwandeln. Haben sie sich noch nie gewundert, dass in dem Augenblick, wo die wichtige Meldung erscheint, bereits gewaltige Transaktionen laufen, bevor Sie als Mensch überhaupt die Meldung lesen und verarbeiten konnten?

    Inwieweit verändern diese Programme den Handel? Immerhin sind diese Maschinen nicht intelligent, immerhin können sie nicht assoziieren. Das haben SIE denen voraus. Aber Sie, lieber Leser / Trader sind langsam und die Maschine ist schnell. Die Maschine rechnet unermüdlich Wahrscheinlichkeiten aus, ähnlich wie Sie, nur um Lichtjahre schneller, genauer, präziser, konsequenter. Und ändert sich ein Parameter, hat ein Regelwerk kein Problem damit, sofort auf die Gegenseite zu wechseln und den Impuls im kurzfristigen intraday-Bereich andersherum zu „reiten“.

    Die Technische Analyse hat ihre Existenzberechtigung darin, dass sie die Emotionen der Marktteilnehmer kategorisiert, auswertet und versucht, diese in Mustern zu erklären. Menschen reagieren nun einmal emotional, sie benötigen ihre Zeit um zu verstehen, dass es nicht mehr fällt, folglich vielleicht steigen könnte. Menschen denken nach und wägen ab.

    Maschinen suchen auch nach diesen Mustern, errechnen potentielle Pivot-Punkte, Reaktionspotentiale, suchen Trends, Widerstände und Unterstützungen, scannen weltweit alle Nachrichtenmedien nach vorprogrammierten Schlüsselwörten ab, auf die bestimmte Aktivitäten auszuführen sind. Doch was sind diese Maschinen nicht? Sie sind nicht emotional. Und damit geht die „Feinzeichnung“ in den Märkten verloren, in denen diese Rechenprogramme bereits eine nicht unerhebliche Umsatzstärke erreichen.

    Wir sind noch weit weg davon, dass wir von einem Prämissenbruch sprechen können, aber dennoch fällt auf, dass bestimmte Entwicklungen schneller, konsequenter, exakter und brachialer erfolgen, als wir das noch vor einigen Jahren sahen, was uns zum Umdenken und zum Anpassen unserer Ansätze zwang.

    Könnte man diese Entwicklung nicht aber auch ausnutzen?

    Was wäre, wenn wir durchschauen würden, nach welchen Regeln die Modelle arbeiten? Könnte man da nicht …. ?

    Ich möchte Ihnen ein Beispiel aus den 90gern erzählen. Ich arbeitete als Market Maker der Deutschen Bank an der damaligen DTB (Deutsche Terminbörse), spätere Eurex und betreute einige DAX Werte, vielmehr deren Optionen. Immer wieder stellten wir fest, dass unsere (noch manuell eingestellten) Preisstellungen hauchdünn von einem besseren Preis überlagert wurden. Zogen wir unseren Preis vor (stellten wir uns vor den fremden Kurs), setzte sich dieser sofort wieder vor uns gingen wir zurück, folgte der fremde Preis auch zurück. Die Geschwindigkeit und Präzision, mit dem diese Anpassung durchgeführt wurde, ließ rasch auf ein automatisches System schließen, welches immer den besten Preis bildete. Nachdem wir das erkannt hatten, konnte man mitunter die fremde Maschine austricksen, in dem man seinen eigenen Preis ganz langsam, Punkt für Punkt vorzog, so dass der fremde Computer folgte, bis der fremde Preis selbst für uns so attraktiv wurde, dass wir darauf handelten und unsere Preisspanne rasch wieder zurücksetzten, um nicht von anderen im Markt abgefischt zu werden. Lange ging es nicht so weiter, der Fehler wurde wohl bald erkannt und korrigiert.

    Auf was will ich hinweisen? Wenn das fremde Regelwerk durchschaut wird, kann es profitabel zu eigenem Nutzen ausgenutzt werden. Doch ist das heute kaum noch realistisch. Mittlerweile sind so viele verschiedene Modelle im Markt unterwegs, die zudem um Längen komplexer arbeiten als das damalige Pricing-Modell der Konkurrenz, dass es unrealistisch ist, annehmen zu wollen, hier einen Vorteil zu Lasten einer Maschine erzielen zu können.

    Was wir aber können ist, uns an die Reaktionsmuster anzupassen. Wir erkennen, wann Orders maschinell oder manuell ausgeführt werden und darauf können wir reagieren. Und wir können besonders im Intraday-Bereich in engen Zeitfenstern eine höhere Muster- und Markentreue erwarten, als das früher der Fall war. Also gilt es heute mehr denn je, Marken im Markt zu kennen (besonders errechnenbare Marken) und zu versuchen innerhalb dieser auf exakte und schnelle, aber intellektuell stumpfe Ausführungen von Computern zu setzen und daran zu partizipieren.

