In Deutschland zeigten sich zuletzt die Auftragseingänge sehr schwach. Über das Märchen von der starken, deutschen Wirtschaft hatte ich hier schon berichtet. In vielen anderen Ländern sieht es nicht besser aus. In Osteuropa lässt das Wachstumstempo deutlich nach. Italien steckt bereits wieder in der Rezession. Frankreich schrumpft zwar nicht, kann aber auch nicht wachsen.

Ermunternde Signale kamen zuletzt aus Spanien, Portugal, Griechenland und Irland. Spanien wächst seit einem Jahr wieder. Das Wachstum hat sich von Quartal zu Quartal beschleunigt. Angefangen hat es vor einem Jahr mit einem Plus von 0,1% und steht aktuell bei 0,6%. Portugal hat in den letzen 5 Quartalen in 4 davon Wachstum ausweisen können. Griechenland kam ebenfalls wieder in die Pluszone (+0,2%). Dynamisch ist das allerdings noch nicht... Einzig Irland legt wieder richtig los. Hier betrug das Quartalswachstum zuletzt 2,7%.

All das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Industrieproduktion in allen Ländern seit 3 bis 5 Monaten drastisch zurückgeht. Seit Anfang des Jahres hat sich das Wachstum der Industrieproduktion tendenziell verlangsamt. In den meisten Ländern ist es nun zum Erliegen gekommen oder sogar wieder rückläufig. Ganz vorne mit dabei ist Frankreich. Hier schrumpfte die Produktion zuletzt um 2%.

Schwächephasen sind grundsätzlich ganz normal. Auch im Aufschwung gibt es nicht nur eine Richtung. Es gibt aber auch mittelfristige Warnsignale. Besonders gut eignet sich das Wachstum der Geldmenge M1 (Bargeld und Sichteinlagen). In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Geldmengenwachstum hervorragend als Vorlaufindikator geeignet. Die Grafik zeigt das BIP Wachstum im Euro Währungsraum und das Wachstum von M1, allerdings zwei Quartale nach vorne verschoben. Ganz exakt ist das nicht. Man könnte die M1 Zeitreihe auch drei Quartale nach vorne schieben. In beiden Fällen ändert das aber nichts am Vorlaufcharakter. Die Frage ist lediglich wie schnell der Abschwung in der Wirtschaft nach dem Rückgang des M1 Wachstums kommt.

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Das M1 Wachstum hat ungefähr zu Jahreswechsel eine Trendumkehr eingeleitet. Jetzt, 2 Quartale später, zeigt auch das Wirtschaftswachstum einen Knick nach unten. Das deutet zumindest darauf hin, dass es auch im dritten Quartal kaum besser wird. Das wäre sehr ungewöhnlich. Ob dann aus zwei schwachen Quartalen ein neuer, waschechter Abschwung wird - darüber kann man nur spekulieren. Es könnte grundsätzlich wie 2004/05 kommen. Hier kam es lediglich zu einer temporären Schwächephase.

Das ist natürlich das favorisierte Szenario. Eine neue, flächendeckende Rezession dürfte der Eurokrise ein fulminantes Comeback ermöglichen. Inzwischen wissen wir, dass die EZB zu allem bereit ist. Muss die EZB allerdings ihr Maßnahmenpaket noch einmal deutlich ausweiten, dann lässt das tiefgreifende Zweifel an den bisherigen Maßnahmen und deren Wirkung zu. Wenn die EZB es in den vergangenen Jahren nicht richten konnte, wieso sollte sie es dann jetzt tun können?

Persönlich gehe ich nicht von einem langanhaltenden Abschwung aus. Es kommt aber auch nicht zum großen Befreiungsschlag für die europäische Wirtschaft, den sie so dringend gebraucht hätte. Es sieht derzeit eher danach aus, als müssten wir uns bis nächstes Jahr mit einem weiter so (sprich Stagnation) anfreunden.

Die europäischen Aktienmärkte sind im Griff der Ukrainekrise. Die heute gestartete Erleichterungsrallye kann noch andauern. Ist die Erleichterung aber erst einmal eingepreist, dann dürften sich Anleger wieder auf andere Themen konzentrieren. Und da sind die fundamentalen Daten momentan einfach schlecht. Bis Ende September/Anfang Oktober sehe ich in Europa noch Luft nach unten, vor allem beim Dax.