Paris (Godmode-Trader.de) - Die Welt hat aus Sicht der Internationalen Energieagentur (IEA), nur die eine Wahl: Entweder sie stoppt unmittelbar die Erschließung neuer Öl-, Gas- und Kohlevorkommen, oder sie muss mit einem gefährlichen Anstieg der globalen Temperaturen rechnen.

Das ist die „kühne Einschätzung der IEA“, der Organisation, die sich seit vier Jahrzehnten für die Sicherung der Ölversorgung der Industrienationen einsetzt, wie es die Finanzagentur Bloomberg formuliert. Doch in der Tat ist diese Empfehlung für eine der Ölbranche durchaus nahestehende Organisation bemerkenswert. Noch vor wenigen Jahren haben die IEA-Fachleute auf höhere Investitionen in neue Öl- und Gasfelder gedrungen, weil ansonsten Versorgungsengpässe drohten.

In ihrem neuen Fahrplan beschreibt die IEA, wie die Welt bis zur Mitte des Jahrhunderts die Emissionen an klimaschädlichem CO2 netto auf Null senken könnte. Dabei legt die IEA in drastischen Worten dar, was die Welt tun muss, um den Klimawandel mit all seinen schädlichen Auswirkungen zu vermeiden - und wie weit das von der derzeitigen Realität entfernt ist. Das Papier dient als Vorbereitung auf die Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen im November im schottischen Glasgow.

Die Eindämmung des Temperaturanstiegs auf der Erde sei „die vielleicht größte Herausforderung, der die Menschheit jemals gegenüberstand“, sagt IEA-Generaldirektor Fatih Birol laut Bericht. Es gebe einen „tragfähigen Pfad“ hin zu einem klimaneutralen globalen Energiesektor. Allerdings sei dieser „schmal“ und er erfordere „eine noch nie dagewesene Transformation“. Statt in neue Öl- und Gasfelder müsse die Welt viel mehr Geld in erneuerbare Energien und Innovationen für den Klimaschutz investieren.

Die jährliche Steigerung der Energieeffizienz muss in den nächsten zehn Jahren demnach um das Dreifache zulegen. Die Neu-Installationen von Photovoltaik-Anlagen müssten mit der Größe des aktuell größten Solarparks der Welt konkurrieren - allerdings jeden einzelnen Tag bis 2030. Innerhalb von drei Jahrzehnten müsste sich die Rolle der fossilen Brennstoffe komplett umkehren -- von heute 80 Prozent des globalen Energiebedarfs auf nur noch ein Fünftel bis Mitte des Jahrhunderts. „Unsere Roadmap zeigt die vorrangigen Maßnahmen, die heute notwendig sind, um sicherzustellen, dass die Chance auf Netto-Null-Emissionen bis 2050 nicht verloren geht", sagte Birol.

Der Verkauf von Neuwagen mit Verbrennungsmotoren müsse bis 2035 eingestellt werden, wobei der Marktanteil von Elektrofahrzeugen von heute 5 Prozent der globalen Flotte bis 2030 auf 60 Prozent ansteigen müsste, fordert die IEA weiter. Die Ölnachfrage sollte auf 24 Mio. Barrel pro Tag im Jahr 2050 sinken und nie wieder das Niveau von fast 100 Mio. Barrel von vor zwei Jahren überschreiten.

Die IEA-Fachleute erwarten, dass die rückläufige Nachfrage zu einem drastischen Rückgang der Ölpreise führt. Bis 2030 sei mit einem Preis von nur noch 35 Dollar je Barrel zu rechnen. „Der Rückgang der Öl- und Gasnachfrage wird weitreichende Folgen für alle Länder und Unternehmen haben, die diese Brennstoffe liefern“, so die IEA. Viele Anlagen zur Förderung von Öl und Gas dürften sich als Fehlinvestitionen erweisen und für die Geldgeber zum Verlustgeschäft werden. Bereits 2020 hätten führende Ölkonzerne wie Shell und BP milliardenschwere Wertberichtigungen auf Öl- und Gasfelder vorgenommen.

Die Reduzierung der Emissionen auf Netto-Null - also die Schwelle, an der die Treibhausgase so schnell aus der Atmosphäre entfernt werden, wie neue hinzukommen - wird als entscheidend angesehen, um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf nicht mehr als 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.