"In letzter Zeit deuten einige Indikatoren darauf hin, dass die europäische Wirtschaft aus dem Gröbsten heraus ist und sich auf einen robusteren Aufschwung zubewegt. So liegt die europäische Inflation zwar noch deutlich unter dem Zielwert der EZB, der nahe, aber unter 2 % liegt. Dennoch: Die jährliche Inflationsrate hat sich immerhin von 0,7 % im Oktober 2019 auf 1,4 % im Januar 2020 verdoppelt. Sogar der PMI für das verarbeitende Gewerbe der Eurozone scheint im September 2019 die Talsohle erreicht zu haben und befindet sich in einem leichten Aufwärtstrend. Die Stimmung unter Marktteilnehmern hat sich ebenfalls deutlich verbessert.

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Aber hat Europa wirklich die Wende geschafft? Es ist viel zu früh für eine Entwarnung, denke ich. Das Wirtschaftswachstum bleibt fragil. Tatsächlich ist das 4. Quartal 2019 mit nur 0,1 % realem BIP-Wachstum das schwächste Quartal in der Eurozone seit dem 1. Quartal 2013. Die Volkswirtschaften Frankreichs (-0,1 %) und Italiens (-0,3 %) schrumpften regelrecht. Und in Deutschland steigen die Rezessionsrisiken wieder deutlich. Im Jahresvergleich ist die deutsche Industrieproduktion im Dezember 2019 um 6,8 % gesunken, der stärkste Rückgang seit der globalen Finanzkrise. Es kann also durchaus sein, dass sich die Lage in Europa erst einmal verschlechtert, bevor sie besser wird.

Darüber hinaus gibt es mehrere Risikofaktoren, die die Aussichten für den Euroraum weiter eintrüben könnten.

  1. Coronavirus: Es ist natürlich noch zu früh, das volle Ausmaß auf die globale Wachstumsdynamik vorherzusagen. Sollte sich die Situation jedoch verschlechtern, würde das europäische BIP-Wachstum mit Sicherheit leiden. Die chinesische Nachfrage nach europäischen Produkten könnte ins Stocken geraten und globale Lieferketten unterbrochen werden. Die globale Risikobereitschaft könnte sich massiv verringern und sogar gemäß FED eine Notlage auslösen.
  2. Handelskriege: Obwohl sowohl die USA als auch China einen konstruktiveren Ton angeschlagen haben, besteht weiterhin das Risiko einer Verschlechterung oder eines Gesprächsabbruchs. Außerdem kann die Trump-Administration ihren Fokus schnell nach Europa verlagern. Immerhin ist Wahljahr in den USA, und protektionistische Maßnahmen sind eine beliebte Politik.
  3. Brexit: Nach dem Brexit Ende Januar hat nun die elfmonatige Übergangsperiode begonnen. Die Uhr tickt. Falls keine Verlängerung folgt, bleibt nur sehr wenig Zeit, um ein umfassendes Handelsabkommen zu schließen. Das Risiko besteht, dass ab dem 1. Januar 2021 der Handel zu WTO-Bedingungen abgewickelt werden wird, was Lieferketten unterbrechen und die Wirtschaftstätigkeit dämpfen könnte.
  4. Italien: Die italienische Nationalregierung steht trotz der knappen Niederlage von Salvinis Lega bei den Regionalwahlen in der Emilia Romagna weiterhin unter Druck. Ein Zusammenbruch der italienischen Regierung würde Schockwellen durch die europäischen Märkte senden und die ohnehin schon angeschlagene italienische Wirtschaft schwer belasten.

Zusammenfassend finde ich deshalb die aktuellen Bewertungen der europäischen Risikowerte erstaunlich. Auf dem derzeitigen Niveau gibt es kaum noch Spielraum für Fehler. Über schwache Wachstumsdaten und politische Risiken in Europa wird zu wenig gesprochen. Mein Eindruck ist, dass die Selbstzufriedenheit der Marktteilnehmer überwiegt. Sicher, es gibt reichlich Unterstützung von den Zentralbanken. Ich glaube aber, dass eine eher vorsichtige Haltung gegenüber europäischen Risikoaktiva gerechtfertigt ist. Die Verringerung des Marktrisikos und das Investment in höhere Kreditqualitäten erscheinen mir aktuell sinnvolle Maßnahmen zu sein.“