Die steigenden Zahlen konnte man bis letzte Woche noch mit einer gewissen Gelassenheit zur Kenntnis nehmen. In einigen Ländern wurden zwar so viele Neuinfektionen an einem Tag gemeldet wie noch nie, allerdings wurde auch mehr getestet als im April. Relevanter als die absoluten Zahlen ist der Anteil an Tests, der positiv ausfällt. Im Frühjahr fielen je nach Land 10 % bis 35 % aller durchgeführten Tests positiv aus. Vor zwei Wochen waren Tschechien und die Niederlande mit 14 % und 11 % Spitzenreiter in Europa. In den meisten anderen europäischen Ländern lag die Rate bei deutlich weniger als 5 %. Das war einmal. Immer mehr Länder haben zweistellige Positivitätsraten. Eine Eindämmung ohne Lockdown wird da immer unwahrscheinlicher, zumal die meisten Regierungen die Maßnahmen erst jetzt verschärfen und etwaige positive Effekte erst in zwei Wochen sichtbar werden. Um die Kette zu brechen sind Lockdowns eigentlich nicht zu vermeiden. Die Frage ist nur, ob sie kommen. Für Regierungen ist es eine schwere Entscheidung. Generell ist die Akzeptanz für die Maßnahmen gegeben. Sie schwindet aber und das, obwohl die Maßnahmen noch lange kein Lockdown sind.


Immer mehr Menschen verlieren die Geduld und haben Angst um ihre Existenz. Verschärfte Maßnahmen bedeuten für viele kleine Unternehmen weniger Umsatz. Die Existenz ist akut gefährdet. Da helfen auch neue Finanzhilfen der Regierung nur wenig.

Es wird sich zeigen, ob Restaurants viele Kunden anziehen, wenn man sein Schnitzel unterm Heizstrahler im Zelt essen muss. Es ist fraglich, dass die Nachfrage unter den zu befürchtenden Bedingungen reicht, um die Wintermonate profitabel arbeiten zu können.

Regierungen können die Infektionszahlen nicht ignorieren. Das Gesundheitssystem kann nicht unbegrenzt viele Personen aufnehmen. Eigentlich hilft nur ein Lockdown, aber aus wirtschaftlicher Sicht ist das kaum machbar. Die erste Welle wurde nur mit enormen Hilfen gerade so überstanden. Ein zweiter Lockdown würde irreparable Schäden hervorrufen.

Ein Lockdown hilft auch nicht, wenn sich weniger Menschen daran beteiligen. Die Akzeptanz bröckelt ja weiterhin. In Ländern wie Israel und Australien gab es weitere Lockdowns. Ausschließen kann man sie also nicht. Wird der Druck durch die Fallzahlen zu groß, wird vermutlich auch in Europa irgendwann die Notbremse gezogen.

Es ist nicht absehbar, wie sich Regierungen entscheiden werden. Es scheint nur schlechte Alternativen zu geben. Für Anleger ist die Kernfrage aber tatsächlich sehr einfach. Kommt ein neuerlicher Lockdown gibt es Korrekturbedarf. Bisher hat der Markt auf die Gefahr nicht reagiert. Man kann sich nicht vorstellen, dass trotz mangelnder Akzeptanz ein Lockdown kommt. Was die Börse aber am meisten bewegt, sind unerwartete Entwicklungen. Anleger sollten sich gedanklich darauf vorbereiten.

Clemens Schmale


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