Durch die immensen Bilanzausweitungen haben sich Notenbanken sehr viel Risiko in die Bilanzen geholt. Hohe Verluste können jederzeit auftreten. Bewiesen hatte das die Schweizer Nationalbank (SNB) im vergangenen Jahr. Sie erwirtschaftete einen Jahresverlust von gut 23 Mrd. Franken.

ANZEIGE

Die SNB konnte diesen Verlust absorbieren. Sie hatte in den Vorjahren hohe Rücklagen gebildet. Das Eigenkapital sank auf Jahressicht um gut 25 Mrd. Franken, doch unterm Strich hat die SNB nach wie vor ein bequemes Eigenkapitalpolster von 61 Mrd.

Nicht jede Notenbank hat so hohe Rücklagen. Die EZB wies für 2015 Eigenkapital von lediglich 7,7 Mrd. Euro aus. In der Bilanz schlummern allerdings hohe Risiken. Durch Wertpapierkäufe und Notkredite an Krisenländer wie Griechenland sind Anlagen von 150 Mrd. ausfallgefährdet. Bereits ein Verlust von 5 % auf diesen Anlagen kann das Eigenkapital komplett aufzehren.

Für die gesamte Eurozone sieht es nicht besser aus. Ein Großteil des Verlustpotenzials liegt nicht bei der EZB, sondern den einzelnen Notenbanken der Mitgliedsstaaten. Sie sind es, die die Staatsanleihen kaufen und in ihren Bilanzen halten. Inzwischen ist die kombinierte Bilanzsumme aller Notenbanken der Eurozone auf über 2 Billionen angewachsen. Auf 1,2 Billionen können hohe Verluste anfallen.

Den Anlagen steht Eigenkapital in Höhe von 97 Mrd. gegenüber. Das wirkt auf den ersten Blick nicht einmal so schlecht, doch das Eigenkapital wächst sehr viel langsamer als die Bilanzsumme. Die Bilanzsumme weitet sich durch die Anleihenkaufprogramme sehr schnell aus. Der Aufbau von Rücklagen kann da nicht Schritt halten.

Weder die EZB noch die einzelnen Notenbanken sind akut in Gefahr, ihr Eigenkapital zu verlieren. Geht man nun aber davon aus, dass ein Staat seine Anleihen nicht mehr bedienen kann und folglich bankrottgeht, dann ist das Eigenkapital verschwunden. Die Notenbank müsste negatives Eigenkapital ausweisen. In diesem Fall übersteigen die Verbindlichkeiten die Vermögenswerte.

Notenbanken können bankrottgehen, da die Verbindlichkeiten die Vermögenswerte übersteigen können. Das ist allerdings nicht wirklich relevant, da Notenbanken nicht insolvent sein können. Übersteigen die Verbindlichkeiten die Anlagen, dann sind herkömmliche Unternehmen insolvent. Sie haben keine Mittel mehr, um Verpflichtungen nachzukommen. Da sie keine Sicherheiten mehr haben, leiht ihnen auch niemand mehr Geld. Die Abwicklung des Unternehmens ist unausweichlich.

Bei Notenbanken ist das anders. Die Verbindlichkeiten können zwar größer als die Vermögenswerte sein, doch eine Insolvenz ist trotzdem nicht möglich. Notenbanken können einfach neues Geld erschaffen. Eine Zahlungsunfähigkeit kann daher nicht eintreten. Die EZB beschrieb das in einem Paper vor kurzem so: Zentralbanken sind vor der Insolvenz geschützt, weil sie Geld schaffen und dadurch auch mit negativem Eigenkapital operieren können. (Nachlesen lässt sich diese Einschätzung der EZB in ihrer Publikation auf Seite 14, Fußnote 7 : ).

Rein formal und technisch gesehen ist ein Bankrott möglich. Praktisch hat das keine Bedeutung, weil sie Notenbank im Notfall einfach mehr Geld druckt, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Das ist für Notenbanken eine sehr bequeme Ausgangslage, denn dieser Umstand ermöglicht es ihnen, unbegrenzt Risiken in ihre Bilanz aufzunehmen.

Spinnt man den Gedanken weiter, dann zeigt sich jedoch, dass Notenbanken trotz ihrer Sonderstellung nicht unbedingt wahllos Verluste anhäufen sollten. Gezeigt hat sich das weltweit immer wieder, sei es derzeit in Venezuela oder bis vor kurzem Argentinien, in Simbabwe oder in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Diesen Fällen war gemein, dass Notenbanken insolvente Staaten retteten. Sie übernahmen de facto die Schulden der Staaten, die nichts mehr wert waren (die Schulden entsprachen Verlusten, die die Notenbanken in ihre Bilanz aufnahmen) und druckten neues Geld, um die Verluste auszugleichen.

Die Folge war immer Hyperinflation, ein Zusammenbruch der Währung und letztlich eine Währungsreform. Das wäre heute auch in der Eurozone nicht anders, wenn es dazu kommt. Bis es dazu kommt, haben Notenbanken jedoch einen großen Spielraum. Solange sie die Verluste noch gegenrechnen können, ist Hyperinflation nicht der einzige Ausweg.

Notenbanken haben ein bestimmtes Ertragspotenzial. Die Deutsche Bundesbank erwirtschaftet derzeit etwas über 3 Mrd. an Gewinn pro Jahr. Weist sie nun – aus welchem Grund auch immer – negatives Eigenkapital von 15 Mrd. aus, dann ist das angesichts der Ertragslage nicht sonderlich kritisch. Sie kann die Verluste über einen Zeitraum von mehreren Jahren wieder ausgleichen.

Weist die Bundesbank nun jedoch einen Verlust von 200 Mrd. aus, dann ist es absolut unrealistisch, dass sie diesen Verlust jemals wieder über die jährlichen Erträge kompensieren kann. Die Folge ist der Ausgleich der Verluste über die Notenpresse. Das führt dann am Ende zu hoher Inflation.

Auch wenn Notenbanken niemals insolvent sein können, betreiben Notenbanken derzeit trotzdem ein kritisches Spiel. Gehen die Staaten, von denen sie Anleihen halten, bankrott, dann übersteigen die Verluste rasch das Eigenkapital und das langfristige Ertragspotenzial der Notenbanken. Die Folge ist letztlich hohe Inflation.

Es muss nicht unbedingt auf hohe Inflation hinauslaufen. Es kann schließlich alles gutgehen. Geht jedoch nicht alles gut und wie geplant, dann stehen die Währungsräume, in denen die Notenbanken ihre Bilanzen aufgebläht haben, vor hoher Inflation. Der Markt muss lediglich das Vertrauen in die Notenbank und die Staatsfinanzen verlieren und schon kommt ein Stein ins Rollen, der sich nicht mehr aufhalten lässt. Notenbanken vollziehen eine sehr schwierige Gratwanderung