Was jahrelang richtig war, das kann doch nicht plötzlich falsch sein! Nach diesem Motto handeln die Menschen immer wieder – und immer wieder fallen sie damit auf die Nase. Weil sie auf den Staat und seine Versprechungen vertraut hatten, haben die Menschen in Deutschland mehrfach ihr gesamtes Vermögen verloren. In naher Zukunft könnte uns das nächste Ereignis dieser Art ins Haus stehen.

Blättern wir ein wenig in der Geschichte und blicken gut 100 Jahre zurück: So ein Krieg kostet ganz schön Geld (ganz ähnlich übrigens wie eine Finanzkrise...) In Deutschland wurden deshalb zwischen 1914 und 1918 neun Kriegsanleihen aufgelegt, die 98 Milliarden Reichsmark in die Kassen der Regierung spülten und etwa 60 Prozent der deutschen Kriegskosten deckten. Natürlich hatte man das Ganze im Vorfeld mit der entsprechenden Propaganda unterlegt. Ein guter Patriot war nur, wer diese Kriegsanleihen zeichnete. Müßig zu erwähnen, dass das Geld futsch war, weil die Anleihen nach Kriegsende nicht zurück gezahlt wurden.

Weil Deutschland nach 1918 für die angerichteten Schäden bezahlen musste, brauchte der Staat erneut Geld (ganz ähnlich übrigens wie in einer Finanzkrise...). Und man holte es sich: Um den Reparationsforderungen, insbesondere unter dem Druck Frankreichs nachzukommen, legte die Regierung unter Reichspräsident Friedrich Ebert im Jahr 1922 eine Zwangsanleihe auf, die in Wahrheit eine Vermögenssteuerabgabe war.

Dann folgte die Währungsreform. Nach Einführung der Rentenmark im November 1923 entsprach eine Billion Papiermark einer neuen Rentenmark. Die Schuldverschreibungen der Zwangsanleihe waren nach dieser Währungsumrechnung nur noch Bruchteile von Pfennigen wert. Von der Ablösung öffentlicher Anleihen im Jahr 1925 wurde die Zwangsanleihe deshalb aufgrund der Geringfügigkeit ihres Wertes gesetzlich ausgeschlossen. Wieder war das Geld der Menschen weg.

In der Zeit des Nationalsozialismus sah das Regime dann listig davon ab, nationale Kriegsanleihen überhaupt noch aufzulegen. Man wusste natürlich, dass die Menschen dieses Spielchen nicht noch ein drittes Mal mitmachen würden. Man erfand stattdessen etwas anderes, um den Bürgern das Fell über die Ohren zu ziehen:

Kurzfristig fällige Sparguthaben wurden ohne Wissen und Einverständnis der Sparer mit Hilfe der Banken beliehen, die so zu Kreditsammelstellen des Staates wurden und die Gelder langfristig bei ihm anlegten. Der Trick beruhte darauf, dass die Bürger ihre Ersparnisse zur Bank brachten und die Kreditinstitute dieses Geld gegen die Hereinnahme von Schatzwechseln an den Finanzminister weiterreichten. Die „geräuschlose“ Umwandlung von Sparguthaben und Rentenversicherungsrücklagen in langfristige staatliche Schuldpapiere wurde ergänzt durch das „Eiserne Sparen“ und flankiert von Lohn- und Preiskontrollen. Wieder hatte der Staat dringend Geld gebraucht und es sich mit allerlei Tricks beschafft (ganz ähnlich übrigens wie in einer Finanzkrise...).

Das Frappierende ist aber: Als auch dieses kunstvolle Gebäude eingestürzt war und die Menschen erneut vor dem Nichts standen, da traute dem Staat niemand mehr über den Weg. Staatsanleihen wurden deshalb nach 1923 und 1948 zunächst gemieden. Ist doch klar, ist man versucht zu sagen. Schließlich waren die Menschen mehrfach um ihr Erspartes gebacht worden. Was die Leute nicht sahen: Nachdem sich der Staat seiner Schulden entledigt hatte, war er wieder ein guter und solider Schuldner. Staatsanleihen wären also eine gute Anlage gewesen. Gerade 1924 waren die Zinsen ungewöhnlich hoch...

Heute ist es genau umgekehrt: Weil die Menschen gelernt haben, dass Festgeld und Staatsanleihen über Jahrzehnte eine solide und sichere Geldanlage waren, kann sich kaum jemand vorstellen, dass dies auch einmal ganz anders sein könnte. Deshalb kaufen die Anleger griechische oder auch spanische, britische oder US-amerikanische Staatspapiere.

