Die Kapitalflucht aus den Schwellenländern hat vorläufig einen neuen Höhepunkt erreicht: Die indische Rupie ist am Dienstag auf ein neues Rekordtief gegenüber US-Dollar und Euro gefallen. Indiens Wirtschaft hat mit hausgemachten Problemen zu kämpfen, leidet gleichzeitig aber auch unter der Kapitalflucht aus den Schwellenländern insgesamt.

    Erst Mitte Juli hatte die indische Notenbank (Reserve Bank of India) dem Bankensystem des Landes Liquidität entzogen, um so den Kauf von Dollars mit geborgten Rupien einzudämmen. Zahlreiche indische Banken sowie Privatpersonen hatten offenbar auf eine weitere Abwertung der Landeswährung gesetzt und damit den Einbruch weiter angeheizt.

    In den vergangenen Monaten haben allem die Sorgen vor einer Reduzierung der Anleihekäufe durch die US-Notenbank zu einer Kapitalflucht aus den Schwellenländern geführt. Die Geldpolitik in den USA und Europa hat nämlich großen Einfluss auf die weltweiten Kapitalströme. Viele Finanzinvestoren im Westen hatten mit billigem Geld der Notenbanken im großen Stil in den schnell wachsenden Schwellenländern investiert. Es besteht durchaus die Gefahr, dass hier eine Blase erzeugt wurde, die jetzt platzen könnte.

    Am Dienstag wurde bekanntgegeben, dass Raghuram Rajan neuer Präsident der indischen Notenbank wird. Der Volkswirt war früher in einer leitenden Position beim Internationalen Währungsfonds tätig und gilt als Pragmatiker. Es wird erwartet, dass die Reserve Bank of India weitere Schritte ergreifen wird, um einen weiteren Verfall der Rupie zu verhindern.

    Die Geschichte zeigt allerdings, dass es Notenbanken in der Regel schwer haben, die Abwertung der eigenen Währung zu verhindern, wenn Finanzinvestoren darauf spekulieren, dass eben das geschehen wird. Das ist nicht nur eine Lehre aus der Asien-Krise, sondern auch aus der gelungenen Spekulation von George Soros und anderen gegen das britische Pfund im Jahr 1992. Obwohl die Bank of England sowie anderen Notenbanken aus Europa wie die Bundesbank mit Milliardenbeträgen pro Stunde das Pfund stützten, konnte eine Abwertung nicht verhindert werden. Großbritannien musste den europäischen Exchange Rate Mechanism (ERM), der den Wechselkurs von europäischen Währungen im Vergleich zur D-Mark in gewissen Grenzen festlegte, verlassen. Soros verdiente rund eine Milliarde Dollar mit seinen Geschäften und gilt seitdem als "The Man WhoBroke the Bank of England".

    Sollten Finanzinvestoren vom Kaliber eines George Soros es jetzt auf Währungen wie die indische Rupie abgesehen haben, dürften die dortigen Notenbanken dem wenig entgegenzusetzen haben. Auch für Privatanleger könnte es sich vielleicht lohnen, auf diesen Zug aufzuspringen. Problematisch ist allerdings, dass das Angebot an passenden Produkten recht eingeschränkt ist.

    Oliver Baron