Mit Schwellenländeranleihen dem schwächelnden globalen Wachstum trotzen

von Alejandro Arevalo, Fondsmanager des Jupiter Global Emerging Markets Corporate Bond und des Jupiter Global Emerging Markets Short Duration Bond bei Jupiter Asset Management

Auf den ersten Blick scheinen die Schlagzeilen der vergangenen zwölf Monate nichts Gutes für Emerging-Market(EM)-Investoren zu verheißen. Beherrscht wurden die Titelseiten im Jahr 2019 vor allem von Nachrichten über den US-chinesischen Handelskrieg, Sanktionen, Proteste und schwächere Wachstumsraten. Man sollte also meinen, dass EM-Anleihen ein schwieriges Jahr hinter sich haben. Tatsächlich aber ist das Gegenteil der Fall. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels hatten die wichtigen EM-Hartwährungsindizes seit Jahresanfang allesamt um mehr als 11 Prozent zugelegt. Diese Performance und die negativen Schlagzeilen scheinen sich zu widersprechen. Angesichts der Tatsache, dass Investment-Grade-Anleihen im Gesamtwert von rund 17 Billionen US-Dollar inzwischen negativ verzinst sind – Investoren also zunehmend für das Privileg, Anleihen zu halten, zahlen müssen –, lockt die vergleichsweise attraktive Verzinsung vieler EM-Anleihen jedoch immer mehr Investoren an.

Wird 2020 anders sein? Fundamental betrachtet wahrscheinlich nicht. Die Weltwirtschaft verliert weiter an Fahrt und kurzfristige Wachstumstreiber sind ebenfalls nicht erkennbar. Die Einkaufsmanagerindizes für das globale verarbeitende Gewerbe signalisieren, dass wir kurz vor einem Abschwung stehen könnten. In immer mehr Ländern liegen diese Indizes inzwischen unter der Marke von 50, was auf eine Rezession hindeutet. Wir befürchten, dass die gleiche Entwicklung auch auf den Dienstleistungssektor übergreifen könnte.

Wie begegnen wir dem Risiko eines langsameren Wachstums?

Wir setzen auf einen strategisch defensiveren Investmentansatz mit einem diversifizierten Mix aus Ländern und Unternehmen, die in einem schwierigeren Umfeld überdurchschnittlich abschneiden können. Tatsächlich umfasst unser Anlageuniversum 83 Länder. Einige davon könnten zwar einen deutlicheren Abschwung zu spüren bekommen, jedoch bewegen sich nicht alle im gleichen Zyklus. Das heißt, viele dieser 83 Länder sollten sich auch dann gut halten, wenn die größte Volkswirtschaft der Welt 2020 oder 2021 tatsächlich in eine Rezession abrutschen sollte.

Wir identifizieren diese Länder anhand ihrer wichtigsten Wachstumstreiber. Vor dem Hintergrund des aktuell schwierigen globalen Handelsumfelds bevorzugen wir Länder, deren Wirtschaft stärker vom Binnenkonsum als vom Handel abhängig ist. Außerdem behalten wir die Zentralbanken im Blick – in mehreren Ländern wie Brasilien, Russland und Indien werden die Zinsen gesenkt und die Inflation ist weiterhin unter Kontrolle, was das Wachstum stützen sollte.

Mehrwert generieren in unterschätzten Märkten

Vor diesem Hintergrund liegt unser Hauptaugenmerk mit Blick auf 2020 vor allem auf den Ländern, die andere eher nicht auf dem Radar haben. Beim Stichwort Schwellenmärkte denken viele zunächst an Indexschwergewichte wie China, Russland oder Mexiko. Diese Märkte werden intensiv beobachtet und analysiert, wodurch es hier schwieriger ist, Mehrwert zu generieren. Als aktive Manager sind wir überzeugt, dass wir mit einem Engagement in kleineren Emittenten mit sehr starken Fundamentaldaten einen größeren Mehrwert generieren können. Natürlich meinen wir mit klein nicht illiquide. Guatemala wird zum Beispiel oftmals weniger beachtet, überzeugt aber mit politischer Stabilität und Anleiheemittenten, von denen viele führend in ihren Märkten sind. Während des großen Ausverkaufs im vergangenen Jahr ließen sie den breiten Markt hinter sich. Ein weiteres Beispiel ist Kasachstan, das wir als eine Form der Russland-Anlage ohne die ansonsten teuren Spreads und erhöhten Sanktionsrisiken betrachten.

Natürlich lassen wir die größeren Anlagemöglichkeiten deshalb nicht völlig unbeachtet. Die richtigen Länder haben immer noch einen Platz in unserem Ausblick. Aktuell mögen wir zum Beispiel Brasilien, wo mehrere marktorientierte Strukturreformen in Bereichen wie Altersversorgung und Steuern angestoßen worden sind, die unserer Ansicht nach zu positiven Wachstumsimpulsen führen sollten. Wichtig ist dabei auch, dass Brasilien eine relativ geschlossene, sehr stark vom inländischen Konsum abhängige Wirtschaft hat, was unserem Ansatz der Minimierung des Handelsrisikos entgegenkommt.

