Nicht jeder Notenbanker wird jahrzehntelang wie Draghi mit drei Worten in Erinnerung bleiben. Bei manchen ist es etwas komplizierter. Beim Vorgänger von Mario Draghi, Jean-Claude Trichet, war die Amtsdauer unauffällig. Erst nach der Finanzkrise kam es zu einem folgenreichen Fehltritt. Die Zinsen wurden 2011 angehoben, mitten in der beginnenden Schuldenkrise. Im Nachhinein ist man natürlich immer klüger. Generell lassen sich die meisten geschichtsträchtigen Entscheidungen erst mit einer zeitlichen Verzögerung richtig einordnen. Ben Bernanke etwa war schon vor seiner Amtszeit als Fed-Chef als „Helikopter-Ben“ bekannt. Er war der Auffassung, dass man Deflation mit der Geldmenge immer entgegenwirken kann, notfalls, wenn man es aus dem Helikopter wirft und unter die Leute bringt. Erst knapp zehn Jahre nachdem der Spitzname entstand, wusste die Welt, wofür der Spitzname wirklich stand. Jerome Powell hat bisher nicht alles richtig gemacht. Unter seiner Führung erhöhte die Fed das Tempo der Zinsanhebungen mitten in einer Wachstumsverlangsamung. Ebenso schätzte die Fed die Reservesituation der Banken falsch ein, was bereits im Spätsommer 2019 zu einer Neuauflage von Wertpapierkäufen führte. Das ist jedoch nicht das, womit Powell in Erinnerung bleiben wird...

Vielmehr könnte es eine Einschätzung in seiner Rede beim Notenbankertreffen in Jackson Hole sein. Dort kam Powell zum Schluss, dass es einfach keine Hinweise auf eine Lohn-Preis-Spirale gibt. Ohne diese Spirale aus steigenden Löhnen, die die Nachfrage anfachen und so zu steigenden Preisen führen, die wiederum durch höhere Löhne kompensiert werden, die die Nachfrage weiter steigern usw. wird es keine nachhaltige Inflation geben, so Powell.

Nachhaltige Inflation gibt es auch ohne Lohn-Preis-Spirale. Die Ansätze davon sehen wird. Das Angebot ist derzeit knapp (Lieferkettenproblemen). Diese Probleme hätten spätestens Mitte 2021 gelöst sein sollen. Inzwischen geht niemand mehr davon aus, dass es vor Sommer 2022 wird.

Interessanter als diese Fehleinschätzung ist nur das Thema Lohn-Preis-Spirale. Die Löhne in praktisch allen Branchen steigen in den USA deutlich über den Vorkrisentrend (Grafik 1). Das gilt für den Niedriglohnsektor ganz besonders (Grafik 2). Im Freizeit und Gasgewerbe werden notorisch niedrige Löhne gezahlt. Seit Krisenbeginn vor nicht einmal 18 Monaten sind die Stundenlöhne dort nun um 12 % gestiegen.

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Nicht überall steigen die Löhne so schnell, doch auch der Einzelhandel muss sich mit einem Anstieg von 10 % nicht verstecken. Selbst Dienstleistungen, von denen immer noch weniger konsumiert wird als vor der Krise, zeigen Lohnsteigerungen von 10 %. Wie man da behaupten kann, dass es überhaupt keine Anzeichen einer solchen Spirale gibt, ist mir rätselhaft.

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Ob Powell mit dieser Fehleinschätzung in die Geschichtsbücher eingeht, bleibt abzuwarten. Noch ist es zu früh, ein abschließendes Urteil zu fällen. Lohn-Preis-Spiralen entstehen nicht über Nacht. Es braucht mehr als eine Lohnrunde, um das wirklich beurteilen zu können. Der Lohn- und Inflationstrend zeigt jedoch erste Ansätze einer Beschleunigung (Grafik 3).

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Leider wissen wir erst in einem Jahr, ob es wirklich zu einer Lohn-Preis-Spirale kommen wird. Solange hat Powell noch die Chance, mit etwas anderem in die Geschichtsbücher einzugehen.

Clemens Schmale


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