Der jüngste Einbruch am US-Aktienmarkt war offenbar das Ergebnis einer gezielten Marktmanipulation. Dies behauptet ein anonymer Insider, der seine Vorwürfe über eine Anwaltskanzlei öffentlich gemacht hat und den US-Finanzaufsichtsbehörden SEC und CFTC seine Mithilfe bei der Aufklärung der Vorgänge anbietet.

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Nach Angaben der Anwaltskanzlei hat der Whistleblower mehrere Positionen im hohen Management bei mehreren der größten Investmentfirmen der Welt inne gehabt. Um seine Karriere zu schützen, will der Whistleblower seine Identität nicht öffentlich machen.

Wie bereits bekannt war, ging der Crash am Aktienmarkt mit einem dramatischen Anstieg der Volatilität einher. Mehrere börsengehandelte Indexprodukte (ETPs), mit denen auch Privatanleger Short-Positionen in Volatilitätsfutures einnehmen können, mussten in der Folge liqudiert werden.

Der Insider behauptet nun, dass der sogenannte VIX, der ein Maß für die implizite Volatilität im US-Aktienindex S&P 500 darstellt, gezielt manipuliert werden kann und computerbasierte Algo-Trader in der Vergangenheit bereits mehrere Milliarden Dollar auf diese Weise aus dem Markt gezogen haben. Jeden Monat würden die Manipulateure durch die VIX-Manipulation mehrere hundert Millionen Dollar erbeuten, heißt es im Schreiben der Anwaltskanzlei an die Chefs von verschiedenen US-Aufsichtsbehörden.

Um die vom Whistleblower unterstellte Manipulation zu verstehen, muss man zunächst eine Unterscheidung zwischen dem VIX an sich und Futures treffen, die auf dem VIX basieren. Der VIX selbst ist eine rechnerische Größe, der sich aus den Kursen bestimmter Optionen auf den S&P 500 ergibt. Der VIX selbst kann nicht gehandelt werden. Die Kursentwicklung der Futures auf den VIX orientiert sich allerdings am VIX, da die Future-Kontrakte nach Fälligkeit auf Basis des VIX abgerechnet werden.

Wie der Insider nun behauptet, kann der VIX gezielt manipuliert werden, indem Kauf- und Verkaufsangebote für weit aus dem Geld notierende Optionen auf den S&P 500 gestellt werden. Dabei muss es überhaupt nicht zu realen Transaktionen in diesen Indexoptionen kommen, denn der VIX wird einfach aus dem Mittelkurs der angebotenen Kauf- und Verkaufskurse berechnet, auch wenn diese überhaupt nie in Transaktionen ausgeführt werden. In vielen der weit aus dem Geld notierenden Indexoptionen findet in der Regel keiner oder nur ein sehr geringer Handel statt. Werden hier plötzlich Aufträge mit sehr hohen Volumina erstellt, kann dies innerhalb kurzer Zeit zu drastischen Bewegungen beim VIX führen, behauptet der Whistleblower.

Indem Hochfrequenzhändler nun gezielt Kauf- oder Verkaufsangebote für weit aus dem Geld notierende Optionen auf den S&P 500 erstellen, können sie nach Angaben des Whistleblowers gezielte Kursveränderungen beim VIX herbeiführen. Dabei müssen sie nicht einmal Geld risikieren, da die erstellten Aufträge überhaupt nicht zur Ausführung gelangen. Sorgen die Manipulateure für einen Anstieg beim VIX, so führt dies ebenfalls zu einem Kursanstieg bei den VIX-Futures, die im Gegensatz zum VIX real handelbare Finanzinstrumente sind. Die börsengehandelten Indexprodukte, mit denen auch Privatanleger auf bestimmte Entwicklungen der Volatilität spekulieren können, investieren in diese VIX-Futures. Jeden Abend müssen dabei die Manager dieser Indexprodukte ein Rebalancing vornehmen, um starke Kursveränderungen auszugleichen. Bei einem starken Anstieg der VIX-Futures müssen dabei die Manager von VIX-Short-Produkten einen Teil ihrer Shortpositionen auf den VIX glattstellen.

Nach Angaben des Whistleblowers führt die Manipulation der Kauf- und Verkaufsangebote bei S&P-500-Optionen zu einer Art Kettenreaktion, bei der zunächst der VIX in eine bestimmte Richtung gelenkt wird, wodurch sich auch die Kurse der VIX-Futures verändern, was wiederum zu einem drastischen Rebalancing bei börsengehandelten Indexprodukten führte, mit denen auch "normale" Anleger auf die Volatilitätsentwicklung spekulieren können. In einem weiteren Schritt kann der Anstieg der Volatilität dann auch zu einem Sell-off am Aktienmarkt führen, da ein plötzlicher Vola-Anstieg von Händlern am Aktienmarkt in der Regel mit krisenhaften Entwicklungen in Verbindung gebracht wird. Die tatsächlich eintretenden Kursverluste können dann wiederum zu einem Anstieg der impliziten Volatilität führen, wodurch der VIX-Anstieg sich indirekt selbst verstärkt.

Das Schreiben der Anwaltskanzlei, mit der sie die Anschuldungen des Whistleblowers bekannt gemacht hat, können Sie hier nachlesen.