Fundamentaldaten im Fokus

Das EM-Anlageuniversum ist ausreichend breit aufgestellt, um Negativschlagzeilen zu überstehen, auch wenn das auf den ersten Blick nicht der Fall zu sein scheint. Wir halten an unserem vorsichtigen Ansatz fest und versuchen, nicht nur den Carry im Blick zu haben, sondern legen den Fokus auf Investmentmöglichkeiten, die solide Fundamentaldaten bieten und auch in einem schwierigeren wirtschaftlichen Umfeld attraktiv sind. Auf Grundlage dieses Ausblicks meiden wir stark vom Außenhandel abhängige EM-Volkswirtschaften und bevorzugen kleinere Länder mit einer positiven makroökonomischen Entwicklung und einem robusten inländischen Konsum. Diese können uns helfen, echten Mehrwert zu generieren und eine angemessene Vergütung für die von uns eingegangenen Risiken zu erhalten.

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Schwellenländer-Chancen abseits des Handelskonflikts

von Ross Teverson, Head of Strategy, Emerging Markets bei Jupiter Asset Management

In den letzten zwölf Monaten bestimmte der Handelsstreit zwischen den USA und China die Schlagzeilen. Jeder Durchbruch wäre für die Anleger bedeutsam und für die Stimmung in den Schwellenländern positiv. Dennoch sind wir überzeugt, dass es noch einige andere Bereiche gibt, die im kommenden Jahr positive Überraschungen mit sich bringen könnten – unabhängig davon, wie sich die Handelsverhandlungen der USA und China entwickeln.

Beginnen wir mit dem Bankensektor, insbesondere mit Banken in kleineren Schwellen- und Frontier-Märkten. In vielen Fällen liefern diese Banken starke Erträge und werden gleichzeitig zu attraktiven Bewertungen gehandelt. Darüber hinaus verfügen sie über Geschäftsmodelle, die die Stärken traditioneller einlagenfokussierter Retailbanken mit fintechähnlichen Innovationen verbinden. Das ermöglicht ihnen, auf innovative Weise neue Kunden mit neuen Produkten zu erreichen. So sind sie entsprechend positioniert, um von der wachsenden finanziellen Integration zu profitieren, die wir als einen bedeutenden Strukturwandel in diesen Märkten betrachten. Einige der Banken, wie die KCB in Kenia, die wir im vergangenen Jahr um diese Zeit gekauft haben, haben das Interesse der Anleger geweckt. Andere Unternehmen in diesem Bereich bleiben jedoch - trotz solider Fundamentaldaten und eines positiven Ausblicks - völlig unberücksichtigt. Ein Potenzial, das sich im nächsten Jahr ändern könnte.

Ein weiterer Sektor, der im nächsten Jahr überraschen könnte, ist Technologie, insbesondere die Halbleiterindustrie. Aktien von Halbleiterunternehmen haben sich im Jahr 2019 insgesamt gut entwickelt und es besteht Spielraum für mehr im Jahr 2020. Der Grund für unseren Optimismus ist, dass wir einige signifikante Veränderungen im Endmarkt beobachten. Das Aufkommen von 5G-Telekommunikationsnetzen dürfte die Nachfrage nach Halbleitern erhöhen. Gleichzeitig sind durch Konsolidierungen führende Unternehmen in den Bereichen Halbleiterspeicher, Gießerei und Design entstanden, die alle gut positioniert sind, um von Veränderungen zu profitieren.

Mexiko könnte die dritte Überraschung im kommenden Jahr sein. Mexiko ist ein Land, das derzeit nicht in der Gunst der Schwellenländer-Investoren steht, aber viel zu bieten hat. Tatsächlich liegen die Bewertungen des Marktes im unteren Bereich ihrer historischen Spanne. Gleichzeitig sind jedoch die Aussichten für Mexiko weitaus besser als erwartet. Die politischen Rahmenbedingungen sind positiver als von vielen erwartet und die Wirtschaft profitiert davon, dass Unternehmen ihre Produktion nach Mexiko verlagern, wenn sie ihre Aktivitäten außerhalb Chinas diversifizieren.

Letztlich, wenn auch nicht besonders überraschend, lohnt es sich, den Aufschwung der Small- und Mid-Cap-Unternehmen im Auge zu behalten. Im Jahr 2018 waren wir der Ansicht, dass Small- und Mid-Cap-Aktien von Investoren zu Unrecht verkauft wurden, da sich der Markt in erster Linie auf makroökonomische Belange konzentrierte. Im Jahr 2019 wurde unsere Geduld belohnt, da die starken operativen Ergebnisse vieler dieser übersehenen Unternehmen zu einer positiven Kursentwicklung führten. Wir gehen davon aus, dass die Small- und Mid-Caps, die nicht in einer Benchmark gelistet sind, weiter an Wert gewinnen, insbesondere wenn der Markt beginnt, an geopolitischen Turbulenzen vorbeizuschauen und sich auf die Fundamentaldaten zu konzentrieren.

Insgesamt rechnen wir damit, dass wir auch im nächsten Jahr eine gute Auswahl an Unternehmen finden werden, die unserer Meinung nach attraktive Bewertungen mit dem Potenzial für eine starke Ertragssteigerung kombinieren. Mit unserem Bottom-up-Ansatz finden wir diese Unternehmen in einer Vielzahl von Branchen und Märkten, so dass wir ein grundsätzlich attraktives, aber wirklich diversifiziertes Portfolio aufbauen können.