    Die Technische Analyse ist folglich nicht am Ende, der Fokus muss sich nur neu schärfen. Und in diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen noch etwas ans Herz legen, gerade weil es um die Kenntnis der Modelle um die Regeln der Technischen Analyseansätze geht: die Maschinen kennen die Regeln, aber Sie, verehrter Leser / Trader, können diese Regeln interpretieren, modifiziert anwenden und Sie können mitdenken und können damit Ihre Chancen wieder erhöhen, sich etwas von dem Kuchen abzuschneiden. Doch wie hatte das heute im Stream ein Leser ausgedrückt? „So langsam wird mir klar, wo eine der entscheidenden Ursachen für die Dazugehörigkeit zu den 5% Gewinnern und den 95% Verlierern zu suchen ist – im „Halbwissen“. Halbwissen auch noch anwenden heißt eben „verlieren“.“ Das ist ein wahrer Satz. Wir können nur modifizieren, wenn wir das Wissen dafür haben.

    Long bei Eröffnung unter Vortagestief

    In unserem Teil 1 stellten wir ein schlichtes, aber profitables Modell vor, welches eine Short-Position aufbaut, wenn die Eröffnung des Handels oberhalb des Vortageshochs im FDAX erfolgt. Das jetzt folgende System arbeitet nach dem gleichen Prinzip, nur mit umgekehrtem Vorzeichen:

    (1) Eröffnet der FDAX unterhalb des Vortagestiefs, wird dieses zum Long-Trigger. Auch hier ist es völlig irrelevant, ob die Eröffnung knapp oder weit unterhalb des Vortagestiefs erfolgt, allein diese Bedingung macht das System „scharf“.

    (2) Wird der Trigger von unten kommend ausgelöst, geht das System long. Das Kurs-Ziel liegt auch hier bei 30 Punkten über Einstand, der Stopp-Kurs wird 25 Punkte unter Einstand platziert. Wird weder Stopp- noch Ziel-Kurs erreicht, schließen wir auch hier die Position zum Schlusskurs.

    (3) Wir fahren zwei Modelle: einmal mit Richtungsfilter (10 Tage-gleitender Durchschnitt ist long ausgerichtet), einmal ohne jeglichen Filter. Beide Modelle laufen nebenher. Das heißt: In Trendrichtung (Aufwärtstrend) sind wir mit zwei Modellen gleichzeitig im Markt, in der Abwärtsbewegung (Abwärtstrend) sind wir nur mit einem Modell dieser Sorte im Markt.

    Wie das gestern vorgestellte Modell, läuft auch dieses bereits seit etwa 15 Jahren im Live-Betrieb.

    Das RINA Protokoll weist uns für das „filterlose Modell“ für die letzten vier Jahre 73 Trades aus, mit einer Trefferquote von 68,49 Prozent. Der Profit-Faktor liegt bei 2,37774.

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    Wenn Sie diese Ertragskurve dem gleichgearteten Short-System gegenüberstellen, sehen Sie, dass der Verlauf fast ebenso reaktionsarm ist, wie im gestrigen Modell. Somit es eine hervorragende Beimischung für unser Systemportfolio.

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    Im gestrigen Artikel haben wir auf die „Unfeinheiten“ hingewiesen, welche bei der Auswertung der Handelsaktivitäten auftreten. Diese Ausführungen gelten auch hier.

    Es ist dennoch zu beachten: bisherige Ergebnisse sind keine Garantie, dass das so immer weiter geht. Und selbst wenn es so weiter gehen würde, bei einer Trefferquote von rund 70 Prozent heißt dass, dass 3 von 10 Trades in die Hose gehen!!

    Zwei-Tagesmuster Long

    In diesem Modell orientieren wir uns an den letzten beiden vorangegangenen Handelstagen. Hier müssen die beiden vorangegangenen Tageskerzen in folgendem Verhältnis zueinander stehen:

    (a) Das „gestrige“ Tageshoch muss unter dem Hoch des Vortages (vorgestern) liegen, das „gestrige“ Tagestief muss unter dem Tief des Vortages (vorgestern) liegen.

    (b) Eröffnet der FDAX unterhalb des Hochs von „vorgestern“, wird dieses Hoch zum Long-Trigger. Wird der Trigger von unten kommend nach oben hin überwunden, gehen wir Long.

    (c) Das Kurs-Ziel wird auch hier mit 30 Punkten über Einstand platziert und der Stopp-Kurs liegt 25 Punkte unter Einstand. Wird bis zum Handelsende hin die Position nicht durch Erreichen von Stopp oder Ziel aus dem Markt geholt, schließen wir diese zum Schlusskurs.

    In den letzten vier Jahren wurden unter diesen Bedingungen 68 Trades eingegangen. Die Trefferquote liegt hier bisher bei 60,29 Prozent mit einem Profit Faktor von 1,76992. Da dieses Modell deutlich instabiler ist, als die beiden vorangegangenen Modelle, wird dieses mit einer kleineren Positionsgröße gehandelt. Es ist als Portfoliobeimischung jedoch ein gutes System.

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    In unserem dritten Teil der Artikelserie zum Thema Handelssysteme, wird es philosophisch werden. Wir wollen dann einmal die Frage des Zufalls in einem Regelwerk betrachten und unseren Umgang mit diesem im Wertpapierhandel betrachten. Darüber hinaus werden weitere Modelle vorgestellt.