Aber nicht alle: Vor einigen Monaten hat sich eine der größte Schweizer Privatbanken, die Bank Sarasin, aus britischen und amerikanischen Staatspapieren zurückgezogen. Das tut man dort freilich nicht, weil man den Beschwörungen von Politikern und Medien glaubt, wonach Staatspleiten ausgeschlossen sind.

Erst in dieser Woche hatten sowohl die griechische Regierung als auch die Europäische Zentralbank gesagt, ein Staatsbankrott des Landes sei kein Thema. Natürlich ist er ein Thema, ein einziger Blick auf die folgende Grafik genügt. Die Zinsen, die Athen für seine Schuldpapiere bieten muss, explodieren förmlich:

Das alleine wäre eventuell noch zu verkraften, wenn die griechische Konjunktur brummen würde. Das tut sie aber nicht: Im Februar ist die Industrieproduktion im Jahresvergleich um mehr als neun Prozent eingebrochen. Auch die griechische Binnennachfrage hat erheblich nachgelassen. Vor diesem Hintergrund sind steigende Zinsen Gift.

Die Worte der griechischen Regierung und der EZB sind deshalb reine Beschwichtigungsformeln, denn selbstverständlich können Staaten in die Pleite rutschen, wenn nur das Umfeld „stimmt“. Eine Studie des Internationalen Währungsfonds IWF zählt zwischen 1824 und 2004 257 Beispiele auf.

Bekannte jüngere Fälle sind Russland 1998 und Argentinien 2001. Die Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart haben kürzlich in einer umfassenden Studie festgestellt, dass auf Finanzkrisen immer mehrere Staatsbankrotte gefolgt sind. „Griechenland wird diesmal nur den Auftakt machen“, sagte Rogoff, früherer Chefökonom des IWF, kürzlich dem britischen Telegraph.

Doch die meisten Menschen scheint das nicht zu kümmern. Das ist im Übrigen immer so, und zwar nicht nur an der Börse: Die Menschen schreiben die jüngste Entwicklung so lange in die Zukunft fort, bis es eben schief geht und das genaue Gegenteil von dem passiert, was alle erwarten. Im Ergebnis bedeutet das, dass die Menschen bei den wichtigen Wendepunkten an den Finanzmärkten (und nicht nur dort) immer auf der falschen Seite stehen – und zwar fast alle.

Worauf ich eigentlich hinaus möchte: Die Vergangenheit zeigt immer wieder, dass es sehr schwierig ist, sich von der Massenmeinung zu lösen und das genaue Gegenteil von dem zu tun, von dem alle glauben, es sei richtig. Heute sind wir mit großer Wahrscheinlichkeit wieder an so einem Punkt angekommen:

Den Bürgern wird gesagt, dass ihr Geld beim Staat sicher aufgehoben ist. Und weil das nun viele Jahre lang richtig war, glauben die Menschen diesen Unsinn – übersehen dabei aber, dass die Staatsfinanzen weltweit völlig aus dem Ruder laufen und auf eine Katastrophe von historischen Dimensionen zusteuern.

Sollen jetzt die Zinsen steigen, ist das Spiel aus. Auch in dieser Hinsicht sollte man die weitere Entwicklung in Griechenland genau studieren. So ähnlich wird das auch bei den Staatspleiten ablaufen, die Griechenland folgen werden. Achten Sie in diesem Zusammenhang besonders auf die US-Bonds. Sollten die Kurse der 30jährigen Staatsanleihen unter die rot eingezeichnete Linie fallen, wird es ungemütlich. Das könnte bedeuten, dass sich nicht nur die Bank Sarasin von Staatsanleihen verabschiedet...

Auch an den Börsen wird die Krise jetzt beerdigt. Die Bären trollen sich, es gibt kaum noch Stimmen, die es wagen, auf die Risiken aufmerksam zu machen. Der DAX steigt und viele Börsianer klopfen sich wieder auf die Schulter: Endlich liegt man wieder richtig – auch das war jahrelang so: Wer von 1982 bis 2000 dem Trend gefolgt ist, der konnte nicht viel falsch machen. Endlich ist die Krise vorbei, die Kurse steigen wieder, so lautet jetzt das Motto.

Allmählich scheint diese Erkenntnis Allgemeingut zu werden. Und das ist gut so...

Wie wir die Lage jetzt einschätzen und was wir unseren Lesern raten, das lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Antizyklischen Börsenbriefs, die vor wenigen Tagen erschienen ist.

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Zum Autor:
Andreas Hoose ist Chefredakteur des Antizyklischen Börsenbriefs, einem Service der BörseGo AG, und Geschäftsführer des Antizyklischen Aktienclubs. Börsenbrief und Aktienclub, das komplette Servicepaket für die Freunde antizyklischer Anlagestrategien! Informationen finden Sie unter www.antizyklischer-boersenbrief.de und www.antizyklischer-aktienclub.de